Historische Gebäude in Steinfurt
- Burgsteinfurt -




Stadtweinhaus (Markt 19)

Das Stadtweinhaus ist eines der ältesten Fachwerkbauten Westfalens. Im Verlauf der Forschungen an dem Projekt „Städtisches Bauen und Wohnen im Spätmittelalter" waren Wissenschaftler auf das Gebäude aufmerksam geworden. Sie entnahmen den Bauhölzern Bohrproben und untersuchten sie auf die Zahl und Anordnung der Jahresringe.

 

Durch Vergleiche mit datierten Proben kann man auf diese Weise nahezu exakte Aufschlüsse über das Alter der Hölzer erlangen. Für das Stadtweinhaus ergab sich, dass die Balken um 1443 geschlagen worden sein müssen.


Auf Grund dieser Altersbestimmung setzten nun ausgedehnte Untersuchungen über das Gebäude ein.

 

Zunächst hatte man angenommen, das Gebäude sei das älteste Rathaus der Stadt. Dies ließ sich jedoch im Laufe der Untersuchung nicht nachweisen.

 

Dennoch war es angesichts seiner Bedeutung für die Stadtgeschichte und für die Geschichte des Fachwerkbaues in Westfalen schnell klar: dieses Gebäude musste erhalten werden. 

Bild 1 - Ein Schnitt durch das Gerüst des Stadtweinhauses nach 1490

(Diese Zeichnung basiert auf der Zeichnung, die Fred Kaspar in seinem Jahrbuch für Hausforschung 1985 auf S. 69 veröffentlicht hat) 

 

Fred Kaspar vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe führte u.a. die Untersuchungen an dem Gebäude durch. Nachfolgend die wichtigsten  Passagen aus der Baubeschreibung: 


(zitiert aus dem Buch „Markt und Märkte in Burgsteinfurt“ von Hans-Walter Pries, Hrsg. Sparkasse Steinfurt, 1989)

„Es handelt sich im Kern um einen zweigeschossigen Fachwerkbau von sieben Gebinden in für diese Region ungewöhnlicher Verzimmerung. Ursprünglich liefen die Ständer an den Traufwänden bis in den Drempel durch und hatten eine Länge von ca. 9,5 Metern (heute nur noch an der linken Traufwand so erhalten).


Das Erdgeschoss scheint ursprünglich ungeteilt gewesen zu sein. Die Balken der etwa 6 Meter hohen Halle wurden an den Traufwänden von langen geschwungenen Kopfbändern und in der Hausmitte von einem Längsunterzug unbekannter Länge unterstützt, der von einer einzigen Säule getragen wird. Diese ist an den Ecken stark abgefast, so dass sie im Querschnitt achteckig ist.


Eine Feuerstelle hat zunächst nur am hinteren Ende der Halle, im rückwärtigen Giebel, bestanden. Das Obergeschoss, circa 3,5 Meter hoch, scheint ebenfalls ungeteilt, aber auch ohne Unterzug gewesen zu sein und hatte ebenfalls nur einen Kamin an der rückwärtigen Giebelwand. Die Kaminnische ist hier völlig erhalten.


Der Dachstuhl ist in seiner jetzigen Form nach einem Umbau im Jahre 1490 entstanden. Für dieses Jahr ist in den Rentamtsrechnungen Steinfurt die Reparatur des Daches vom Weinhaus durch den Grafen belegt. So sind die Hölzer des stehenden Stuhls im unteren Geschoss dendrochronologisch auf 1489 oder kurz danach datiert. Es handelt sich um ein Sparrendach mit zwei Kehlbalkenanlagen, die jeweils durch Stühle unterstützt werden. Ursprünglich gab es dabei oben einen einfachen stehenden Stuhl mit Säulen unter jedem vierten Sparren, während unten nur eine aufwendige liegende Stuhlkonstruktion (Säulen wegen des Drempels geknickt) eingestellt war. 1490 wurde hier zusätzlich ein mittlerer stehender Stuhl auf eine Schwelle eingebaut.


