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Der Herrscher der Phantasie
Es war elf Uhr nachts, und ich lag im Bett. Der Tag war anstrengend gewesen und ich war müde. Wer ich bin? Nun, mein Name ist Uhlenbrock, Klaus Uhlenbrock. Mein Beruf tut nichts zur Sache, aber mein ehemaliges Hobby spielt eine wesentliche Rolle in dieser Geschichte. Ich war Hobbyschriftsteller. Ich habe Reiseerzählungen geschrieben und vor allen Dingen Kurzgeschichten. Sie mochten nicht besonders gut gewesen sein, doch sie gehörten zu meinem Leben dazu. Auch versuchte ich ein paar Mal sie einem Verlag anzubieten, bekam aber Absagen, so dass ich diesen Postverkehr wieder einstellte. Trotzdem schrieb ich weiter.
So lag ich denn in jener Nacht in meinem Bett und dachte über eine neue Story nach, als ich plötzlich das Gefühl hatte, nicht allein in meiner Kemenate zu sein. Es war nur ein Gefühl, mehr nicht. Ich blickte hoch und sah mich in meinem dunklen Zimmer um. Mein Blick glitt über die Bücherregale, über den Teppich, meinen Sessel und den Tisch in der Mitte des Zimmers, bis ...! Da gewahrte ich einen dunklen Umriss in einem der Sessel, mir direkt gegenüber. Ein Schauer lief mir den Rücken herunter, trotz dass ich kein Angsthase war. Ich setzte mich auf und war sogleich in das gleißende Licht meines Diaprojektors, der auf dem Tisch stand, eingetaucht. Der Motor surrte, und das Licht warf meinen Schatten auf die Wand hinter mir. „Wer ..., wer ist da?!", flüsterte ich. Keine Antwort. „Wenn du Geld willst, muss ich dich enttäuschen." Ich blinzelte in das Licht. „Ich will kein Geld", ertönte eine Stimme, die wie Glasklirren klang. „Ich möchte euch etwas anbieten, verehrter Herr", sprach der „Glasmann" weiter. „Und das wäre?", wagte ich zu fragen. „Wer seid ihr überhaupt?" „Habe ich mich noch nicht vorgestellt?" Er sprach die Worte wie einen Vorwurf an sich selbst. Dann folgte der kurze Satz: „Man nennt mich den Herrscher der Phantasie." „Der Herrscher der Phantasie?", stammelte ich, nicht begreifend, was er damit meinte. „Ja, so nennt man mich. Ihr werdet mich nicht kennen, aber ich bin die Person, die der Menschen Gefühle und Gedanken in Worte und Bilder formt. Ich schicke Träume und lasse Gedanken in Buchstaben auf Papier erscheinen. Besonders eure, Herr Uhlenbrock." „Aber Gefühle basieren nicht auf Phantasie", wagte ich zu widersprechen. „Ihr irrt", verneinte er. „Gefühle sind Produkte der Seele des Menschen. Aber die Seele selber ist ein Phantasieprodukt eures Geistes, der eigentlich nicht greifbar ist. Ihr meint, Gefühle kommen aus eurem Herzen. Das ist insoweit richtig, als dass es ein unbegreiflicher Ausdruck ist: Euer Herz. Ihr bildet in eurem Gehirn Gedanken und Wörter. Es sind aber in Wahrheit nur chemische und physikalische Vorgänge. Neuronale Strukturen und anatomische Vorgänge lassen euch glauben, dass ihr wirklich denkt und fühlt. Ihr seid allen Maschinen und Computern weit voraus, weil die Grenze eurer Gehirne fast unbegrenzt ist. Nur zwanzig Prozent davon nutzt ihr aus. Den Rest besitzt euer Unterbewusstsein und das Schwarze Loch des Unbenutzten. Mit zwanzig Prozent denkt, fühlt, redet und glaubt ihr. Aber dazu ist Phantasie nötig, die bei jedem anders ausgebildet ist. Wer zuviel davon hat, wird als irre abgestempelt. Wer zuwenig hat, als gefühllos und kalt. Doch sich diese Unterscheidungen auszudenken, dazu gehört schon viel Phantasie. Das müsst ihr zugeben." Er sprach so schnell mit seiner gläsernen Stimme, dass mir ganz schwindelig wurde und ich nur zustimmend nicken konnte. „Aber genug davon", fuhr er fort. „Ich bin hier, um euch einen Vorschlag zu unterbreiten." Meine Augen brannten von dem hellen Dialicht. „Und der wäre?" „Ihr