Kunst im KLG
Klaus Soostmeyer
Kunst mit der Kettensäge
Klaus Soostmeyer
Projekt 1 - 2006
 

Wo die Späne fliegen

Kunst mit der Kettensäge: Klaus Soostmeyer beherrscht sie immer besser
 

Allen anderen ist das streng verboten. Klaus Soostmeyer darf als Einziger mit laufender Kettensäge in den Steinfurter Kreislehrgarten. Auch wenn er dort an Bäumen sägt und doch kein Gärtner oder Obstholzpfleger ist. 

 

 

Seinen Persilschein hat der Kettensägen-Mann, weil er ein Künstler ist. Alles, was er braucht für seine Kunst, sind Sägen, totes Holz und dieser ganz bestimmte Blick aufs Wesentliche; das eine bringt er mit, das andere findet er im Wald. Hat er erst einmal ein brauchbares Stück Holz und eine dazu passende Idee, dann sägt er weg, was ihn noch stört. Bis so ein Kloben oder ein zentnerschwerer Stamm aber zeigen kann, was in ihnen steckt, da braucht es Tage und manchmal sogar Wochen konzentrierter Arbeit - die ein einziger falscher Schnitt wieder zerstören kann.

 

Wie andere Meister auch ist Klaus Soostmeyer natürlich nicht vom Himmel gefallen, sondern hat zunächst einen ordentlichen Beruf gelernt, der seinen späteren Werdegang ein bisschen erklären hilft: Er wurde Tischlermeister. Den größten Teil seines beruflichen Lebens aber arbeitete der Burgsteinfurter als Unternehmensberater. Ein einträglicher Job, der ihn kreuz und quer durch ganz Europa hetzte; 90 000 Autokilometer im Jahr waren eher die Regel als die Ausnahme. 
Und dann die Wochenenden ...

 

 

Heute ist er froh, dass dieser Stress ihn nicht mehr nervt, auch wenn das Ende seiner Beraterkarriere unerwartet kam. Aber passend, bildlich gesehen jedenfalls: „Wie ein Schnitt", sagt er und erzählt ohne Groll, wie vor zwei Jahren von einem auf den anderen Tag alles weggebrochen ist; von mau auf null, kein Unternehmen wollte mehr beraten werden: „Mich hat das wachgerüttelt und zu dem Entschluss gebracht, meine in den letzten Jahren viel zu kurz gekommene kreative Ader wieder zu aktivieren. Auch wenn ich von den Reserven leben kann - irgendetwas musste ich doch machen, und außerdem wollte ich meiner Frau nicht auf die Nerven gehen."
Sein Cousin ist Förster; der nahm ihn eines Tages mit in den Wald, wo der damals 60-jährige Klaus Soostmeyer das Kettensägenschnitzen ausprobierte. Und fortan dabei blieb, als Freunde in ehrliche Bewunderung ausbrachen: „Was - die Eule hast du selbst gemacht?" Hat er, wie inzwischen an die 60 andere Figuren auch, Stelen und Verzierungen: von der Galapagos-Schildkröte bis zum mannshohen Weihnachtsengel für die Kirche, vom greinenden Holzmichl bis zum wuchtigen Totempfahl; alles so weit es geht naturgetreu und möglichst weit entfernt vom Kitsch. 

 

 

Abstrakte Kunst, die hat er auch schon mal versucht, jedoch mit eher mäßigem Erfolg.
Wenn die Säge sägen will, dann sollte man geduldige Nachbarn haben oder, wie Klaus Soostmeyer, im Wald arbeiten. Dort hat er sich einen Unterstand gebaut, wo er sich auch wintertags neben einem glosenden Feuerkorb in Waldarbeiterkluft an ausgesuchte Klötze macht; ganz bei sich selbst, so wollte er es immer haben.
Kettensägen-Künstler laufen einem hier zu Lande nicht gerade in Scharen über den Weg; in Unna gibt es wohl den nächsten, ein weiterer sägt im Hochsauerland, und ein paar mehr werden es, je näher man nach Bayern kommt. Aber natürlich haben sie, wie alle Gleichgesinnten, ihre Treffs und Austauschbörsen, Vorführungen und Säge-Wettbewerbe. Der inzwischen wichtigste Marktplatz ist das Internet, wo einige Links und Foren (zum Beispiel www.chainsaw-artist.de) über das Treiben in dieser Holzbildhauer-Szene informieren, in der für die Kunst die Späne fliegen.   

 

 

Reich werden, sagt Soostmeyer, kann man damit nicht. Die Kettensägen kosten Sprit und Geld, und dann braucht er auch noch Spezialwerkzeug, das man in keinem Laden kaufen kann. Da freut sich der Burgsteinfurter, wenn er auf Märkten oder im Auftrag nicht nur seine Holzskulpturen verkaufen, sondern auch sein Wissen an den Mann bringen kann. Oder die Frau, die neulich zu ihm kam, weil ihr Freund ihr einen Kettensägen-Kursus zum Geburtstag schenkte.
Das Schneechaos Ende November, und damit endet dieser kleine Ausflug nach Burgsteinfurt wieder im Kreislehrgarten, hatte - zumindest für den Sägekünstler - trotz aller Dramatik auch sein Gutes: Im Lehrgarten riss es zwei mächtigen Tannen alle Äste ab. Kopflos, kahl und stummelig zeigen jetzt nur noch zwei knorzige Stämme, dick wie Fabrikschornsteine, in den Himmel. Und wären bestimmt schon längst gefällt, geklaftert und verbrannt worden, wenn da nicht Klaus Krohme wäre, der Gartenleiter, Totempfahlbesitzer und Persilscheingeber. Er will die Baumskelette stehen lassen - wenn Klaus Soostmeyer was Ordentliches daraus sägt.

 

 

So was lässt sich der nicht zweimal sagen und hat auch schon eine Idee: Gesichter wird er in die Stämme schneiden, die hoch über die Zäune des Kreislehrgartens hinausragen. Ob er dabei (das wäre so seine Art) an ortsbekannte Honoratioren denkt und was er von Karikaturen hält, verrät der Künstler nicht. Er lächelt nur und wartet, dass die Sonne etwas höher steigt, damit er die Baumreste einrüsten kann. Dann darf er wieder, was allen anderen verboten ist: als Einziger mit laufender Kettensäge in den Kreislehrgarten.

Text: Hans Lüttmann (veröffentlicht im Steinfurter Kreisblatt am 11. Februar 2006)
alle Fotos: Klaus Soostmeyer (diese und noch viel mehr Bilder finden Sie auf seiner Webseite www.eu-holzkunst.de )

 

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