Historische Gebäude in Steinfurt
- Burgsteinfurt -




Markt 16 - Das "Kestering-Haus"

Das heutige Haus Markt 16 befindet sich an zentraler Stelle in Burgsteinfurt, in unmittelbarer Nähe des alten Rathauses in Richtung Steinstrasse. Die Linie Steinstrasse – Markt - Wasserstrasse ist ein alter Verbindungs- und Handelsweg zwischen den Niederlanden und Münster. Das Grundstück hat eine Gesamttiefe von ca.42 m und eine Frontlänge von ca. 8 m. Es hat einen Zugang zum Markt und einen weiteren auf der Rückseite zur Kautenstiege.

Aus den geformten Mauerankern am Giebel dieses Haus ist das Jahr der Erbauung ablesbar: 1648. In diesem Jahr wurde in Münster und Osnabrück der „Westfälische Friede" geschlossen, mit dem die Wirren und Nöte des Dreißigjährigen Krieges ihr Ende fanden. Es ist erstaunlich, dass bereits in diesem Jahr ein so ansehnlicher Neubau entstehen konnte, denn Burgsteinfurt hatte in der Kriegszeit, vor allem im Jahre 1635, erhebliche Verwüstungen und Plünderungen hinnehmen müssen. So werden 1638 von 379 Häusern 327 als „wüst" bezeichnet.

 

Bild 1 - Das Kestering-Haus in der Bild-Mitte, etwa 1940

 

Seit dem 14. Jahrhundert dürfte an der Stelle ein Haus gestanden haben. Über die Vorgeschichte des Hauses vor 1500 ist wenig bekannt. Da Kirchbücher nicht existieren und die Unterlagen des Grundbuchamtes während eines Bombenangriffs im 2. Weltkrieg vernichtet wurden, fanden sich bislang keine Unterlagen zur mittelalterlichen Geschichte des Hauses.

 

Zu vermuten ist, dass der Keller und eventuell Teile der Vorderfassade noch frühesten Ursprungs sind. Wie sich bei der Sanierung des Hauses zeigte, muss der Keller des Hauses älter sein. Im Keller findet sich noch ein alter Fußboden im Fischgrätenmuster mit handgeformten Steinen. Auch gibt es dort noch alte Treppenstufen aus Sandstein. Das Kellergeschoss ist sehr massiv gemauert (Mauerdicke 0,70 m – 1,20 m).

 

Die ersten Quellen des Hauses führen zur Familie Koninck/Konynck. 1510 verkauften nach den Protokollen des Stadtgerichts Gerd Konynck und sein Bruder Dierick Haus und Hof an ihre Schwester Metta. Ihre Mutter hieß Hille. Eine Urkunde von 1503 spricht von Hillen Konynges Haus am Markt.

Im vorderen Teil des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft, das von Mette Koninck - evtl. vom Hof Köninck in der Bauerschaft Veltrup oder vom Hof Schulze Köning in Wilmsberg Kirchspiel Borghorst - betrieben wurde. 


In diesem Wirtshaus wurde Wein, Hamburger und Paderborner Bier ausgeschenkt. Zu ihrer Kundschaft zählte das Steinfurter Grafenhaus.

 

1527 verkaufte Mette Koninck das „Haus und Hof mit dem Achterhuse und dem Spyker, gelegen an dem Markete" an ihre Tochter Marieke (Maria) Koninck. Die Mutter behielt bis an ihr Lebensende ein Wohnrecht für eine Wohnung sowie Essen und Trinken im Hause. Dieser Eigentumsübergang wurde anlässlich des Ehevertrages zwischen Maria und Johann Richtmering im Jahre 1536 bestätigt.

 

Von Maria erbten ihre Nichte Elsa und Heinrich thon Haghe 1563 das Haus. Es blieb im Besitz der Familie, bis 1584 Heiner Köninck gen. ten Hagen das Gebäude ohne den dahinter liegenden Spieker, der erst 1598 an den gleichen Erwerber gelangte, an den gräflichen Gerichtsschreiber und Notar Johannes Huberts, der sein Amt seit 1578 innehatte, verkaufte.

 

Nach 1598 diente das Haus nicht mehr als Wirtshaus. Sein Sohn Gerhard, der zunächst im zur Kautenstege gelegenen Hinterhaus wohnte, ließ 1609 das eindrucksvolle Haus Wasserstr. 12, das nach ihm benannte Hubertshaus, errichten.

 

Bild 2 - Das Haus Markt 16, rechts im Bild, um 1897

 Sein älterer Sohn, ebenfalls mit Namen Johannes, wurde Doktor beider Rechte, gräflicher Rat sowie Rentmeister und Professor an der Hohen Schule. Er hat wahrscheinlich das Haus bis zu seiner Flucht vor dem Einmarsch der kaiserlichen Truppen im Jahr 1635 bewohnt. 1636 starb er in Oldenzaal an der Pest. Das Haus erbte seine Tochter Adelheid, die mit dem Verwalter der Grafschaft Steinfurt, Dr. Caspar Kestering, verheiratet war. Diese beiden ließen 1647/48 das heute noch stehende Gebäude errichten.


