Die Wissebrücke

 

Bauarbeiter finden uralte Fundamente

 

 

Wisse? Sternkucker würden sagen: Ja, klar, das ist ein Asteroid. Fragt man einen älteren Stemmerter Paolbürger vom Friedhof, dann spricht der von einem ehemaligen Zufluss der kleinen Steinfurter Aa. Diese Wisse floss ursprünglich vom Kohlstrunk am Baumgarten vorbei durch den Houth`schen Garten in den Seitenarm der Aa. In Höhe der Citadelle wurde sie aber vor 1933 verrohrt.

 

Bild 1 - Links und rechts der verrohrten Wisse konnte die

Konstruktion der ehemaligen Bogenbrücke freigelegt werden.

 

Beim Abbinden des Abflusses durch den Houth`schen Garten stießen Bauhandwerker jetzt auf Gründungsmauerreste der Wissenbrücke der alten Heerstraße zwischen den Niederlanden und Münster.

 

Dr. Otfried Ellger, Wissenschaftlicher Referent vom Amt für Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe dokumentierte die Reste der ehemaligen Wissenbrücke im Beisein von Gerlinde Sextro, Denkmalschutzbeauftragte der Stadt Steinfurt, die im Vorfeld die Bauarbeiter auf mögliche historische Funde hingewiesen hatte.

 

Mit Kelle und Handfeger legte Ellger nach und nach Steinschichten frei. Durch die Grabung war der einstige Aufbau gut ablesbar. Große Bentheimer Sandsteinblöcke dienten zur Gründung der Wissebrücke. Auf diesen Steinquadern wurde später eine Bogenbrücke aus Ziegelschichten gebaut. Der Durchfluss hatte nur eine Breite von 1,34 Meter.

 

Reste der Widerlager aus Sandsteinblöcken und den späteren Bogenansatz, den der Wissenschaftliche Referent anhand der verwendeten Ziegelform auf das 18. Jahrhundert datiert, wurden von ihm vermessen, ein paar Digitalaufnahmen vom Bodendenkmal gemacht, der Rest im Büro aufgearbeitet.

Im Stadtarchiv ist zu lesen, dass es 1821 ein starkes Hochwasser im Friedhofsbezirk gab. „Auf dem Friedhofe standen die Straßen und Häuser unter Wasser, so dass von dem zwei Fuß hohen Geländer der Wissenbrücke nichts zu sehen war“.


Bei der teilweisen Freilegung bis zu einer Tiefe von drei Metern bestätigte sich was in einer Rechnung zu lesen ist: Für den Bau der Wissenbrücke wurden Bruchsteine aus der Aa verbaut, Findlinge und Katzenköpfe von Flögemann angefahren.

 

Ob im Zuge der Bauarbeiten im Houth`schen Garten mit weiteren Funden zu rechnen ist? Gut möglich, sagt der Archäologe; weitere Grabungsüberraschungen bei der in Kürze beginnenden Wohnbebauung seien durchaus möglich, dürften dann aber nur dokumentiert werden.

Bild 2 - Mit Krätzer und Handfeger legte der Archäologe

Brückenreste des Bodendenkmals frei.

Bild 3 - 1,34 Meter misst die Öffnung der alten Brücke

aus dem 18. Jahrhundert.

 

 

519 Jahre alte Urkunde über einen Rentenverkauf für ein Haus weist auf „Wissebrücke“ hin

Ein Wisse-Protokoll der „Gemeinen Armen 1457“ wird im Stadtarchiv aufbewahrt. Im Fürstlichen Archiv Burgsteinfurt wird ein weiteres Dokument vom 1. Februar 1489 aufgehoben, in dem zum ersten Mal über die Wissenbrücke berichtet wird.

