Brauchtum im westlichen Münsterland

 

Eier und Mettwurstsammeln - ein weit verbreiteter Fastnachtsbrauch

 

Seite 1  2  3  4  5  6  7  8  9  10  11  12  13  14  15  16  17  18  19  20  21  22  23  24  25  26  27  28  29  30  31  32  33  34  35  36  37  38  39  40 

 

Das Eier- und Mettwurstsammeln war und ist im westlichen Münsterland ein weit verbreiteter Fastnachtsbrauch. Ursprünglich handelte es sich dabei um einen Rosenmontags-Umzug, der als einer der wichtigsten Bestandteile der bäuerlichen Fastnacht im 19. und 20. Jahrhundert anzusehen war.

 

Der Ablauf war damals überall ähnlich:

 

Die unverheirateten Burschen verkleideten sich und zogen in ihrer Nachbarschaft von Haus zu Haus, sangen ein Heischelied und trieben allerlei Schabernack vor allem mit den weiblichen Bewohnern der Häuser. Sie erhielten Mettwürste, Eier oder andere Gaben und verzehrten diese nach dem beendeten Rundgang bei einem gemeinsamen Mahl.

 

Die wichtigsten Requisiten bei diesem Umzug sind ein großer Korb für die eingesammelten Eier und eine Holzgabel - Gaffel genannt - zum Aufhängen der Mettwürste.

 

Bild 1 - Korb für die eingesammelten Eier

Bild 2 - Die Gaffel (Holzgabel) mit Mettwürsten

In der Zeit um 1900 lief in der Bauerschaft Sellen dieser Brauch etwa wie folgt ab:

 

Der Umzug begann bereits am frühen Rosenmontagmorgen, obwohl man am Abend vorher, also am Fastnachtssonntag, kräftig den "graute Fastoabend" auf dem Hof des Fastnachtsherrn gefeiert hatte.

 

Die Bauernburschen gingen unter der Führung ihres Schützenkönigs oder Ehren-Herren von Hof zu Hof. Jeder Gruppe wurde ein eigenes Revier zugeteilt. Einer der Burschen spielte auf einer Ziehharmonika zum Tanz auf.

 

In der Küche des Bauernhauses tanzte der Schützenkönig mit der Frau oder der Tochter des Hauses. Ein anderer Bursche nahm die Schnapsflasche und goss den Hausbewohnern einen Schnaps ein. Die Bauernburschen erhielten die vorher schon bereit gelegte Mettwurst und Eier. Singend wie man angekommen war verließ man das Haus nun wieder. Manchmal schlossen sich die Bauerntöchter an, in der Regel waren sie aber in der Minderheit. Und so ging es weiter von Hof zu Hof.

 

Um die Mittagszeit wurde auf einem größeren Hof eine Rast eingelegt und die Bäuerin bereitete ein Mittagsessen von den mitgebrachten Eiern und den Mettwürsten. Das schmeckte nach der langen Fußwanderungen allen sehr gut: Rührei mit in Scheiben geschnittener Mettwurst in der Pfanne gebraten. Nach der Mittagsrast wurden noch die restlichen Höfe besucht. Den Rest der gesammelten Eier und Mettwürste teilten sich die Burschen. Dann gingen sie heim und halfen beim Vieh füttern und Melken. Abends ging es dann wieder zum Fastnachtbauern wo tüchtig das Tanzbein geschwungen wurde.

 

Und so feierte die benachbarte Bauerschaft Hollich etwa zum gleichen Zeitpunkt diesen Fastnachtsbrauch:

 

Montags früh wurden die jungen Männer in Gruppen eingeteilt. Jede hatte die Aufgabe, in dem ihr zugewiesenen Bezirk der Gemeinde jedes Haus zu besuchen. Singend trat man ein und singend verließ man das Haus. Am Nachmittag folgte der wichtigere zweite Besuch. Die jungen Mädchen nahmen daran teil und trugen einen Korb mit Eiern, deren Zahl in jedem Hause größer wurde. Aber auch die Zahl der Mettwürste, welche die Männer auf einer Stange trugen, vermehrte sich. Beim Schlachten wurde überall schon auf die lange Mettwurst Bedacht genommen.

 

Am späten Abend fanden sich alle Gruppen wieder zusammen und die Beute wurde in Gestalt von Rührei mit Mettwurst gemeinsam verzehrt.

 

(Zitat der Schilderung von H. Reckels in seiner Volkskunde des Kreises Steinfurt, gefunden in der Festschrift "1100 Jahre Bauerschaften Sellen und Veltrup" - Anm. d. Red.)

 

Bild 3 -

Die ursprünglich positiven Grundgedanken dieses Fastnachtsbrauchs, die Verbundenheit der Nachbarn zum Ausdruck zu bringen und Kontakte zwischen den heiratsfähigen Nachbarn zu stiften, eventuell auch Dinge sagen zu können, die man normalerweise ohne Maske nicht äußern würde, geriet bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr in den Hintergrund. Dazu zählte auch die Verpflichtung der reicheren Bevölkerungsgruppen, direkt den ärmeren Mitbürgern zu helfen, auch ihnen unter anderem die Fastnachtfeier zu ermöglichen.

