Historische Gebäude in Steinfurt
- Burgsteinfurt -

 



Kirchstraße 14
 

Bild 1 - Kirchstraße 14 - Stand 12.08.2006

Flurstücksangaben
Lage      
Gemarkung 5190 Burgsteinfurt Flur 22
Flurstück 87/70 Fläche (qm) 304
Baulasten   Entstehungsdatum 1961/-
Entstehungs-VN   Nachfolge-VN  
Letzte Fortführung   Letzte Änderung 03.04.06
Aktualitätsnummer 0 Status aktuell
Flurkarte 9180.0 A7    
Vorgängerflurstück keine Daten erfasst    
       


Nutzung / Klassifizierung

Kennung 21 213 Gebäude- und Freifläche, Mischnutzung mit Wohnen, Wohnen mit Gewerbe und Industrie
Fläche (qm) 304




 

Bild 2

Kirchstraße 14
Die auf der ganzen Breite überbaute und nur mäßig tiefe Hausstätte mit einer Grundfläche von etwa 25,5 x 9 m wird rückwärtig vom Kirchplatz begrenzt. Durch die erhaltene Bausubstanz bestand diese Siedlungsstruktur zumindest seit etwa 1465. Hinter dem Haupthaus entstand 1717 entlang der nördlichen Grenze ein schmaler, bis zum Kirchplatz reichender Speicherbau, der sich an das Hinterhaus der benachbarten Hausstätte Kirchstraße 12 anschloss. Dieses ist seit dem 19. Jahrhundert zugehörig8.
Zur Klärung der Entwicklungsgeschichte der Bebauung wurden am 4.1.2006 durch das WAfD dendrochronologische Datierungen vorgenommen (Auswertung durch H. Tisje/Neu-Isenburg). Danach ist das Vorderhaus um 1465 errichtet und 1682 umgebaut worden. Das Hinterhaus entstand 17179.

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8 Die Entwicklungsgeschichte der Bebauung auf der Hausstätte ist bei Eiynck 1991, S. 187 kurz skizziert, wurde allerdings nicht zutreffend charakterisiert: Das Vorderhaus ist im Gegensatz zu seiner Einschätzung im Kern vom hohen Alter und das von ihm zu früh datierte Hinterhaus in seiner gesamten Substanz erhalten.
9 Die Datierungen im Einzelnen:

nach 1447

Vorderhaus, südliche Traufwand, 2. Wandständer von Osten

nach 1460

Vorderhaus, südliche Traufwand, Rahm, westlicher Abschnitt

um 1465

Vorderhaus, Dachwerk, 7. Sparren von Osten, Südseite (BZ III)

1682

Vorderhaus, Dachwerk, 6. Sparren von Osten, Südseite

 

Vorderhaus (um 1465 d)


Das eingeschossige und giebelständige Haus mit ausgebautem Satteldach ist durch eine komplexe Baugeschichte entstanden. Im Kern handelt es sich offensichtlich um ein Längsdielenhaus von Fachwerk, dass nach den konstruktiven Merkmalen vor 1500 errichtet worden ist. Dieser Kernbau ist heute noch mit der Balkenlage, den Sparrenpaaren (in Zweitverwendung) und dem größten Teil der Konstruktion der linken Traufwand erhalten, während die übrigen Wände im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in einem heute nicht mehr in den einzelnen Schritten nachvollziehbaren Prozess massiv von Backsteinmauerwerk erneuert worden sind.

Der Kernbau ist ein giebelständiges Fachwerkdielenhaus von 9 Gebinden Länge, wobei die Gefache eine Breite von etwa 1,8 m und die Ständer von etwa 0,25 m aufweisen. Die Dachbalken sind aufgelegt und alle im Querverband durch Kopfbänder gesichert. Die erhaltene linke Traufwand ist zweifach verriegelt (einfach vernagelt), wobei jeder zweite
Ständer mit verdeckt verzimmerten Kopfbändern im Längsverband gesichert wurde. Die Anordnung der Kopfbänder ist unregelmäßig. Ebenfalls um etwa 5 cm zurückspringend sind die Riegel verzimmert, so dass das Hausgerüst wohl zunächst verbohlt oder mit wandhohen aufgenagelten Stakenhölzern versehen war, deren Zwischenabstände man mit Strohlehm
auffüllte. An den durch Nachbarbebauung brandgefährdeten Traufwänden befand sich als Brandschutz wohl ein durchgehender Lehmverputz.