Es wird vermutet, dass das Haus im 30jährigen Krieg stark beschädigt, wenn nicht (bis auf den Keller) gänzlich zerstört war. Kestering ließ– wie zum Teil in der Literatur zu Recht angenommen - an die Stelle des alten, arg mitgenommenen Königschen Hauses einen schöneren Neubau errichten.

 

Der Keller blieb bestehen und skizziert von seinem Aufmaß her auch noch den alten Bestand des Hauses. Auf den Keller setzte Kestering ein neues Haus auf. Die Fassade war ganz im Stil der holländischen Renaissance gestaltet. Sie zeigte bis zu den unten geschilderten Umbauten große Steinkreuzfenster in vierachsiger Gliederung. Die seitlichen und rückwärtigen Außenwände und die Innenwände bestanden im wesentlichen aus Eichen-Holzfachwerk. Im EG befand sich die Küche.

 

Im 1. Geschoss lag zur Kautenstege die Amtsstube Kesterings. Dies ergibt sich aus grünen Farbdekorationen, die heute noch an der Decke zu sehen sind.

 

Eindeutig auf Kestering verweisen auch die beiden zum Haus gehörenden Sandsteinkamine.


Der früher im Erdgeschoss, später im Trauzimmer der Hohen Schule und heute in der Stadtbücherei befindliche Kamin stellt Adam und Eva dar, die beide einen Apfel in der Hand halten. Er hat eine Höhe von 208 cm und eine Breite von 172 cm. Die Gleichstellung von Mann und Frau könnte ein Symbol für das Selbstverständnis der Ehegatten Huberts – Kestering sein. Der obere 61 cm hohe Teil des Kamins trägt auf einem von Putten gehaltenen Schild die Inschrift ANNO 1648.

Der andere Kamin fand sich in den Räumlichkeiten des Stadtarchivs wieder. Er ist 210 cm hoch und 208 cm breit. 1942 erwarb ihn die Stadt. Der Kamin war nach dem Zweiten Weltkrieg im Huck-Beifang-Haus aufgestellt. Dann wurde er zerteilt und als Hauklotz benutzt. Der Putto verschwand; die Reste waren stark beschädigt. Der Kamin wurde 2003 restauriert und das Eigentum daran auf die Hauseigentümer zurückübertragen, nachdem der Kamin im Haus aufgestellt wurde. Der Kamin war ursprünglich in der Amtsstube Kesterings untergebracht und wurde erst später an den heute vorgesehenen Platz gebracht. Der Sims wird von den Figuren Frömmigkeit (lat.: pietas) und Gerechtigkeit (lat.: justitia) getragen, die beide mit den zugehörigen Symbolen dargestellt sind: die Frömmigkeit mit zwei kleinen Kindern ohne Kleidung und die Gerechtigkeit mit Schwert und Waage, jedoch ohne Augenbinde.

 

Bild 3 - Markt Nr. 18 und 16 um 1975

 

 Bild 4 - im Jahre 2005

 

 

Bild 5 - Die liebevoll restaurierten steinernen Löwen; links das Wappen Kesterings mit den Initialen C.K.

Das Haus zieht besonders durch seinen prächtigen Löwenschmuck die Blicke des Betrachters auf sich.

 

Der hohe Treppengiebel, der im Münsterland einzigartig ist und wohl auf niederländische Vorbilder zurückgeht, wird von einem steinernen Löwen geziert, und zwei weitere Figuren des gleichen Tieres flankieren den Eingang, der bis vor einigen Jahren über eine weit auf den Bürgersteig reichende vierstufige Treppe erreicht wurde.

 

Sie tragen auf ihren Schilden die Wappen der Erbauer: rechts ein Ährenbündel, das ohne Zweifel das Wappen der Huberts darstellt, mit den Initialen A. H. = Adelheid Huberts; links eine Kugel in einem Winkel und zwei Kugeln darüber, dazu die Initialen C. K. = Caspar Kestering.

Bild 6 - rechts das Wappen der Huberts mit den Initialen A.H.

Nach dem Tode Caspar Kesterings ging das Haus an Nikolaus Hoboken über, der Medizinprofessor an der Hohen Schule war und die Tochter Magdalena Ida Kestering 1664 geheiratet hatte. Er ging 1668 nach Harderwijk. 

Das Haus kam danach wohl an den Pastor Martin Hundius, der 1654 Catharina Kestering geheiratet hatte. Christine Magdalena aus dieser Familie heiratete einen weiteren Professor der Hohen Schule, den Juristen Moritz Bucksülber, der hier bis zu seinem Tode im Jahr 1702 wohnte. Seine Witwe finden wir noch 1749 hier.

 

1764-67 wird der Haushofmeister Anhalt in Verbindung mit diesem Haus erwähnt.

 
1779 ist der Richter Houth Eigentümer. 