schreibt Geschichten, nicht wahr? Und ihr habt den Wunsch, damit berühmt zu werden? Gut. Ich biete euch meine Hilfe an. Ich werde euch Phantasie für Geschichten geben, wie sie kein zweiter hat. Ihr werdet eure Bücher einschicken und sie werden der Welt gefallen." Ich versuchte mich mit dem Gedanken anzufreunden. Schließlich fragte ich: „Ihr habt die Macht dazu?" „Ja." „Hm, das würde mich schon interessieren. Aber was wollt ihr als Gegenleistung von mir?" Er lachte gläsern. „Nur einen kleinen Wunsch habe ich. Aber diesen kann ich euch erst in naher Zukunft mitteilen. Dazu ist die Zeit heute nicht die Richtige. Erlaubt also, wenn ich euch später davon erzähle. Habt ihr sonst noch Fragen?" Ich hatte noch viele, aber ich konnte sie nicht in Worte fassen. Er merkte es und ich hörte, wie er leise lachte. „Gut. Wie ich das sehe, habt ihr keine mehr. Nun, so gilt unser Pakt. Wir werden uns bald wiedersehen. Lebt bis dahin wohl." Das waren seine letzten Worte. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, wieder allein im Raum zu sein. Nur der Diaprojektor surrte leise. Ich stand auf und ging zum Sessel hinüber. Er war leer und kalt, als hätte nie jemand hier gesessen. Dann stellte ich den Projektor aus und stieg zurück in mein Bett. Ich dachte über den Besuch nach, fand aber keine beruhigende Erklärung für das, was passiert war.
Auf einmal überkam mich eine wunderbare Idee für eine Geschichte, und ich beschloss, sie zu schreiben. Damit war die Nacht vorbei! Schon hatte ich einen Block und meinen Füller in der Hand und schrieb und schrieb ... die ganze Nacht hindurch. Und die nächsten fünf Nächte gleich dazu. Dann fing ich an, mein Geschreibsel mit der Schreibmaschine zu verbessern und hatte nach zwei Wochen harter Arbeit ein Buch von über dreihundert Seiten fertig. Schon nach wenigen Wochen hatte ich eine positive Antwort eines renommierten Verlages. Mein Buch würde herauskommen. Dann gingen meine Seiten den Weg, den ein Buch nimmt, ehe es auf dem Markt erscheint.
Der Roman war nach zwei Wochen vergriffen und ein voller Erfolg! Bereits zu dieser Zeit hatte ich einen weiteren fertig, der ebenfalls veröffentlicht wurde. So ging es mehrere Monate hindurch, bis ich irgendwann mein zehntes Buch im selben Verlag untergebracht hatte. Meine Phantasie schien zu explodieren! Ich hatte eine Idee nach der anderen, schrieb wie von Sinnen Zeile um Zeile, Seite um Seite. Zwei meiner Bücher fanden sich regelmäßig zur gleichen Zeit in den Bestsellerlisten. Ich bekam haufenweise Fanpost, die ich irgendwann nicht mehr beantworten konnte. Dazu hatte ich keine Zeit mehr, denn ich hatte bereits eine neue Idee für ein Buch. Ich musste Lesungen halten und Autogrammstunden geben. Ich gab Interviews und wurde gern gesehener Gast in Talkshows. Mein Terminkalender schien zu platzen, so dass auch die Schreiberei zurückging. Längst hatte ich eine größere Wohnung und eine eigene Sekretärin für die Post. Ja, ich spielte bereits mit dem Gedanken, mir einen Ghostwriter zuzulegen, der mich entlasten sollte. Aus meiner anfänglichen Hobbyschriftstellerei wurde ein harter und entbehrungsreicher Fulltimejob. Ich hatte kaum noch Zeit für mich und meine Freunde. An Heirat und Familie war erst recht nicht zu denken. Meine Eltern und Geschwister sah ich nur noch auf flüchtigen Treffen. Irgendwann dann fing ich an, über meinen Pakt zu fluchen und ihn zu bedauern. Aber, gab es diesen Pakt überhaupt? War er vielleicht nicht nur ebenfalls ein Produkt meiner Phantasie? Ja, so musste es sein! Schließlich waren es doch meine Ideen, die ich in Bücher verpackt hatte! Ich bekam Angst vor der Nacht und der Dunkelheit. Ich floh ins Licht, in meine Gedankenwelt. Und in meine Kissen.
