Leberbrot und Wurstebrot

Kindheitserinnerungen und Jugenderlebnisse aus der Nachkriegszeit bis zum Wohlstand in Burgsteinfurt.

 

Nach Aufzeichnungen von Gerd Hüsing verfasst und herausgegeben von Rainer Schepper

 

Diese Serie von insgesamt 22 Kapiteln erschien in "Westfälische Nachrichten / Steinfurter Kreisblatt" je ein Mal wöchentlich in der Zeit vom 08.05.1997 bis 02.10.1997

 

An dieser Stelle möchten wir ganz besonders darauf hinweisen, dass die veröffentlichte Serie keinerlei Bilder enthielt. Da wir den sehr umfangreichen Text mit einigen zeitgenössischen Bildern auflockern wollten, haben Hans-Bernd und Ingrid König ihre privaten Familienalben geöffnet und uns ein paar Bilder davon zur Verfügung gestellt. Diese Fotos stehen in keinerlei Beziehung zu dem Text, zeigen aber authentisch das Leben der damaligen Zeit!

 

Kapitel 1 - "Ein liebenswerter Chaot"

 

Es war der 16. Oktober 1996. Die Trauerhalle auf dem evangelischen Friedhof war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vorn stand ein mit leuchtenden Sonnenblumen geschmückter Sarg, den Lieblingsblumen des Verstorbenen, der an diesem Tage zur letzten Ruhe geleitet wurde. Pastor Knorrek zeichnete den Lebensweg und Charakterbild des Verstorbenen treffend nach. Das Schlüsselwort dieser Ansprache blieb allen Trauergästen deutlich im Gedächtnis: ein liebenswerter Chaot.


Wir trugen Gerd Hüsing zu Grabe; das große Trauergeleit war so zahlreich, dass ein Prominenter es sich nicht größer wünschen konnte. Und Gerd Hüsing war auf seine Weise prominent.


Am Stadtrand von Burgsteinfurt kam er am 24. Januar 1943 zur Welt, Sohn eines Zigarrenmachers mit landwirtschaftlichem Nebenerwerbsbetrieb, bildete sich aus als Industriekaufmann und Betriebswirt und war viele Jahre im Dienste namhafter Brauereien berufstätig. Dann ereilte auch ihn das Schicksal so vieler Menschen unserer Gesellschaft: er wurde arbeitslos. Aber damit fand er sich nicht ab. Konnte er nicht mehr in seinen Beruf tätig sein, so war er es jetzt für seine Mitmenschen: für die evangelische Kirchengemeinde, mit seinen in den Zeitungen veröffentlichten „Worten der Besinnung", mit Leserbriefen zu politischen und kommunalpolitischen Fragen. Er schwieg nicht, wo er Unrecht erkannte, er suchte seine Mitbürger aufzurütteln, wach zu machen für menschliche und mitmenschliche Probleme.


Er sprach fast jeden an, der ihm über den Weg kam, eines Tages auch mich. Wir wurden gute Freunde. Er regte meine „Burgsteinfurter Winterabende", literarische Lesungen im alten Bauernspeicher bei Schulze Veltrup an. Er zeigte mir, von seiner Heimat begeistert, Burgsteinfurt und seine Umgebung.

Eines Tages hatte er die Idee, seine Kindheits- und Jugenderinnerungen aufzuschreiben und für die Nachwelt (und auch Mitwelt) festzuhalten und bat mich, für ihn ein Buch abzufassen, das er herausgeben wollte. 85 handgeschriebene Seiten und dazu 111 Zettel mit einzuschiebenden Ergänzungstexten brachte er, die ich zu einem Buchmanuskript in Absprache mit ihm verarbeitete. Das Erscheinen des Buches hat er nicht mehr erlebt. Im Mai 1996 musste er sich ins Krankenhaus begeben, aus dem er nicht mehr entlassen werden konnte. Am 11. Oktober 1996 ist er, 53 Jahre alt, gestorben.


In einer wöchentlich erscheinenden Artikelserie des Steinfurter Kreisblatts/Westfälische Nachrichten sollen nun diese Aufzeichnungen in Auszügen veröffentlicht werden, nachdem ich sie zweimal im alten Speicher von Schulze Veltrup vorgetragen habe, zur Freude vieler Burgsteinfurter.

 

Kapitel 2 - Eine komplette Familie

Im tiefen Winter bei Eiseskälte ging an einem Sonntagnachmittag, es war der 17. Januar 1943, ein zehnjähriges Mädchen zusammen mit ihrer Freundin in der Nachbarschaft umher, klopfte an die Haustüren und verkündete strahlend: „Ich habe heute ein Brüderchen bekommen!" Die Nachbarn freuten sich mit dem Kind, stellten dann aber einige Stunden später fest, dass die Nachricht gar nicht stimmte. Das Mädchen hatte nur einen Scherz gemacht. Dieses zehnjährige lebenslustige Mädchen war meine Schwester Hilde.


Genau eine Woche später nach ihrer Geburtsverkündigung, an einem Sonntag, wurde ich dann geboren. An dem Tag lag hoher Schnee, und meine Schwester lief erneut in die Nachbarschaft und verkündete meine Geburt. Aber diesmal wollte ihr keiner glauben, obwohl sie die Wahrheit sagte.
Ich kam also am 24. Januar 1943 in der Leerer Straße in Burgsteinfurt zur Welt, und am gleichen Tage wurde zwei Häuser von meinem Elternhaus entfernt ein Mädchen geboren; es erhielt den Namen Heidi. Mit ihr habe ich meine Kindheit und Schulzeit verbracht.