Er verkaufte das Haus 1787 an den Hofarzt und Hofrat Wilhelm Christian Erpenbeck. Dieser war seit 1779 Professor der Medizin und Philosophie an der Hohen Schule und wohnte seit 1784 in diesem Haus. Zwei Jahre nach Erwerb des Hauses ließ Erpenbeck das Haus grundlegend umbauen. Wie dendeochronologische Gutachten zeigen, stammt die Treppe vom EG zur 1. Etage aus dem Jahre 1789. Erpenbeck ließ den großen Raum zum Markt hin in vier kleine Zimmer (Größe etwa 11 – 15 qm) abteilen und verschob den Justitia-Kamin vom Hinterzimmer in den vorderen Bereich. Er starb 1832.

 

Bild 7 - Die heutige Front (2006)

Bild 8 - und über alles thront ein weiterer steinerner Löwe

 

 

Zu seinen Erben gehörte der königliche Bezirksfeldwebel Eduard Peter Lindemann aus Bielefeld, der wiederum das Gebäude an seinen Sohn Alex Bernhard Friedrich vererbte. Dieser eröffnete 1876 hier ein Geschäft für Tabakwaren und französischen Wein, das er 1881 um Porzellan, Glas- und Haushaltswaren erweiterte und dazu die unteren Fenster zu Schaufenstern vergrößerte.


Dieses Geschäft wurde von verschiedenen Inhabern in dem Haus betrieben. Zu nennen sind aus der Vergangenheit die Namen Bernhard Niehues, der im Hinterhaus die Spar- und Darlehenskasse unterbrachte.

 

Die Kasse zog dann 1924 aus. Das Haus wurde an Heinrich. Lammering verpachtet (1930-1954). Er baute 1930 die bisherigen 3 schmalen Schaufenster zu 2 größeren und 1959 das Haus jeweils entsprechend den geschäftlichen Bedürfnissen um.

 

1936,1955 und 1976 erfolgten Renovierungen unter Beachtung der Grundsätze der Denkmalpflege.

 

1954 kaufte Hermann Ahrens das Haus mitsamt allem Inventar, einschließlich der Haushaltswaren. Lammerding verließ offensichtlich die Stadt.

 

Ahrens behielt die vom Lammerding begonnene Tradition zunächst bei und vertrieb im Ladenlokal zunächst Haushaltswaren, später zusätzlich Spielwaren. Er spezialisierte sich dann zunehmend auf den Vertrieb von Eisenbahnen der Marke Märklin.

 

Zunächst behielt die Familie aus Kostengründen die Hausgestaltung einschließlich des Schriftzuges „Lammerding“ auf der Fasse bei. Dann änderte Ahrens die Gestaltung der Fassade im Erdgeschoss, wo die ursprünglich dreiteilige Fensterreihung zugunsten größerer Schaufenster auf zwei Fenster abgeändert wurde.

 

Im Ober- und Dachgeschoss blieb die historische Gliederung erhalten. Später wurde die Fassade aus Mitteln der Denkmalpflege neu – in karminroter Farbe – gestrichen, so dass auch die früheren Schriftzüge mit Bezug auf Lammerding übertüncht wurden.

 

Fraglich ist, ob auf Ahrens auch die Umgestaltung der Kellerdecke zurückgeht, die jetzt aus Eisenbeton besteht. 


Die Küche befand sich ursprünglich im EG zur Kautenstiege hin; erst einige Jahre nach dem Hauskauf wurde die Küche in die Mitte des 1. OG gesetzt.

 

In den oberen Etagen beließ Ahrens die Einteilung der Räume, wie Erpenbeck sie vorgenommen hatte. Vorne zum Markt hin lagen die beiden Schlafzimmer der Kinder und der Eltern. Dahinter lag ein kleines Wohnzimmer und ein Durchgangszimmer. Ein Kohleofen wurde in der Nähe des Kamins installiert.


Zur Kautenstiege hin wohnte eine Schwester von Frau Ahrens, die frühere Lehrerin Klara Hoedt (gest. im November 1999), in einer zweiten, separaten Wohneinheit.

 

Ein Klo gab es ursprünglich nicht; man ging auf den Hinterhof in die Gade zum dortigen Plumpsklo.

 

Erst in den sechziger Jahren wurde nachträglich ein Klo auf der 1. Etage eingebaut.

 

Herr Ahrens verstarb am 28. Februar 1996. Dann lebte seine Frau und deren Schwester in dem Haus; Eigentümerin des Hauses war Frau Ahrens. 1995 kam das Haus in das Eigentum der Tochter Rosemarie; die Eltern erhielten ein Nießbrauchsrecht. 


Textbearbeitung: Willi Tebben 

Literatur: 
„Markt und Märkte in Burgsteinfurt“ von Hans-Walter Pries, Herausgeber Sparkasse Steinfurt, 1989
Vortrag zum Denkmaltag 2003 in Burgsteinfurt von Prof. Dr. Thomas Hoeren, Steinfurt

Fotos: Stadtarchiv Steinfurt (Bild 1); Archiv Kiepker-Balzer, Steinfurt (Bild 3); Ralph Sutthoff (Bild 4); Willi Tebben (Bild 5 - 8); Bild 2 stammt aus dem Buch "Burgsteinfurt in alten Ansichten" von Fritz Hilgemann


 

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