Der ultimative Kick

 

Der Burgsteinfurter Wertstoffhof Seite 1  2  3  4 

 

Es soll Leute geben, die für das Feeling eines zünftigen Adrenalin-Stoßes Bungee springen oder den Sprung vom 10-Meter-Turm in einen halbvollen Wassereimer wagen. Ist längst kalter Kaffee. Es gibt was Besseres: Dienstagnachmittag ab 13:30 Uhr zum Wertstoffhof Burgsteinfurt an der Johanniterstraße (geöffnet ab 14 Uhr) fahren, nach Möglichkeit mit dem fabrikneuen PKW.

 

Kurz vor zwei hat der Rückstau etwa den Bereich Veltruper Kirchweg/Im Hasfeld erreicht, wobei natürlich Kreuzungen oder Ausfahrten keine Rolle spielen. Hier wird kein Millimeter verschenkt, könnte sich ja einer zwischendrängeln. Die Kreuzung vor dem Wertstoffhof ist auch dicht. Nichts geht mehr. Anlieger der Johanniterstraße und im dahinter liegenden Neubaugebiet planen an diesem Tag besser ab Mittag einen größeren Ausflug oder richten sich auf einen gemütlichen Nachmittag zu Hause ein. Ab 18 Uhr ist ja schon wieder freie Fahrt garantiert.

Langsam baut sich die Warteschlange auf

Schnell mogelt sich noch einer an der endlosen Warteschlange vorbei und prescht direkt vor das Tor des Wertstoffhofs. Wer mehr PS unter der Motorhaube hat oder einen hochwertigeren Wagen, hat eben auch mehr Vorfahrt. Ist doch klar, oder? Ja, hier kochen Emotionen hoch, hier werden Aggressionen frei.

Während die einen schon ein Stück vorher rechts ran fahren, die Fahrbahn freimachen und anfangen, hier ihre Fahrzeuge zu entladen und den Müll zu Fuß zum Wertstoffhof bringen ...

Das Tor öffnet sich endlich. Einfahrt 5 Meter Breite? Da passen doch 4 Autos gleichzeitig durch! Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer bekommt den besten Platz vor dem Container? Fußvolk mit und ohne Schiebkarre oder der freundliche Herr im orangefarbenen Anzug mit Leuchtstreifen: "Aus dem Weg, sonst seid ihr platt." Es ist doch immer ein erhebendes Gefühl, wenn man die längst vergessenen Urinstinkte wieder entdeckt. Auch wer als kleiner "Rambo" auf die Welt kam, wurde im Laufe seines Lebens zu einem netten, liebenswerten, verantwortungsvollen Menschen erzogen. Hier aber kann man seinen unterdrückten Frust, seine Wut auf den Chef, seine Ellenbogen-Mentalität voll rauslassen und ausleben. Freunde, Nachbarn, Bekannte, aber auch Unbekannte werden zum Feindbild, den es zu bekämpfen gilt um den Zugang zum Müllcontainer. Hier zeigt sich, wer eine wahre Kämpfernatur ist. 

... lassen es sich die Profis nicht nehmen, direkt zum Container zu fahren.

Kleiner Tipp am Rande: Wer sich am Grünabschnitt-Container ganz nach hinten auf die Bühne wagt, sollte etwas zu Essen und Trinken dabei haben, er kommt vielleicht erst nach längerer Wartezeit wieder zurück. Jeder will sein Grünzeug schließlich loswerden.

 

Mit dem Auto wieder runter vom Gelände? Auch nicht gerade einfach - und was ist überhaupt eine Einbahnstraße oder Straßenverkehrsordnung? Nach bangen Momenten kommt die große Frage: rechts oder links herum? Die Antwort kann man sich schenken, ist eh alles blockiert. Irgendwann stellt sich aber doch dieses irrsinnige und unbeschreibliche Glücksgefühl ein: "Ich bin draußen und habe es überlebt, eins der letzten großen Abenteuer unserer Erde." 

Dieses Hochgefühl, wo bekommt man das sonst noch geboten? Man könnte die ganze Welt umarmen. Und ist voller Vorfreude auf den nächsten Dienstag ab 13:30 Uhr am Wertstoffhof.

Hoffentlich fällt der Verwaltung keine Verkehrslenkungsmaßnahme ein, der Nervenkitzel wäre dahin. Auch eine Verlagerung des Wertstoffhofes nach Borghorst wäre keine Lösung. Damit käme nur das gefährliche Stadtteildenken wieder hoch: "Warum dürfen die das erleben und wir nicht?" 

Kleine Anregung: es wird immer wieder behauptet, unsere öffentlichen Kassen sind leer. Gäbe es hier nicht die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, so in Richtung verkehrswidrigem Verhalten? Würde uns vielleicht die eine oder andere Steuererhöhung ersparen.