 

Bild 1

Bild 2

Mein Vater war damals im Krieg und stand als Soldat in Holland. Meine Geburtsstadt Burgsteinfurt, heute Steinfurt genannt, liegt im nordwestlichen Münsterland zwischen den Städten Münster und Enschede (Niederlande). Mein Elternhaus lag am Rande des Stadtbezirks, und ein kleines Stückchen weiter stadtauswärts beginnen die Bauerschaften. Die Leerer Straße war damals umbenannt worden in Schlageter-Straße in Erinnerung an Albert Leo Schlageter, der 1923 während der Ruhrbesetzung Anschläge auf Verkehrsverbindungen der französischen Besatzungstruppen geführt hatte und deswegen durch ein französisches Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf standrechtlich erschossen wurde. Seit Kriegsende heißt die Straße, in der mein Elternhaus stand, wieder Leerer Straße.



 

 

Bild 3 - das erste Fahrrad

Bild 4 - früh übt sich ...

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Kurz nach Ausgang des Krieges, der am 8. Mai 1945 mit dem Waffenstillstand endete, kam mein Vater nach Hause zurück. Meine Schwester hatte ihn zuerst erspäht, als er mit anderen Soldaten auf einem Lastwagen gebracht wurde. Sie war mit mehreren Mitschülerinnen auf einem großen Kartoffelfeld in der Bauerschaft Hollich zum Kartoffelkäfersuchen eingesetzt. Kartoffelkäfer mussten übrigens noch bis einige Zeit nach dem Kriege gesucht werden, weil ihre Larven die Pflanzen anfraßen, und dafür setzte man aus jeder Schule ganze Schulklassen ein. Die Kinder hielten in der Hand ein verschraubbares Glas, in dem die Tiere gesammelt wurden. Anschließend wurden die Käfer mit Petroleum vernichtet.


Meine Schwester lief vom Kartoffelacker aus überglücklich nach Hause und berichtete ganz aufgeregt: „Mamma, der Papa ist aus dem Krieg zurück; ich habe ihn schon gesehen!" Nun waren wir wieder eine komplette Familie, zu der sechs Personen gehörten: Vater, Mutter, Großmutter (sie war die Mutter meines Vaters), meine beiden älteren Schwestern und ich.


Bald darauf zog englische Besatzung in Burgsteinfurt ein; unser Haus, viele andere Nachbarhäuser und etliche Bürgerhäuser in der Stadt wurden beschlagnahmt und besetzt, und so mussten wir unser Elternhaus räumen und auf einem Bauernhof in der benachbarten Bauerschaft Veltrup Unterkommen suchen. Die Bäuerin war eine Cousine unserer Mutter. Wir hatten ein treusorgendes, aber strenges gutbürgerliches evangelisches Elternhaus.

 

Kapitel 3  - 600 Jahre Stadtrechte

Vater nahm zunächst einige Hilfsarbeiterstellen an und konnte dann schon kurze Zeit später seinem früheren Beruf als Zigarrenmacher wieder nachgehen. Außerdem betrieb er im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft mit Viehhaltung.


In Burgsteinfurt blühte bis Mitte der 60er Jahre die Zigarrenindustrie; die größte Zigarren- und Tabakfabrik am Ort war Rotmann, im ganzen Münsterland weit und breit bekannt und als letzte vor etwa 30 Jahren aufgegeben. Die Rotmannstraße in Burgsteinfurt erinnert noch heute an dieses Unternehmen. Kleinere Zigarrenfabriken sind schon einige Jahre vorher aufgegeben worden; in einer von ihnen war auch mein Vater tätig. Übrigens kann ich mich noch daran erinnern, wie Tabak und Zigarren mit Pferd und Wagen ausgeliefert wurden.


1947 feierte meine Heimatstadt die 600-Jahrfeier ihrer Stadtrechte. An die Festlichkeiten kann ich mich noch ein wenig erinnern. Im August wurden die wieder aufgefundenen zwei Glocken der Großen evangelischen Kirche, die während des Krieges im Hamburger Hafen gelagert hatten und für Kriegszwecke, insbesondere für Munition, eingeschmolzen werden sollten, feierlich in den Turm eingehängt. Als meine Schwester Edith aus der Schule entlassen war, begann sie eine Bürolehre bei der englischen Militärregierung, die damals im Landratsamt untergebracht war. Sie arbeitete dort für den Kommandanten, der ein allgemein geschätzter und mit Recht angesehener Mann war. Er schenkte ihr in der knappen Zeit 1947/48 Schokolade, Bonbons und Gebäck, alles Köstlichkeiten, die wir gar nicht kannten, und so bekam ich damals die erste Schokolade.


1949 wurde die englische Militärregierung aufgelöst. Der englische Kommandant war äußerst beliebt in Burgsteinfurt, zumal er auch mit den deutschen Behörden sehr gut zusammenarbeitete. Er fand sein Grab auf dem evangelischen Friedhof in Burgsteinfurt. Sein Grabstein trägt die Inschrift: „Er schlug eine Brücke des Verstehens von Volk zu Volk, und sein Ohr war den Hilfsbedürftigen stets offen."


Nach den Osterferien 1948 kam ein Nachbarsjunge, der ein Jahr älter war als ich, in die Schule. Stolz kam er morgens bei mir vorbei und stellte sich mit seinem neuen Tornister, seinem Schulranzen, vor. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich stand gerade auf einem Stuhl, und meine Mutter zog mir das Leibchen an und befestigte daran meine langen Strümpfe. Als ich den Freund aus der Nachbarschaft mit seinem Tornister sah, habe ich bitterlich geweint, weil ich nicht mit ihm in die Schule gehen durfte. Zudem hatte ich für morgens einen Spielfreund verloren. Meine Mutter tröstete mich: „Du kannst noch lange genug in die Schule gehen!"