Eines nachts meinte ich, nicht allein in meinem Zimmer zu sein. Abrupt wachte ich auf und starrte wiederum in das gleißende Licht eines Diaprojektors, das mich meine Augen wieder schließen ließ. Die Zeit war da, ich spürte es. Schon vernahm ich die mir schon bekannte, gläserne Stimme. „Guten Abend. Ich in wieder da." „Was wollt ihr?" Ich hielt mir die Hand vor die Augen. „Nun, ich habe noch einen Wunsch frei, Ihr erinnert euch? Gut. Ich bin also jetzt bei euch, um euch diesen Wunsch mitzuteilen." „Ich glaubte, Ihr ..." „Ich weiß. Ihr habt mich zu verdrängen versucht. Aber ich bin da. Hier bei euch. Ich bin nicht ein Produkt eures Geistes, sondern ich bin der Herrscher über euren Geist! Vergesst das nicht!" „Und welchen Wunsch habt ihr, nach all der Zeit?" „Ja, die Zeit war lang. Aber sie spielt für mich keine Rolle. Ich lebe, seit der Mensch zu denken begann und anfing, seine Instinkte zu vergessen. Und das ist lange, sehr lange her. Aber hört nun meinen Wunsch: Ich will euren Geist, eure Phantasie für mich haben." „Aber", warf ich ein, „Ihr gabt mir doch alle Gedanken für die Bücher." Er lachte. „Aber nein, nicht doch. Ich habe sie nur in euch entfacht. Ihr habt durch meinen Besuch erfahren, was euer Gehirn zu leisten vermag. Und ihr habt meine Meinung über euch tausendfach übertroffen. Ihr besitzt eine Phantasie, wie sie selten ist. Und ihr seid damit berühmt geworden. Seht eure Bücher hier auf den Regalen." Erneut lachte er gläsern süffisant. „Doch jetzt ist Schluss damit. Macht meinen Wunsch wahr und gebt mir euren Geist!" „Was wollt ihr damit?" „Nun, sagen wir, er ist der Schlüssel für andere, um das zu tun, was sie schon immer tun wollten. Eure Phantasie auf andere verteilt wäre für mich ein Beweis meiner Macht. Und, überlegt, welche Freude Ihr diesen Menschen machen würdet, wenn sie so schreiben könnten wie Ihr. Ihr würdet sie glücklich machen." Er hatte mit einer katzenartigen Freundlichkeit gesprochen, die urplötzlich in ein böses Zischen überging. „Haltet unseren Pakt ein! Gebt mir eure Phantasie!" Ich wich zurück. „Nein, das kann und will ich nicht." Da brach er in ein diabolisches Lachen aus und drückte auf einen Knopf. Auf der Wand hinter mir erschien das Bild eines Dias. Ich drehte mich um und las den Text, der dort stand. Es waren die Worte aus meinem ersten Roman, die ersten zehn Seiten. Weitere Dias folgten, während der Herrscher lachte und lachte. Alle meine Zeilen las ich auf der Tapete, und jedes Mal, wenn ein neues Bild auftauchte, hatte ich das Gefühl, als verschwinde die Erinnerung an mein Buch aus meinem Gedächtnis. In immer schnellerer Zeit folgte Dia dem nächsten Dia, und in ebensolcher Zeit entleerte sich mein Gehirn. „Seht Ihr", vernahm ich die gläserne Stimme des Herrschers aus dem Hintergrund, während ich meine Augen nicht von der Wand lassen konnte, „ich besitze eure Phantasie bereits. Und wisst Ihr was: Ich werde sie mitnehmen." „Nein, tut das nicht", rief ich mit schwacher Stimme, versuchte, abwehrend die Hände zu heben. „Zu spät." Dann war alles ruhig. ER war wieder fort. Nur der Diaprojektor surrte. Diesmal stellte ich ihn nicht aus.
Ich habe all meinen letzten Geist zusammengenommen, um diese Geschichte niederzuschreiben. Ich habe lange dafür gebraucht, obwohl es ein Erlebnis meinerseits war und ich das Erlebte nur hätte aufschreiben müssen. Aber die nötigen Worte fehlten mir. Mein Geist ist wie leergebrannt. ER hat mich geschafft, der Herrscher der Phantasie. ER hat meinen Lebenstraum in mir entzündet und dann hat ER mein Vermögen gestohlen. Auf alle Zeiten werde ich von nun an ohne meinen Füller umhereilen, ohne Ideen und Phantasie. Lebt also wohl, ihr Bücher, ihr Seiten voller Worte, die ihr im Regal steht und meinen Namen tragt. Ich bin nicht länger euer Vater, sondern nur ein Produkt dessen, was auf diesen Blättern zu sehen ist.
© 1985, Klaus Uhlenbrock
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