Über dem Hausgerüst erhebt sich ein steiles Sparrendach, das im ersten Verband mit nur einer einfach vernagelten Kehlbalkenlage ausgesteift war. Die Sparren waren zunächst in die Balkenköpfe des Hausgerüstes eingezapft. Die Sparrengebinde sind von hinten nach vorne mit Strichen (im Unterschied zu römischen Zahlen auch über IIII nur mit Strichen) gezählt. Besonders der weite Sparrenabstand von etwa 1,8 m spricht dafür, dass das Haus wohl zunächst noch eine Weichdeckung aufwies.

Bild 3

Bild 4

Die Innere Gliederung des Hauses ist in den grundsätzlichen Strukturen durch Baubefunde noch nachweisbar: danach handelt es sich offensichtlich um ein Längsdielenhaus mit etwa 4 m lichter Höhe: entlang der rechten Traufwand bestand zumindest in den vorderen fünf Gefachen ein schmales Seitenschiff von etwa 1,75 m lichter Breite. Es kann auf Grund der Breite wohl als Stallseitenschiff interpretiert werden und dürfte ein Zwischengeschoss aufgewiesen haben. Die Längswand gehört zum Kerngerüst, wobei die Ständer durch das Rahm mit einem Hirnzapfen in die Balken gezapft waren und zur Hausmitte mit den Deckenbalken durch Kopfbänder gesichert waren. Ob dahinter in den wohl rückwärtigen drei Fachen schon bauzeitlich eine Längswand zwischen einer rechtsseitigen Upkammer und einem breiteren linksseitigen Küchenbereich bestanden hat oder diese Struktur erst bei einem Umbau entstanden ist, konnte nicht belegt werden. Im 7. Gefach der linken Traufwand besteht ein massiv von Bruchstein aufgemauerter und etwa 0,25 m aus der Flucht vortretender Kaminblick (von wann ????) mit etwa 2 x 1,05 m Grundfläche, ein weiterer Hinweis, im hinteren Bereich des Hauses auf der linken Seite die Küche zu suchen. Ob das Haus im vorderen linken Bereich eine von der Diele abgetrennte Stube aufgewiesen hat, ist bislang unklar, aber anzunehmen. Dann würde das Haus bauzeitlich etwa mittig in der Giebelfront wohl einen Torbogen besessen haben. Ein genageltes Zopfenloch deutet darauf hin, dass möglicherweise eine Querwand unbekannter Funktion unter dem vierten Balken von vorne bestand.

Das Dachwerk über dem Haus wurde offenbar 1682 umgebaut. Nach Abbau der alten Sparren erhielt das Haus stark Sparrenschwellen, über denen an alter Stelle die alten Sparrenpaare wieder aufgestellt worden sind, allerdings ergänzt durch jeweils einen Zwischensparren. Diese Baumaßnahme dürfte darauf zurückzuführen sein, dass mit dem Umbau eine Hartdeckung mit Hohlpfannen eingeführt worden ist. Die heute noch vorhandene Lattung aus Eiche (4x10 cm), die mit einem Abstand von etwa 0,31 - 0,34 cm auf die Sparren genagelt ist, könnte ebenfalls noch dieser Bauzeit entstammen.
Wohl im 19. Jahrhundert wurde die Diele im Haus aufgegeben und der Grundriss mit Abbruch aller älteren Innenwände verändert. Hierbei wurde ein mittlerer durch das ganze Haus reichender Längsflur mit Türen in beiden wohl ebenfalls zu dieser Zeit erneuerten Giebelfronten geschaffen. Upkammer und Küche verblieben zwar an alter Stelle, erhielten aber veränderte Zuschnitte.