Für die Kamine in der rückwärtigen Giebelwand ist außen mittig des Giebels ein Schornstein in Backstein aufgemauert, der in den Geschossen jeweils seitlich schmaler wird und oben durch gestaffelte seitliche strebenpfeilerartige Ansätze geschmückt ist.

 

Schon relativ kurze Zeit nach der Erbauung des Hauses, spätestens im 16. Jahrhundert, wahrscheinlich aber auch schon 1490 hat eine große Reparatur des Hauses stattgefunden, die auf starke Bauschäden zurückzuführen ist. Offenbar hat die Fundamentierung des Hauses nicht ausgereicht, so dass es im hinteren Bereich, insbesondere an der Seite zur Kirchstraße stark abgesackt ist. Um den Bau zu unterfangen, hat man dabei die rechte Traufwand bis zur Höhe der Erdgeschossdeckenbalken als circa 75 cm starke Bruchsteinwand (leicht aus der Bauflucht herausgeschoben) ersetzt.

 

Zugleich wurden an dieser Traufwand mit Ausnahme der im zweiten, fünften und sechsten Gebinde von vorn die Kopfbänder unter den Erdgeschossdeckenbalken entfernt und durch profilierte Sattelhölzer ersetzt. Zugleich mit diesem Umbau muss auch eine Trennwand in der Erdgeschosshalle eingerichtet worden sein (auf die der Dachstuhl von 1490 Rücksicht nimmt), die die beiden hinteren Gefache zu einem eigenen Raum werden ließ. Im hinteren Bereich sind durch einen Schaufenstereinbau (nur in ihren oberen Bereichen erhalten) drei große Fensteröffnungen in die Traufwand zur Kirchstraße eingebaut worden, deren oberer Abschluss aus Backsteinbögen gebildet wird.


Durch die Trennwand war der vordere verbliebene größere Hallenteil nicht mehr beheizbar. So entstand an der linken Traufwand zweiten Gebinde von vorn eine zweite Schornsteinanlage. Offenbar hat zu dieser Zeit noch der ursprüngliche Giebel von Fachwerk zum Markt hin bestanden. Über seine Gestaltung sind jedoch keine Aufschlüsse mehr zu erhalten.


Spätere Umbauten (wohl vor allem zur Reparatur des verfallenen Hauses um 1685) brachten die schon erwähnte massive Erneuerung der rechten Traufwand auch im Obergeschoss. Zu dieser Zeit war zumindest der rechte Teil ab dem Längsunterzug der vorderen Halle zweigeschossig durchgebaut, wobei der Einbau im hinteren Bereich, vor der alten Querwand eine Upkammer mit Keller erhielt.

 

Wohl Ende des 18. Jahrhunderts fand ein Umbau des Hauses statt, bei dem es durchgängig dreigeschossig umgestaltet wurde. Der Vordergiebel wurde massiv von Backstein erneuert und bekam eine Putzfassade mit Krüppelwalm mit vier Fensterachsen und Putzfaschen um die Öffnungen.
Auch die Traufwand zur Kirchstraße wurde verändert, indem hier alle Fensteröffnungen erneuert wurden. 1912 erfolgte der letzte große Umbau des Hauses, bei dem im Erdgeschoss die Raumstruktur zugunsten eines Geschäftsraumes weitgehend verändert worden ist. Zugleich wurde der ganze Bau neu verputzt, wobei die Giebelfassade des späten 18. Jahrhunderts stuckiert worden ist.“

(Zitat Ende)

Weitere Beispiele für diese aufwendige und im weiten Umkreis ungewöhnliche Dach-Konstruktion gibt es bisher nur im niederländischen Bereich.