 

Kapitel 4 - Zeit der Währungsreform

Am 20. Juni 1948 wurde mit der Währungsreform eine entscheidende wirtschaftliche Weiche gestellt. Für jeden Bürger gab es die sogenannte Kopfquote, 40 Mark und die alte inflationierte Reichsmark-Währung wurde abgelöst und im Verhältnis 10:1 aufgewertet. Die Zeit der Lebensmittel- und Warenknappheit war damit vorüber. Die Schaufenster der Geschäfte waren von einem auf den anderen Tag wieder gefüllt; nur war die Kaufkraft zunächst noch herabgemindert.


Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erlassen, deren erster Bundespräsident Theodor Heuß (1884 bis 1963) war. Zum ersten Bundeskanzler wurde Konrad Adenauer (1876 bis 1967) gewählt. Theodor Heuß und Konrad Adenauer hatten nicht nur das Erbe eines weithin in Trümmer gelegten, durch den Krieg heruntergewirtschafteten Landes zu übernehmen, sondern auch das Erbe des durch die Hitlerherrschaft bewirkten moralischen Niedergangs. Nicht nur den materiellen Wiederaufbau übernahmen sie als Aufgabe, sondern auch die Schaffung neuen politischen Kredits.


Als die Osterferien 1949 zu Ende waren, kam ich endlich in die Schule. Meine Schwester strickte mir von aufgeribbelter Wolle einen Pullover, den ich stolz anzog, und meine Mutter nähte mir aus einer alten langen Hose eine kürze neue, in der ich am ersten Schultag losspazierte. Mein Vater hatte mit einigen Lederlappen den alten Tornister repariert, den meine Schwestern schon vor Jahren benutzt hatten. Meine Schwester häkelte mir zwei Tafellappen in Weiß und in Blau, rot umrandet. Sie wurden an der Schiefertafel befestigt und baumelten seitwärts aus dem Tornister.


Die Schiefertafel hatte ich eine Woche vorher mit einigen Ostereiern und wenigen Süßigkeiten im Osterhasennest gefunden, dazu einen Griffelkasten, einen länglichen schmalen Holzkasten mit verschiebbaren Deckel, in dem die Griffel aufbewahrt werden sollten. Zu Ostern, meistens schon am Karfreitag, suchten wir Kinder frisches grünes Moos im Wald und fertigten daraus am Karsamstag zwei oder drei Osterhasennester im Garten. Am Ostermorgen suchten wir die Nester auf und glaubten, dass der Osterhase sie mit den Sachen gefüllt hätte, die wir darin vorfanden. Auch in den Sträuchern hatte er manches versteckt.


Als ich am Tag der Einschulung mit Mutter, Oma und meinen beiden Geschwistern am Mittagstisch saß, kam mein Vater von der Arbeit: „Mahlzeit - guten Appetit! So, Junge, nun hast du deine Kinderschuhe ausgezogen." Diese Worte bekam ich aber im Laufe meines Lebens von ihm sehr oft zu hören.
 

Kapitel 5 - Die Grundschulzeit

In der Schule fingen wir, wie es damals noch üblich war, mit dem kleinen „i" auf der Schiefertafel an, und wenn es nicht richtig geworden war, konnte man es mit dem Tafellappen auswischen. Diese Schiefertafel war mit einem Holzrahmen umrandet. Die Vorderseite war mit Linien versehen, die Rückseite mit Rechenkästchen. Von den ersten Schreibübungen mit dem „i" stammte der für die Schulanfänger gebräuchliche Spottname „I-Männchen". Kinder der oberen Klassen sangen auf der Straße hinter uns her: „I-Männchen, I-Männchen, Kaffeekännchen! Kaffeekännchen fällt um.

I-Männchen ist dumm!" Wir schämten uns gewaltig, wenn wir diese Spottverse zu hören bekamen, aber als wir dann ins zweite Schuljahr aufgerückt waren, riefen wir selber ganz stolz die gleichen Verse den „Neuen" zu.


Nun schrieben wir auch nicht mehr auf die Schiefertafel, sondern benutzten ein Schreib­ und Rechenheft, und der Griffel war jetzt auch überflüssig geworden. Mit Bleistift schrieben wir zunächst in die neuen Hefte und später mit einem Federhalter aus Holz, an dessen unterem Ende eine Schreibfeder eingesteckt wurde. Die Schulbänke mit etwas schräger Schreibfläche waren aufklappbar, und jeder Schülertisch hatte ein Tintenfass, das in ein eigens dafür vorgesehenes Loch gesteckt war und mit einer kleinen Metallklappe zugedeckt werden konnte. Alle paar Augenblicke, wenn die Feder leer geschrieben war, musste sie erneut in das Tintenfass eingetaucht werden. Das gab anfangs manchen Tintenklecks auf Bänke und Hefte.
Für die Schularbeiten zu Hause gab es eigens ein kleines Tintenfass, das man in einem Schreibwarengeschäft aus einem großen Tintenfass oder einer Tintenflasche nachfüllen lassen musste. Unter jede Zeile, die wir schrieben, mussten wir ein Löschblatt legen, damit das Geschriebene nicht verschmiert wurde. Für das Schönschreiben wurde extra ein Heft angelegt.