 

1925 Umbau des Ladengeschäftes im rechten vorderen Teil des Hauses einschließlich Schaufenster. Hierbei Wiederaufbau einer Trennwand zwischen der rechten Stube und dem Flur.

1934 Entwässerung.

1936 Einbau eines Schaufensters auf der linken Seite der Vorderfront. Statt dessen werden rechts wieder zwei Fenster geschaffen.

1943 Bau eines Luftschutzkellers unter dem Hof des Hauses. Er bezieht einen „Kohlenraum" unter dem Hinterhaus mit ein und vertiefte diesen (möglicherweise ehemals ein Jauchekeller?).

1948 wird das rückwärtige, bislang mit Brettern verkleidete Giebeldreieck massiv erneuert und mit einer Ausgangstür zum Balkon über dem zugleich ausgeführten eingeschossigen rückwärtigen Anbau versehen.

1954 wird der rückwärtige Anbau durch ein weiteres Zimmer mit Flachdach aufgestockt. Zugleich wird die Wohnung im Dachgeschoss des Hauses ausgebaut und erhält zur besseren Belichtung einen Aufbau auf der rechten Traufseite. Verbunden gewesen damit dürfte auch die Neugestaltung der Etagentreppe gewesen sein.

 

Hinterhaus (von 1717 d)


Zweigeschossiger Fachwerkbau, der entlang der nördlichen Grundstücksgrenze gestellt wurde, so dass die südliche und ausschließlich der Belichtung dienende Längswand als freistehende Schaufront gestaltet ist. Hierbei wurde das Gebäude offensichtlich so errichtet, dass es die Höhenmaße und Dachkontor des nördlich unmittelbar anschließenden Hinterhauses von Kirchstraße 12 fortführte. Auch die Gestaltung des Gebäudes ist für die Bauzeit konservativ und orientiert sich an
Bauten, die im frühen 17. Jahrhundert entstanden. Das Gebäude wurde als zweistöckiger Fachwerkbau von fünf Gebinden Länge errichtet. Die Geschossbalken sind aufgelegt, die Dachbalken eingehälst. Das Obergeschoss ragt an der Südwand um etwa 0,48 cm vor, wobei der Balkenüberstand von breiten, in der Kontur recht geraden Knaggen mit aufgelegten Treubandrollen getragen wird. Das Gerüst ist in jedem Stockwerk einfach verriegelt und regelmäßig mit leicht nach außen geschweiften und über die Riegel geblatteten Kopfstreben verstrebt. Die Gefache wurden mit Backsteinen ausgefacht. Über dem Gebäude erhebt sich ein steiles Satteldach, wobei allerdings die fünf Sparrenpaare mit jeweils nur einem Kehlbalken nicht in der Richtung des Hausgerüstes, sondern quer dazu gestellt
wurden. So konnte das Dach an das Dach des benachbarten Hinterhauses angeschlossen werden und über der südlichen, als Schaufront gestalteten Längswand entstand ein Giebeldreieck. Die Gerüste beider Giebeldreiecke jeweils nur mit zwei Riegeln und einer mittleren Hochsäule und nur verbrettert.

Das Gebäude nahm in jeder Etage einen wohl ungeteilten Raum von etwa 24 qm Grundfläche auf. Die Räume erhielten jeweils eine lichte Höhe von etwa 2,5 m im Erd- und 2,2 m im Obergeschoss unter Balken und dürften daher zu Wohnzwecken vorgesehen gewesen sein. Ihre Erschließung scheint jeweils über eine Türöffnung in der östlichen Schmalseite erfolgt zu sein. Wie der Zugang zu der im Obergeschoss an der Nordecke erhaltenen Tür hergestellt wurde, ist bislang nicht bekannt. Möglicherweise trug der noch heute etwa 40 vor die Fassade tretende östliche Geschossbalken der Südfront eine Galerie10. Die südliche Längswand erhielt in jeder Etage zwei Fenstergruppen zur Belichtung (diese mit der Innenseite abgefasten Hölzern und einem feststehenden mittleren Teilungspfosten).