 

So lässt sich erkennen, dass bauliche Einflüsse aus den Niederlanden nicht erst wie bisher bekannt im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts in Westfalen einsetzten, sondern im handwerklich bestimmten Holzbau bereits wesentlich früher. Auch für das Wandgefüge gibt es in weitem Umkreis keine Vergleichsbeispiele.

 

Während in dieser Region bisher vom 14. bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts nur Gefüge mit Kopfbandverstrebungen festgestellt werden konnten, weist einzig dieser Bau lange Kopfstreben auf. Auch hier scheint sich eine Verbindung zu den Niederlanden abzuzeichnen.

Bild 2 - Blick auf die Südseite des Marktplatzes um etwa 1908. Rechts im Bild das ehemalige Stadtweinhaus, zu dieser Zeit die Heimat der Burgsteinfurter Bank. Links daneben das Hotel "Zum Kaiserhof". Dieses Gebäude wurde abgerissen und musste einem Neubau weichen

Die geschichtliche Entwicklung

 

 

Nach der Errichtung kurz nach 1443 wird das Gebäude 1461 erstmals urkundlich erwähnt. Es wurde vor allem in den Rentamtsrechnungen von 1475 bis 1569 nur als Besitz der Grafen bezeichnet. Daher kann als sicher angenommen werden, dass es von den Grafen von Bentheim, die seit 1421 Nachfolger der Edelherren von Steinfurt waren, auch erbaut worden ist. 


Die Grafen residierten seit dem Anfall an Bentheim auf dem dortigen Schloss, vor allem wohl, weil auf dem Steinfurter Schloss nur zwei Räumlichkeiten heizbar waren.

 

Sie benötigten daher für sich, in erster Linie aber für ihre adligen Gäste ein Wohngebäude, das außerdem noch repräsentativ sein musste.

 

Von einem Neu- oder Anbau auf der Burg sah man wohl ab, weil das Hauptgebiet der Herrschaft in Bentheim lag und dieser Ort daher besser als Residenz geeignet war.

 

Viel günstiger schien es, ein „Stadthaus" zu errichten und durch anderweitige Nutzung während der Aufenthalte in Bentheim die Kosten für den Bau wieder herein zu holen. Dafür bot sich der Ausschank von Wein an, der gegen Abgaben konzessioniert werden konnte und dem Gebäude den Namen Weinhaus einbrachte.

 

Bild 3 - Eine Aufnahme aus dem Jahren vor 1938. Auf der linken Seite das ehemalige Stadtweinhaus mit dem Geschäft der Gebr. Kessener. Vor dem Haus das Kaiser-Wilhelm-Denkmal (Das Standbild wurde im letzten Krieg zu Rüstungszwecken eingeschmolzen, der Sockel im Jahre 1958 abgetragen!)

Die Errichtung des „Stadthauses" durch den Stadtherrn erklärt auch die exponierte Lage des Hauses. Es ist dabei von besonderer Bedeutung, dass das Gebäude zu den wenigen Häusern gehört, die unmittelbar am ursprünglichen Marktplatz, der ja noch nicht die heutige Ausdehnung hatte, standen. 


Das Weinhaus wurde 1569 vom Grafen an den Bürgermeister Andreas Lölevinck verkauft, der aus der Grafenfamilie stammen soll. 


Auf dem Schloss hatten seit 1555 umfangreiche Baumaßnahmen zu einer wesentlichen Verbesserung der Wohnverhältnisse geführt. Das Weinhaus hatte somit seinen ursprünglichen Zweck erfüllt.


Seit 1582 kann Engelbert Schodirk als Bewohner des Hauses Markt 19 nachgewiesen werden. Er war Tuchhändler. Daneben machte er noch mit seinem Bruder Johann bedeutende Geldgeschäfte. Ihm folgte auf Grund der Erbteilung von 1621 sein Sohn Johann in diesem Haus.