An unserem Tornister befand sich ein Haken, an den ein kleiner Emailletopf gehängt wurde. Dieser Topf wurde genutzt, wenn wir die Schulspeisung in der großen Pause in Empfang nahmen. Dann rückte ein Rollwagen mit großen Kesseln an, aus denen Personal vom Roten Kreuz uns Kindern mit großen Suppenkellen unsere Portion zuteilte. Ich erinnere mich besonders an Grießbrei mit einem Löffel Marmelade, an Tomatensuppe, die ich von zu Hause her gar nicht kannte, und auch daran, dass jede Klasse für sich im Klassenzimmer die Schulspeise verzehrte. Die Schulspeisung war eine Hilfsaktion der amerikanischen Organisation Care und wurde bis 1951 durchgeführt. Danach wurden uns von zu Hause Butterbrote als Frühstück in die Schule mitgegeben.


Vor der Schulspeisung wurde gemeinsam in der Klasse gebetet, ebenso nach dem Schulfrühstück. Danach durften wir noch eine Viertelstunde auf dem Schulhof spielen. Wenn dann die Schulglocke schrillte, mussten wir uns klassenweise aufstellen; die oberen Klassen standen ganz oben, schuljahrsweise folgten dann die anderen nach unten hin. In zwei Reihen waren wir aufgestellt, jeweils zwei Jungen und zwei Mädchen mussten sich an die Hand nehmen, der zugehörige Lehrer stand davor, und dann ging man geordnet gemeinsam in das Schulgebäude und in die Klassenzimmer. Nicht anders war es vor Schulbeginn und so auch nach jeder Pause. Diese Begebenheiten aus den ersten Schuljahren wiederholten sich in den höheren Klassen nicht mehr.
 

Bild 6 - die Hausschlachtung

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Kapitel 6 - Schlachten war Männersache

Meine Eltern waren stolz auf ihren kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb und die ländliche Arbeit auf dem vom Fürsten zu Bentheim und Steinfurt gepachteten Land. Dieses Land ernährte weitgehend die Familie. Der Fürst hat seinen Wohnsitz im Schloss Steinfurt, einer alten Wasserburg am Rande der Stadt, von der aus sich ein weiter, mit Wald bestandener Park, das sogenannte Bagno, ausdehnt.


In unserer kleinen Landwirtschaft musste die ganze Familie mithelfen, und in der Nachbarschaft war es nicht anders. Wir hatten eine Kuh, ein Rind, zwei Schafe, zwei Schweine, Kaninchen, Gänse, Hühner und einen Hund. Im November, etwa um Martini, wurde ein Schwein geschlachtet. Morgens, lange vor Schlachtbeginn, durfte ich dann mit Pferd und Wagen mitfahren zum Schlachthof, und wenn ich mittags aus der Schule kam, hing das geschlachtete Schwein der Länge nach aufgeschnitten kopfunter mit Stricken festgebunden an der Leiter. Abends kam dann der Hausschlachter und schnitt das Schwein in Teile.



 

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Während das Schlachten (mit Ausnahme des „Blutrührens") und Zerschneiden früher durchweg Männersache war, fiel das Wursten in den Arbeitsbereich der Frauen. Beim Schlachtfest durfte selbstverständlich der Schnaps nicht vergessen werden. Ein Prost auf die Mettwürste mit einem münsterländischen Körnchen. Während des Zerschneidens standen wir alle um den Tisch herum, sahen zu oder halfen auch dabei. Plötzlich sagte der Hausschlachter „piep - piep - peip" und schnitt einen kleinen Muskel heraus, warf ihn mir zu und nannte ihn „das Mäuschen". Das Stückchen hatte tatsächlich die Form einer Maus. Es wurde dann ganz allein für mich gebraten.


Am Abend des Schlachttages drehte meine Mutter oder Oma bestimmte Fleischstücke durch eine Wurstemühle, den Fleischwolf. Dieses zerkleinerte Fleisch wurde gewürzt und in Därme gepresst; das Ergebnis waren die begehrten Mettwürste. Diese Würste wurden sofort auf Schneesen (Stangen im Rauchfang über dem offenen Herdfeuer zum Räuchern von Fleischwaren) gereiht und dann mit einer Gaffel zum Trocknen auf ein Gestellt gehoben, das unter der Decke der Küche angebracht war. Schinken und Speck wurden aus dem Schwein herausgetrennt und kühl im Keller gelagert. Alles das kam dann am nächsten Tag mit den übrigen Fleischstücken, wie Eisbein, Kleinfleisch, in ein eigens gemauertes Pökelfass im Keller, wo es mit Salz zur Reifung angesetzt wurde. Der Braten wurde in Einmachgläsern eingekocht. Alles übrige Fleisch brühte man in einem großen Kessel mit Gewürzen auf. Und zwischendurch wurde immer wieder zur Aufmunterung ein Schnaps, das heißt ein münsterländer Korn getrunken.


Nach getaner Arbeit, etwa gegen 21 Uhr, briet meine Mutter oder meine Oma eine Pfanne voll Mett, ähnlich den heute gebräuchlichen Frikadellen, und der Abend endete in gemütlicher Runde beim Schmaus. Alle saßen gemeinsam um den Familientisch, und dann musste ich leider als erster ins Bett.

 

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Kapitel 7 - Söppken zum Frühstück

Am darauf folgenden Tag begann das Wursten. Meine Mutter und meine Oma stellten dann unter anderem Blutwurst, Leberwurst sowie Leberbrot und Wurstebrot her, typisch westfälische Spezialitäten. Für das Leberbrot vermengte man ausgekühltes Fleisch mit durchgedrehter Leber, Weizen und Buchweizen, grob gewürfeltem fetten Speck und der vom Vortag abgekühlten Brühe. Das Ganze wurde mit Majoran, Muskatblüte, Nelkenpulver und Pökelsalz gewürzt.