10 Ein vergleichbarer Befund an einem Hinterhaus von 1575 konnte in Rheine, Klosterstraße 2 erhoben werden.

Bild 5

Bild 6

Bild 7

Bild 8

Nachträglich erhielt das Gebäude einen breiten gemauerten Kaminstapel. Hierbei wurde das anschließende Sparrenpaar abgebrochen und das Satteldach nun auf dieser Seite abgewalmt. Die hierbei aufgebrachte Dachlattung mit starken Eichenlatten erhalten und wohl schon für die bis heute erhaltene Eindeckung mit Pfannen auf Docken vorgesehen.1964 wird der kleine westliche Anbau zum „Wintergarten" umgestaltet und durch einen Vorbau erweitert (Plan: Architekt Karl Baumgart).

 

 

Würdigung


Bürgerlich-städtische Bauten aus der Zeit vor 1500 stellen im Münsterland eine große Seltenheit dar. Dies gilt insbesondere für Fachwerkbauten. Auch der trotz Kriegsschäden noch immer reiche Baubestand des historischen Stadtkerns von Burgsteinfurt entspricht diesem Wissen. Als bislang bekannte älteste Bestandsschicht erhaltener
Fachwerkbauten sind hier zu nennen (dabei nur ein einziger Bau noch aus der Zeit vor 1500):

Um 1495 Bütkamp 18

Um 1500 Wasserstraße 19 (Kerngerüst)

Um 1510 Am Neuen Wall

Um 1513 Kirchstraße 19
1519 Löffelstraße 14 (Kernbau/heute erneuert)


Vergleichbar alte Bausubstanz hat sich nach heutiger Kenntnis nur bei dem Stadtweinhaus Markt 19 von 1443 und bei Teilen der Kommende erhalten. Damit gehört der Kernbestand des Hauses Kirchstraße 14 (und wahrscheinlich auch von Kirchstraße 12) mit deutlichem Abstand zum ältesten Baubestand, der sich in Burgsteinfurt und weit darüber hinaus erhalten hat.

Eine nur in Teilbereichen noch vorhandene Überlieferung ist bei Bauten mit einem solch hohen Alter normal, dass diese nur dann „überleben"
konnten, wenn es gelang, sie im Laufe der vielen hier lebenden Generationen immer wieder veränderten Wirtschafts-, Lebens- und Gestaltungsformen anzupassen. Darüber hinaus ist neben den baugeschichtlich/wissenschaftlich bedeutenden Kerngerüsten aber auch die auf einer Reihe unmittelbar benachbarten Hausstätte noch erhaltene und weit in die Geschichte zurückreichende gewachsene historische Bausubstanz in ihrer Gesamtaussage zur Bebauungsstruktur bürgerlicher Hausstätten (Vorderhaus und zugehöriges Hinterhaus/Speicher) von exemplarischer Aussagekraft. Dies gilt für die Hausstätten auf der Westseite der Kirchstraße im besonderen Maße, da Bausubstanz hier noch die hier im Spätmittelalter vollzogenen siedlungsgeschichtlichen Prozesse zur Anlage eines Hospitals und der daraus erwachsenen „Kleinen Kirche" deutlich wiederspiegeln und dem heutigen Betrachter erkennbar werden lassen.

 

Weitere Links zum Thema:

 

Kirchstraße 14: Eine Hausbeschreibung
Kirchstraße 14, ein Bürgerhaus von 1465: Ein Haus und seine Zukunft

Eine kleine Chronik des Hauses Kirchstr. 14 im Spiegel der Presse

Kirchstraße 14: Die Pläne

Kirchstraße 14: eine 93-seitige Bestandsaufnahme und Dokumentation des denkmalgeschützten Gebäudes

Kirchstraße 14: eine 29-seitigiges Sanierungs- und Nutzungskonzept (Stand November 2009)

 

wird fortgesetzt

 


Text: Stadtarchiv Steinfurt

Fotos: Willi Tebben (Bild 1-8)


 

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