 

Das Umsingen wurde immer mehr als Bettelei angesehen und die an diesem Tag herrschende Narrenfreiheit als lästig empfunden. Da es außerdem immer wieder zu Ausschreitungen und Entgleisungen kam, sah man sich immer öfter seitens der Obrigkeit gezwungen, gegen diesen Brauch einzuschreiten.

 

Auch in den Versammlungsprotokollen des Schützenvereins Sellen-Veltrup taucht das traditionelle Eier- und Mettwurstaufholen des öfteren als Problemfall auf. So mussten die Mitglieder im Jahr 1960 z.B. ermahnt werden, Entgleisungen beim Eier- und Mettwurstsammeln zu verhindern.

 

1970 beschäftigte man sich mit der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für das gemeinsame Essen nach dem Umzug.

 

Ein weiteres Problem stellte Ende der 60er Jahre die Forderung der den Zug begleitenden Musikanten nach angemessener Bezahlung dar. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie mit den übrig gebliebenen Eiern und Mettwürsten entlohnt worden.

 

Nachdem es Ende 1971 erneut zu langen Diskussionen über den Ablauf des Rosenmontags gekommen war, beschloss die Generalversammlung des Schützenvereins Sellen-Veltrup 1972, diese Veranstaltung durch einen Frühschoppen auf dem Fastnachtshof zu ersetzen.

 

Bild 4 - Wenn Sie mehr über diesen Schützenverein und seine Aktivitäten kennen lernen möchten, besuchen Sie doch mal die Homepage des Vereins unter www.sellen-veltrup.de

(Bitte beachten: diesen Hinweis finden Sie erst wieder auf Seite 40!)

 

 

 

 

Seit 1987 ist der Brauch des Eier- und Mettwurstsammelns jedoch wieder vom Schützenverein Sellen-Veltrup wieder ins Leben gerufen worden, allerdings in modifizierter Form:

 

 

Gingen früher drei Gruppen jeweils begleitet von zwei Musikanten durch die drei Hoeke der Bauerschaften, so sind es heute mehrere Gruppen, die zusammen mit Musikanten aus den eigenen Mitgliedsreihen nur noch im Bereich des Fastnachtsbauern herumziehen. Dies geschieht jedoch nicht mehr am Rosenmontag, sondern am Nachmittag des Fastnachtsonntages.

 

-----------------------

 

Das Team von www.stenvorde.de bekam am Sonntag, den 03. Februar 2008 die Gelegenheit, eine dieser munteren Gruppen mit der Kamera ein Stück des Wegs bis zum Festzelt zu begleiten. Es war für uns ein einzigartiges Erlebnis, Spaß und Stimmung ohne Ende. Was wir von diesem Umzug an Eindrücken mit nach Hause genommen haben, zeigen wir im folgenden Bildbericht.

Wir bitten an dieser Stelle schon mal um Verständnis für die vielen Seiten und noch viel mehr Fotos, aber es war einfach zu schwierig, aus über 700 Bild-Dokumenten überschäumender Lebensfreude aller Beteiligten nur eine kleine Auswahl zuzulassen.

 

Daher überlassen wir Ihnen die Entscheidung, welche Bilder Sie sich angucken möchten und welche nicht!

 

Für diejenigen, die nur wenig Zeit haben: Sie finden eine  Kurzfassung über diese Veranstaltung auf unserer Seite 40

 

Für alle anderen: genug wohltemperiertes Bier, andere Getränke und vielleicht auch ein paar Knabbersachen bereit stellen - es dauert nämlich etwas länger! Handy, Telefon und Türklingel abschalten, ein weiches Kissen auf dem Stuhl (Sessel) und im Rücken, noch ein wenig Ausdauertraining für den Maustastenfinger, und auf geht's, Buam - wir starten durch!

 


 

Dieser Bericht ist der Gruppe Sellen-Veltruper Eier- und Mettwurstsammler um Matthias Dudek gewidmet, der wir uns anschließen konnten und die uns somit einen unvergesslichen Nachmittag und Abend beschert hat.

 

Wir wünschen Euch von Herzen, dass dieser schöne Brauch noch eine ganz lange Zukunft vor sich hat!

 

Bild 5

Bild 6

Bild 7

Bild 8

Bild 9

Bild 10

Bild 11

Als nächstes kommt die Seite 2

 

Seite 1  2  3  4  5  6  7  8  9  10  11  12  13  14  15  16  17  18  19  20  21  22  23  24  25  26  27  28  29  30  31  32  33  34  35  36  37  38  39  40 


Text: Willi Tebben

Fotos: Norbert Schröder (Bild 1, 3); Willi Tebben (Bild 2, 5 - 11); Gisela Tebben (Bild 4)

Literatur: Bericht "Eier- und Mettwurstsammeln" aus der Festschrift "1100 Jahre Bauerschaften Sellen und Veltrup 890 - 1990", Herausgeber Schützenverein Sellen-Veltrup e.V.; Erscheinungsjahr 1989


 

Home     Impressum     Statistik