Zuletzt wurde das Wurstebrot hergestellt, und zwar aus zehn Litern frischem Blut, fünf Pfund Schrot, 500 Gramm Speckwürfel, Pfeffer, Salz und Grieben (ausgelassenem Fett). Das frische warme Blut wurde mit dem Schrot und den Speckwürfeln vermengt und mit den Gewürzen pikant abgeschmeckt. Papierdärme füllte man zu Dreivierteln, band sie zu und kochte sie. Wenn das Blut nicht reichte, füllte man mit Brühe auf.
Heute gilt es als Delikatesse, aber früher hing es uns zum Halse raus; denn wir mussten von November bis Mitte März Abend für Abend und Jahr für Jahr Leberbrot und Wurstebrot essen. Der Vater aß schon morgens zum Frühstück Wurstebrotsöppken, ein Süppchen, aus Wurstebrot zubereitet. Übrigens wurden einige Wurstsorten nach dem Schlachten in Einmachgläsern eingekocht, andere in Dosen gefüllt. Die Dosen wurden mit einem Bollerwagen zum Klempner gebracht, der sie mit Deckeln versah und schloss.


An die Schwarzschlachterei, das illegale Schlachten im Kriege und in der Nachkriegszeit, kann ich mich nicht erinnern, aber meine beiden Schwestern haben oft davon erzählt. Schwarzschlachten war bis kurz nach dem Kriege bei Strafe verboten. Aber dieses Verbot vermochte nicht viel auszurichten. Immer wieder wurde unter größten Vorsichtsmaßnahmen, wobei „Schmiere" gestanden werden musste, „schwarz" geschlachtet.


 

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Das Mittagessen bestand damals überwiegend aus frischen Gemüsen, die wir aus dem eigenen Garten holten. Dazu gab es fast immer vom selbst eingemachten Apfelkompott. Am Montag wurden meist die Reste vom Sonntag auf den Tisch gestellt, aber sonst war das Mittagessen abwechslungsreich. Aus dem Garten kamen die Wurzeln (Möhren), die Bohnen, der Wirsing, Große Bohnen, Kohlrabi, Rötkohl, Erbsen, aber immer als Eintopf, also mit Kartoffeln vermengt gekocht.


Im Winter kam eine Scheibe gebratenen Leberbrots und Wurstebrots dazu, und nach dem ersten Frost wurde der Grünkohl gekocht, den wir Moos nannten. Hin und wieder gab es auch Fisch, aber nur sehr selten, da meine Mutter grundsätzlich keinen Fisch aß. Am Samstag wechselten Bohnensuppe, Erbsensuppe oder Graupensuppe miteinander ab. Etwas Besonderes war das Sonntagsessen: eine Hühnersuppe mit Eierstich, Kartoffeln mit Soße von einem Kaninchen- oder Hühnerbraten und dazu jeweils zur Jahreszeit passen Gemüse, wie etwa Rotkohl, Schwarzwurzeln oder Wirsing. Als Nachtisch gab es meist Vanille-Pudding, dazu selbstgemachten Himbeer- oder Johannisbeersaft.

 

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Kapitel 8 - Straff geordneter Tagesablauf

Wie sah damals unser Tagesablauf aus? Um 7 Uhr standen wir gewöhnlich auf, frühstückten und gingen zur Schule. Nachmittags mussten wir der Mutter hin und wieder auf dem Land helfen, meist haben wir mit den Nachbarskindern gespielt, wenn wir unsere Schulaufgaben erledigt hatten.
Wenn der Vater abends von der Arbeit kam, hatte er noch etwas auf dem Acker zu tun. Meine Mutter melkte gegen 18.30 Uhr die Kuh, im Sommer auf der Weide und ab Herbst im Stall. Es wurde übrigens täglich dreimal gemolken, morgens, mittags und abends. Im Winter musste ich Runkeln klein schneiden und die Kuh damit füttern, und danach bekam sie einen Trog voll Heu. Das Melken habe ich selbst nie gelernt. Aber beim Schweinfüttern musste ich helfen und auch beim Füttern des Kleinviehs.


Wenn dann die Tiere versorgt waren, aßen wir unser Abendbrot, und darüber wurde es meist schon 20 Uhr. Und dann musste ich auch schon bald ins Bett. Meine Eltern standen auf dem Standpunkt: erst das Vieh und dann der Mensch.



 

Im übrigen ging es bei uns streng zu. Wenn ich mal beim Essen sagte: „Das mag ich nicht", dann bekam ich als Antwort zu hören: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt." Abends gab es bei uns Blut- oder Leberwurst, Mehlpfannkuchen, und im Winter bis zum Frühjahr jeden Abend Leberbrot und Wurstebrot, dazu schwarzen Tee oder Pfefferminztee, manchmal auch „Muckefuck" (Lindes oder Kathreiner-Kaffee). Zuvor kam meist eine Milchsuppe auf den Tisch, zur Abwechslung gab's auch mal Haferflocken, Papp mit Schwattbraut oder Sago. Ich habe oft, wenn es keiner bemerkte, die Milchsuppe in den Schweinetopf geschüttet.


In den Schweinetopf, der sich vor dem Stall befand, kam aller Abfall von Lebensmitteln, wie Kartoffelschalen, Brotreste und Gemüseabfälle. Alle drei Tage wurde dieser Schweinetopf mit Buschenholz (Reisigholz) oder Hobelspänen angeheizt und gekocht, zu Mus durchgedreht und an die Schweine verfüttert.