Blick vom Tor in den vorderen Teilbereich des Wertstoffhofes

Liebe Leserin, lieber Leser. nun könnte vielleicht (die) der eine oder andere von Ihnen sagen: "muss denn immer gleich alles über Knöllchen geregelt werden?" 
Sehen Sie das doch mal locker. Wenn Sie z.B. nach Münster ins Kino fahren, müssen Sie für den Action-Thriller ziemlich viel Eintritt bezahlen, mit Familie noch viel mehr. Dafür sitzen Sie dann zugegebenermaßen im gepolsterten Sessel und starren auf die Leinwand. Hier in Burgsteinfurt bekommen Sie am Dienstagnachmittag für weniger Geld sogar noch die Möglichkeit, direkt bei einem Super-Mega-Event mitzuwirken, sei es als Statist oder auf Wunsch auch als Akteur. Und Sie haben garantiert einen größeren Nervenkitzel, da Sie anders als beim Film den Ausgang des Action-Thrillers noch nicht kennen.


Wir von der Redaktion "Stenvorde.de" haben natürlich sofort das enorme Potential erkannt, das in dem Burgsteinfurter Dienstagnachmittag steckt. Wir haben uns mit einem Schächtelchen voll wohltemperierter einheimischer Hopfenkaltschale in unser stilles Kämmerlein verzogen und in abgeschiedener Klausur eine Strategie über den reibungslosen Ablauf des Events erarbeitet mit dem Ziel, die Stadtkasse mit zusätzlichen Millionen zu füllen. Im Folgenden ein kleiner Auszug aus unserem vorläufigen Arbeitspapier (befindet sich noch in der Anfangsphase):

 

1.) Da immer mehr Schaulustige zum Wertstoffhof kommen, ist es erforderlich, umfangreichere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Wir schlagen vor, für die höhergestellten Persönlichkeiten wie Bürgermeister, Ratsfrauen und -herren, Spitzenpolitiker und Angehörige von Fürstenhäusern auf dem Flachdach der auf dem Hof herumstehenden Häuser eine Tribüne zu errichten, denn das sind unersetzliche Personen. Natürlich müsste dafür Eintritt verlangt werden, sie bringen ja keinen Müll mit. Außerdem haben sie von oben den besten Überblick und werden gesehen!
Die anderen Besucher bekommen billigere Stehplätze vor den Gebäuden, haben hier aber den Vorteil, direkt ins Geschehen eingreifen zu können.

 

2.) Natürlich müssen diese Menschenmengen auch verpflegt werden. Bratwurststand und Bierpavillon sind unentbehrlich, sollten aber Richtung Ausfahrt (Ausgang) aufgestellt werden, um den erbitterten Kampf vor den Containern nicht zu stören. Es ist dabei sicher zu stellen, dass Fahrern nur Alkoholfreies eingeschenkt und jegliches Frustsaufen unterbunden wird.

 

3.) Damit die Busse unserer auswärtigen Besucher ohne weitere Verkehrsbehinderung parken können, sollte die Schafswiese zwischen Bahndamm und Wertstoffhof am Dienstagnachmittag zur Verfügung gestellt werden. Da den Schafen in diesem Fall bis ca. 17 Uhr ein Nachmittagsschlaf angeordnet wird, ist für sie kaum eine Beeinträchtigung zu erwarten. 

 

4.) Nach Sanierung der Stadtkasse bleibt wahrscheinlich genügend Geld übrig, um die Jahrhundertchance des Jahres 2006 - Verlegung des Borghorster Bahnhofs - im Sponsoring zu unterstützen. Für Nichteingeweihte: Der Bahnhof soll etwa 200-300 Meter in Richtung Burgsteinfurt verlegt werden. Dann ist er neben dem neu entstehenden Einkaufszentrum untergebracht, gleichzeitig verkürzt sich natürlich auch die Fahrzeit nach Burgsteinfurt. 

 

5.) Das ist ein Vorteil für die mit dem Zug anreisenden "Mülltouristen", die es kaum abwarten können, den Wertstoffhof in Burgsteinfurt zu erreichen. Wenn jetzt noch eine Dienstags-Bedarfshaltestelle am Veltruper Kirchweg eingerichtet würde (kostengünstige Alternative: Signal für freie Einfahrt Bf Burgsteinfurt für die Dauer des Ausstiegs auf "Halt" stellen), wären wir wunschlos glücklich.