 

In der Pergamenturkunde Nr. 49 heißt es: „Vor Hinrick van den Krethir, Richter des Herrn zu Stenforde, verkaufen Johan van Schoppinge und seine Ehefrau Heile an Gertrude Fricken, Witwe des Pflugmachers Fricken, und deren Tochter Rixen, vorbehaltlich Eigentum und Gerechtigkeit des Grafen Everwin zu Benthem und Herrn zu S., einen halben rhein. Goldgulden jährlicher Rente aus ihrem Haus und Hof bei der Wissinckbrücke, zwischen Willem Protkens Haus und der Kirchpforte auf den Friedhof vor Steinfurt.“
 

Up unser leven Vrouwen avent Lechtmissen = (Am Vortag unserer lieben Frauen Lichtmess (1.Februar)

 

Dreimaol unner de Wissenbrügge…

Dat Stadtdeel „Friedhoff“ hät, so lange et besteiht, ümmer etwas vüörut hat. All vüör dreihunnert Jaohren hadde et siene eegene Börgermesterie un wull met de Stadt nicks to dohn häbben.

 

An de südlicke Siete stonn dat Paothüsken met eene graute Paote, de aobends üm thein Uhr tosluotten worde. Dat Hüsken is länks wäg, owwer ümmer noch unner den Namen Blockpaote bekannt.

 

In Austen lagg de Ao, an de westlicke Kante wass de Citadelle baut un in Norden lagg de Wissenbrügge, welke aobends hauge trocken worde. Somet konn bi Nachttieden kienen Frümden mähr nao den Friedhoff kuemmen.

„De Wisse is eenen Watergraben, kümp buoben van den Kaulstrunk harunner, flött üöwer den Bumgaoden, ächter de Citadelle här, an Pastorshus vüorbi, unner de Friedhoffstraote düör Rolinckshoff (Houtsche Garten) in de Ao.


Füör de Friedhüöwer hadde dütt Water eene graute Bedüdung. Well Friedhüöwer Börger wärden wull, moss iärst dreimaol unner de Wissenbrügge här kroeppen sein un wassen em daodüör alle Rächte üöwergiebben“, schrieb im Juli 1932 Humorist und Lyriker Wilhelm Nibbrig.
 

Drei Mal unter die Wissebrücke ...

 

Der Stadtteil "Friedhof" hat, so lange er besteht, immer etwas voraus gehabt. Schon vor dreihundert Jahren hatte er seine eigene Bürgermeisterei und wollte mit der Stadt nichts zu tun haben.

 

An der südlichen Seite stand das Torhaus mit einem großen Tor, das abends um 10 Uhr zugeschlossen wurde. Das Haus ist längst weg, ist aber immer noch unter dem Namen Blocktor bekannt.

 

Im Osten lag die Aa, an der westlichen Seite war die Citadelle gebaut worden und im Norden befand sich die Wissebrücke, die abends hochgezogen wurde. Somit konnten zur Nachtzeit keine Fremden mehr zum (Stadtteil) Friedhof kommen.

 

"Die Wisse ist ein Wassergraben, kommt oben vom Kohlstrunk herunter, fließt über den Baumgarten, hinter der Citadelle her, vorbei am Pastotrenhaus, unter der Friedhofstraße hindurch über Rolinckshof (Hout'scher Garten) in die Aa.

 

Für die Friedhöfer hatte dies Wasser eine große Bedeutung. Wer Friedhöfer Bürger werden wollte, musste erst drei Mal unter die Wissebrücke hindurch gekrochen sein und dadurch wurden ihm alle Rechte übergeben", schrieb im Juli 1932 der Humorist und Lyriker Wilhelm Nibbrig.

 

Übersetzung Willi Tebben

Bild 4 und 5 - Bericht in der Münsterschen Zeitung am 27. Februar 2008; Text Christiane Hildebrand-Stubbe, Fotos Günther Hilgemann

 

Text: Hermann-Josef Pape

Fotos: Hermann-Josef Pape Bild 1 - 3)

Pressebericht Bild 4 und 5: Bericht in der Münsterschen Zeitung am 27. Februar 2008; Text Christiane Hildebrand-Stubbe, Fotos Günther Hilgemann


 

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