Einmal im Monat durfte ich mit meiner Mutter zum Einkaufen gehen. Dieser eine Einkauf reichte aus, weil wir im übrigen Selbstversorger waren. Aber jedes Mal, wenn wir einkauften, war auch ein Paket Muckefuck dabei. Bohnenkaffee wurde erst viel später gekauft, und dann nur ein Viertelpfund.
Nach der Währungsreform 1948 wurden auch die Lebensmittelkarten, die es viele Kriegsjahre und Nachkriegsjahre hindurch gegeben hatte, abgeschafft. Die Rationierung hörte auf, es galt nur noch die neue deutsche Währung. Aber ich erinnere mich nur noch daran, wie mit den Lebensmittelkarten in den Geschäften eingekauft wurde. Auf ihnen war die jedem Bürger zustehende Nahrungsmittelmenge genau vorgeschrieben, und in den Geschäften wurden beim Einkauf von den Lebensmittelkarten die entsprechenden Marken oder Kästchen abgeschnitten. Mehr gab es dann nicht zu kaufen, als darauf abgedruckt stand.

 

Kapitel 9 - Landwirtschaft für Eigenbedarf

Unser Nebenerwerbsbetrieb ernährte die Familie weithin selber. Im Frühjahr wurden die Kartoffeln gepflanzt, die den Eigenbedarf abdecken mussten. Auf dem Acker machte der Vater mit einem Spaten in bestimmten Abständen ein kleines Loch in die Erde, während ich hinter ihm herging und jeweils eine Pflanzkartoffel hineinwarf.


Auf einem Teil des Ackers säten wir Runkelrübensamen. In die Gartenbeete wurden die dicken Bohnen gelegt, Zwiebeln gesteckt sowie Spinat, Erbsen, Möhren, Salat, Melde Mangold, Petersilie, Dill, Rotkohl, Grünkohl und Wirsing gesät, gelegt oder gepflanzt.


Im Sommer wurde zuerst das Gras gemäht. Dann stand der Vater schon morgens um vier Uhr auf und zog mit der Sense auf die Wiese, bevor er dann in die Fabrik ging, wo er um 7 Uhr seine Arbeit zu beginnen hatte. Meine Mutter und hin und wieder auch meine beiden Schwestern und auch ich mussten dann später helfen, das Gras, das im Laufe des Tages zu Heu getrocknet, und wenn der Vater dann abends aus der Zigarrenfabrik kam, haben wir es auf den Wagen, vor den wir unsere Kuh Alma wie ein Pferd gespannt hatten, aufgeladen. Meist ernteten wir zwei Wagen voll.

 

Nach der Tagesarbeit wurde das Vieh gefüttert. So kam es vor, dass wir manchmal nach arbeitsreichen Tagen erst zwischen 21 und 22 Uhr am Abendbrottisch saßen.

 


 

 

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Ende Juli wurde der Roggen von meinem Vater mit der Sense geschnitten. Meine Mutter band ihn in Garben und stellte ihn zu Stiegen auf. Einige Tage später wurde wieder unsere Kuh Alma vor den Wagen gespannt, und sie zog ihn aufs Feld, wo es mit den Garben beladen wurde. Von dort aus ging es zur Dreschmaschine.


Der Termin zum Dreschen wurde immer kurzfristig angesagt, und erst dann erfuhr man auch den Standort des Dreschers. Wir mussten uns häufig sehr beeilen, um früh genug da zu sein und nicht hinter einer Reihe von mehreren Kuh- und Pferdewagen warten zu müssen.


Meine Mutter stand immer auf dem Kuhwagen und reichte die Garben zur Dreschmaschine an. Zwei Personen, nämlich mein Vater und ein Helfer, standen auf der Dreschmaschine und warfen die Garben hinein. Eine weitere Person stand unten an den Säcken, in die das Korn hineinfiel, und mindestens ein bis zwei Personen wurden außerdem benötigt, um die Strohbunde wieder auf den Wagen zu laden. Man fuhr nach Hause, und das Stroh wurde auf dem Stallboden verpackt.


Die Körner schütteten wir zum Trocknen aus den Säcken auf die Tenne. Später brachten wir sie zu einem Müller, der sie in seiner Mühle zu Mehl mahlte.


Nach der Roggenernte wurden die Stoppelrüben gesät, die zur Fütterung der Kühe und Rinder dienen. Ende Oktober bis Mitte November wurden sie gepflückt und bis Mitte Januar an Kühe und Rinder verfüttert.


Im Herbst holte mein Vater auch die Kartoffeln mit der Grepe aus der Erde, und meine Mutter sammelte sie in den Kartoffelkorb ein. Zuhause kamen die schlechten Früchte in den Schweinetopf, die guten aber wurden im Kartoffelkeller eingekellert. Nach Beendigung der Kartoffelernte zündeten wir auf dem Acker ein Strohfeuer an, in das wir einige Kartoffeln hineinwarfen.

 

Kapitel 10 - Sauerkraut bis zum Frühjahr

In den Sommerferien fuhr ich immer gern mit dem Milchbauer mit Pferd und Wagen morgens in aller Frühe durch die Bauerschaften. Er sammelte von den Bauern und Ackerbürgern die am Wege bereitgestellten Milchkannen ein. Die Milch wurde in die Molkerei gebracht, und einige Stunden später brachte der Wagen die leeren Kannen zurück und stellte sie wieder vor die Haustür. Die Milch wurde nach ihrer Reinheit bewertet, und meine Mutter war immer stolz, wenn ihr die Milch mit Reinlichkeit Eins bescheinigt wurde.


Im Sommer wurden auch die Erdbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren gepflückt, die meine Mutter und meine Oma größtenteils zu Saft oder Gelee verarbeiteten. Im Herbst folgte dann die Ernte der Äpfel und Birnen, und vorher die der Pflaumen. Auch hier war das Sortieren wichtig. Gute Äpfel wurden teils eingekellert, wo sie bis Weihnachten liegen blieben und dann bei der Bescherung auf dem Teller lagen, zum anderen Teil wurden sie mit dem Bollerwagen zur Süßmosterei gebracht und dort gegen Apfelsaft eingetauscht.