 

Bild 4 - Der Giebel des Stadtweinhauses mit der Stuckverzierung

 

Das Gebäude wurde bei dem fürchterlichen Einfall der kaiserlichen Truppen im Jahr 1635 schwer in Mitleidenschaft gezogen und lag noch 1658 „wüst und verlassen" da, weil der Besitzer mit seiner Familie vor den Kriegswirren geflohen war. 1662, wieder in Burgsteinfurt, starb er und 1670 wurde ein Notgericht zwischen Bürgermeister und Rat der Stadt und seiner Witwe mit dem Ziel der Versteigerung abgehalten, weil Kriegssteuern und andere Stadtlasten rückständig waren. 1684 musste die Stadt dann doch auf ihre Rückstände verzichten, um Everwin Hoen als Käufer gewinnen zu können. Er vereinte die beiden so verschiedenen Berufe Glasmacher und Bäcker in seiner Person. 

 

1713 stand das Haus im Besitz des Perückenmachers Johann David Bitter, der hier noch 1734 erwähnt wird.

 

Von 1740 an gehörte es den tho Gempt, die Kupferschmiede waren.

 

Die Linie setzte sich von Friedrich über seinen Sohn Hermann bis zu dessen Sohn Friedrich fort.

 

1866 bis 1903 waren Karl Lefholz und sein Sohn Friedrich Eigentümer des Hauses, das dann von der Burgsteinfurter Bank, einer Zweiganstalt der Westfälischen Bankkommandite Ohm, Hernekamp & Co. mit Hauptsitz in Münster, erworben wurde. Sie ließ nicht nur 1906 das Erdgeschoss für die geschäftsmäßige Nutzung herrichten sondern sorgte auch für die qualitätvolle Stuckierung des Giebels.

Bild 5 - Das Weinhaus im Februar 2006 

Nach dem Zusammenbruch der Bank kaufte der Uhrmacher Nacke 1911 das Haus.


Nacke ließ 1912 das Erdgeschoss zunächst in eine Wohnung umbauen.

 

1914 wurde durch den Einbau eines Schaufensters auf der rechten Seite der Vorderfront wieder eine geschäftsmäßige Nutzung ermöglicht.

 

Das Untergeschoss wurde dann zunächst an die Lebensmittelhandlung Thams & Garfs vermietet, der 1933 die Fa. Gebr. Kessener aus Meppen folgte, die den Laden im Laufe der Jahre stark vergrößerte und modernisierte, 1960 ein Schaufenster zur Kirchstraße hin einbauen und noch 1964 einen Durchbruch zum Haus Nr. 17 durchführen ließ.

 

1972 befand sich dann eine chemische Reinigung in diesen Räumen.

Bild 6 - Frontansicht

 

Das Haus ging im Jahre 1983 endgültig in städtischen Besitz über.

 

1988 wurde damit begonnen, es für seine künftige Nutzung als Stadtbücherei wieder instand zu setzen.

 

Im Jahr 1990 öffnete die Stadtbücherei Steinfurt in dem geschichtsträchtigen Stadtweinhaus ihre Pforten und versorgt seitdem die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Steinfurt und den umliegenden Orten mit einem guten Angebot an Lesestoff, Bildungsmaterial und kleineren Veranstaltungen.

Bild 7 - Seitenansicht Kirchstraße

Bild 8 - Nicht zu übersehen: das Stadtweinhaus beherbergt

heute die Stadtbücherei Steinfurt

 

Textbearbeitung: Willi Tebben - Der Text wurde teilweise übernommen aus der Broschüre "Markt und Märkte in Burgsteinfurt" von Hans-Walter Pries, Herausgeber Sparkasse Steinfurt 1989

Fotos: Stadtarchiv Stadt Steinfurt (Bild 2); Archiv Kiepker-Balzer, Steinfurt (Bild 3); Willi Tebben Bild 4 - 8)

Zeichnung: Willi Tebben - nach der Zeichnung von Fred Kaspar ( Jahrbuch für Hausforschung 1985, Seite 69 )


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