 

6.) Programmvorschläge zum Mega-Müll-Event: 
a - Sylvie "Romba" Mallone verteidigt den letzten Müllcontainer
b - Brilly Wullice "Stirb später, aber jetzt erst recht" führt Überlebensstrategien der Müllmafia vor
c - Einbringen eines sauberen Papiertaschentuchs in den Altpapiercontainer. Es ist nicht wichtig, wie viel man abgibt, sondern dass man dabei war. (In dem Fall wird übrigens die Eintrittsgebühr zurückerstattet, weil man ja entsorgt hat!)
Weitere Vorschläge sind jederzeit herzlich willkommen!

 

7. ) Einbindung des Mega-Müll-Events in unseren touristischen Schwerpunkten.
Wir haben da mal einen Vorschlag zusammengestellt (gilt natürlich nur für den Dienstag!):
09:00 Uhr gemeinsame Wanderung - auf Voranmeldung auch geführt - durch das wunderschöne Bagno mit kurzem Umtrunk am Kiosk oder bei schlechterem Wetter in der Bagno-Gaststätte am Bagnoquadrat.
10:45 Uhr Aufführung der Bagno-Suite in unserer weltberühmten freistehenden Konzertgalerie
12:00 Uhr Mittagessen in unserer herrlichen Altstadt mit anschließendem kurzen Stadtrundgang
13:30 Uhr Eintreffen am Wertstoffhof Burgsteinfurt. Die nächsten mindestens zwei Stunden sind das Sahnehäubchen des Tages mit aktiver oder passiver Mitwirkung am Event (Rambo oder nur Zuschauer)
16:00 Uhr Besuch des nur wenige Meter entfernt liegenden Kreislehrgartens zur Entspannung
17:30 Uhr zum Dämmerschoppen inkl. Überlebensfeier zurück in die City
19:00 Uhr für Auswärtige: Rückfahrt in ihre Heimatorte, Einheimische dürfen noch etwas länger bleiben
 

Sie können sicher sein: von Ihrer Teilnahme an diesem touristischen Höhepunkt werden noch Ihre Urur-Enkel ehrfurchtsvoll sprechen: "Meine Ururgroßeltern waren dabei und haben das noch persönlich erlebt."

 

Burgsteinfurt würde sich in kürzester Zeit zum Zentrum der nördlichen Halbkugel entwickeln, ein diesbezüglicher Eintrag im Universum-Reiseführer "Per Anhalter durch die Galaxis" (kleine Info aus dem gleichnamigen Roman von Douglas Adams) wäre unserem schönen Städtchen sicher.

 

Da sich die Verwaltung von Steinfurt seit einiger Zeit durch den Kopf gehen lässt, unsere Stadt als Kurort auszubauen, hier sofort ein Hinweis auf eventuelle Konsequenzen durch den Betrieb unseres Wertstoffhofes:
Es ist keine Beeinträchtigung des Kurbetriebs zu erwarten durch die (noch) Stadtrandlage der Anlage.

 

Wir wollen allerdings auch nicht den Wermutstropfen in unserer Strategie verheimlichen. Der Hausbau/-kauf in diesem Randgebiet des Ortsteils Burgsteinfurt könnte unerschwinglich werden, denn hier entsteht eine der besten Adressen der Stadt. Jeden Dienstag Action, hier trifft man sich, man nimmt jede Beschwerlichkeit in Kauf, diesen Ort zu erreichen. Hier möchte man wohnen, hier wird es garantiert nicht langweilig. Man ist wer in unserer Gesellschaft, wenn man hier zu Hause ist oder wenigstens jemanden kennt, der hier wohnt. Das schlägt sich nun mal im Preis nieder.

 

Noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Leider können wir Ihnen noch keine Bilder direkt vom Wertstoffhof präsentieren, sie wurden von der Zensur bisher nicht freigegeben. Wir bitten um Entschuldigung! - Anm. d. Red.

 


Liebe Leserin, lieber Leser,

nachdem die neuen Öffnungszeiten eingerichtet wurden, hat sich die Lage am Wertstoffhof  in Burgsteinfurt deutlich entspannt. An den letzten beiden Dienstagen (32-33 KW) war kein Stress und keine Hektik mehr zu bemerken. Es wurde sogar gelächelt und man hörte freundliche Worte. Darüber freuen wir uns natürlich riesig und möchten an dieser Stelle der Verwaltung und der Politik sowie allen sonst noch Beteiligten für die schnelle Reaktion danken. Wenn man doch alle Probleme so einfach lösen könnte.

Im 1. Quartal 2006 erfolgte schließlich die Verlegung dieses Wertstoffhofes in das Burgsteinfurter Gewerbegebiet Sonnenschein. Lesen Sie, falls Sie sich dafür interessieren, auch die folgenden Berichte!

Begeben wir uns also zum neuen Wertstoffhof auf Seite 2

 

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Bericht und alle Fotos: Willi Tebben  

 

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