Von den zurückgelegten Äpfeln gab es im Winter auch hin und wieder Bratäpfel, die uns besonders gut schmeckten.


Im Herbst wurden die Runkeln gezogen. Auch dabei musste ich helfen. Diese Arbeit wurde aber hauptsächlich von meiner Mutter getan, die die Runkeln mit der Hand zog und dann in Reih und Glied auf den Acker legte. Die Blätter mussten mit dem Spaten abgestochen werden. Wieder wurde die Kuh Alma angespannt und der Wagen mit den geernteten Runkeln beladen. Zu Hause legten wir sie in eine Runkelmiete, deckten sie zum Schutz gegen Frost mit Erde und Stroh zu und verfütterten sie den Winter hindurch bis zum Frühjahr an die Tiere.


Der Herbst war die Zeit des Sauerkraut-Einmachens. Zu Hause wurden dann die Weißkohlköpfe zunächst abgewaschen, geviertelt und in einer großen Kabbesmühle gehobelt. Diese Mühle lieh man sich aus; und sie wanderte schon am folgenden Tag zu einer anderen Familie weiter. Das gehobelte Weiß­kraut wurde in Steingutfässern mit Salz festgestampft, und obendrauf kam ein frisches Weintraubenblatt. So musste das Kraut einige Wochen stehen, und danach konnte man portionsweise daraus die benötigten Mengen zum Kochen entnehmen.


Im Frühjahr waren wir erleichtert, wenn die letzten Sauerkrautreste verzehrt waren, zumal dem Fass recht merkwürdige Gerüche entstiegen. Die geschilderten Arbeiten wurden von meinen Eltern tagtäglich jahrein, jahraus bis in die Mitte der sechziger Jahre ausgeführt. Meine Mutter melkte die Kuh jeden Tag mit der eigenen Hand, mein Vater musste die aufgezählten Arbeiten vor seiner Tagesarbeit als Zigarrenmacher oder abends nach Feierabend verrichten, und meine Mutter hat mit eigenen Händen, die Heugabel in der Hand, das Heu gewendet.
 

Kapitel 11 - Streng getrennte Konfession

Die evangelische Kirchengemeinde umfasst die Stadt Burgsteinfurt und die drei Bauerschaften Hollich, Sellen und Veltrup. Es handelt sich um eine Gemeinde mit reformierter Tradition, für die der „Heidelberger Katechismus" maßgebend ist. Das übrige Münsterland ist überwiegend katholisch, und so bildete Burgsteinfurt mit einer ursprünglich evangelischen Bevölkerung eine Art Enklave, jedenfalls bis nach dem zweiten Weltkrieg. Am 25. Januar 1564 wurde der erste evangelische Gottesdienst in der Großen Kirche gefeiert und damit die von den Priestern der Johanniterkommende (Johanniterorden) bis dahin zelebrierte römisch-katholische Messe abgeschafft. Der 25. Januar wurde bis zum Anfang der siebziger Jahres dieses Jahrhunderts in Burgsteinfurt von allen evangelischen Christen gefeiert, aber von den Katholiken als „Räuberfest" bezeichnet. Auch in den Schulen wurden die Konfessionen früher streng getrennt gehalten, es gab die evangelische und die Katholische Volksschule, die erste die Bismarckschule, die zweite Seminar genannt nach dem Schulgebäude, in dem sich früher ein evangelisches Lehrerseminar befunden hatte. Ich kannte kaum katholische Kinder, zumal die beiden Schulen weit voneinander entfernt lagen. Erst im Berufsleben lernte man sich später gegenseitig näher kennen oder auch in den weiterführenden Schulen.


Die Gottesdienste der evangelischen Kirche wurden gut besucht. Es war üblich, dass sonntags mindestens eine Person von jedem Bauernhof um 10 Uhr im Gottesdienst anwesend war. Noch Anfang der fünfziger Jahre kamen viele Bauern mit Pferd und Kutsche zur Kirche gefahren, aber schon einige Jahre später wurde der Kutschenverkehr zugunsten des Kraftfahrzeugverkehrs eingestellt. Viele Bauern kamen auch mit dem Fahrrad zur Kirche. Oft ließen sie es bei Bekannten stehen und machten den Rest des Weges bis zur Kirche zu Fuß. Manchmal wurden auch nach dem Gottesdienst in Lebensmittelgeschäften noch Einkäufe getätigt, zum Beispiel ein Viertelpfündchen Bohnenkaffee für das Kaffeetrinken am Sonntagnachmittag. Die Bohnen konnte man sich lose abwiegen lassen. Damit hörte es dann etwa Mitte der sechziger Jahre auf.


Die großen Bauern und Schulzen hatten in der Kirche ihren festen Platz, der mit ihrem Namensschild versehen war. Auch das gibt es seit Mitte der fünfziger Jahre nicht mehr.


Nach dem Gottesdienst pflegte der Bauer in seine Stammkneipe, eine Gastwirtschaft in der Stadt, zu gehen, während die Bäuerin sich in einem Cafe gütlich tat. Hier traf man sich dann mit der Stadtbevölkerung und unterhielt sich über die Neuigkeiten, die es während der Woche in Stadt und Bauerschaft gegeben hatte; denn sonst sah man sich ja kaum.

 

Kapitel 12 - Radio-Hörspiele am Kohleherdfeuer

Im Herbst, wenn die Runkelrüben gezogen wurden, höhlten wir einige aus, schlitzten zwei Augen, Nase und Mund mit dem Messer hinein, befestigten innen eine Kerze und zogen damit bei Einbruch der Dunkelheit in der Nachbarschaft umher. Einige Leute konnten wir auch mit den leuchtenden Runkelköpfen erschrecken. Die schimpften dann ganz fürchterlich; aber andere schenkten uns etwas Geld. Um 19 Uhr mussten wir immer zu Hause sein. Dann wurde zu Abend gegessen, nämlich Wurstebrot und Leberbrot.


Die Winterabende verbrachte unsere Familie gemeinsam in der Küche, wo wir oft im Rundfunk die Hörspiele verfolgten, natürlich auch die Nachrichten „Zwischen Rhein und Weser" von Werner Höfer. Gut kann ich mich noch erinnern an die Hörspiel-Reihe „Paul Temple" Mitte der fünfziger Jahre. Wir aßen öfter dazu Bratäpfel, die im Backkasten geschmort wurden.


Zu Beginn der Adventszeit wurde ein selbstgefertigter Adventskranz auf einen Ständer gehängt. Am ersten Advent brannte daran eine Kerze, und an jedem weiteren Sonntag wurde eine weitere dazu angezündet, bis am vierten Adventssonntag vier Kerzen darauf brannten. In der Vorweihnachtszeit wurden Plätzchen gebacken, und wenn sich abends vor Sonnenuntergang der ganze Himmel mit Abendrot übergoss, wurde uns gesagt: „Das Christkindchen backt jetzt Plätzchen für Weihnachten!"


Am Heiligen Abend wurde ab 14 Uhr gebadet. Je zwei Personen stiegen dann getrennt in das gleiche Badewasser. Dann gingen meine Mutter, meine Oma und ich in die Christvesper in der Großen Kirche. Der Vater blieb zu Hause. Meine beiden Schwestern kamen abgehetzt vom Geschäft aus zur Kirche. Damals musste am Heiligen Abend noch bis 16 Uhr gearbeitet werden.


Gegen 19 Uhr waren wir dann endlich zu Hause. Meine Eltern versorgten nun erst das Vieh. Ich wurde immer unruhiger und äugelte zum Weihnachtszimmer hin und dachte: wann gehen wir denn endlich hinein? Aber wenn ich das fragte, bekam ich wieder zu hören: „Erst das Vieh und dann die Menschen!"


Gegen 20 Uhr haben wir dann zunächst gemeinsam zu Abend gegessen, und zwar Leberbrot und Wurstebrot, diesmal mit Heringssalat. So kamen wir erst gegen 21 Uhr in das Weihnachtszimmer. Die Spannung war für mich kaum noch zu ertragen. Auf den Zehenspitzen habe ich mich an die Tür geschlichen und einen Blick durch das Schlüsselloch riskiert.

 

Kapitel 13 - Spannung bis zur Bescherung

Endlich öffnete sich die Tür - im Lichterglanz stand der Weihnachtsbaum da und erhellte das ganze Zimmer. Und nun sangen wir erst gemeinsam: „Stiller Nacht, heilige Nacht!" Dann musste ich die Weihnachtsgeschichte auswendig aufsagen. Nun erst durften die Geschenkpakete geöffnet werden. Von meinen Eltern bekam ich meist etwas für die Schule und irgendein schönes Spielzeug, wie ich es mir gewünscht hatte. Zu einem der Weihnachtsfeste hat mir mein Vater mit der Laubsäge einen wunderschönen Bauernstall gefertigt, wie er mit überhaupt manches Spielzeug gesägt und zusammengebastelt hat. Die Zeit dafür musste er sich immer abends nehmen, wenn ich schon im Bett lag. Die Geschenke mussten ohne viele Kosten und ohne besonderen Aufwand entstehen, aber mit umso mehr viel Liebe wurden sie gemacht. Zur Bescherung durften die selbstgebackenen Plätzchen gegessen werden und dazu wurden Nüsse geknackt.


Am Weihnachtstag gab es abends dann wieder Leberbrot und Wurstebrot und zusätzlich noch eingemachtes Mett aus dem Glas oder auch Schinken, Mettwurst und Schweinebraten aus den Einmachgläsern. Am Silvesterabend durfte ich ausnahmsweise bis 1 Uhr nachts aufbleiben. Wir saßen zuhause in der guten Stube und gingen dann um 23.30 Uhr zu Fuß in die Stadt, hörten die Posaunenklänge, die der Posaunenchor vom Balkon eines Hotels blies und das Glockengeläut von allen Kirchen.


 

Bild 17

Am 24. Januar durfte ich einige Schulkinder zu meinem Geburtstag einladen. Ich wurde zwar wie ein Bauernkind erzogen, ging aber zur Stadtschule, während die Bauernkinder jeweils in ihrer Bauerschaft ihre eigene wenig gegliederte (einklassige oder zweiklassige) Schule hatten. Diese sogenannten Zwergschulen sind später alle aufgelöst worden.


Meine Schulkameraden meinten, mein Elternhaus sei ein kleiner Bauernhof. Sie spielten immer gern mit mir bei uns zu Hause. Waffeln wurden gebacken und die restlichen selbstgebackenen Plätzchen, die von Weihnachten übrig geblieben waren, angeboten, und abends gab es Leberbrot und Wurstebrot. Meine Schulfreunde freuten sich schon darauf, denn für sie war es eine Seltenheit, während ich mich deswegen glaubte schämen zu müssen. Aber es war eine falsche Scham; denn eigentlich schmecken Leberbrot und Wurstebrot sehr gut. Nur ich musste es Tag für Tag essen und darum war es mir zuwider.


Und außerdem schämte ich mich an den Kindergeburtstagen wegen des Leberbrots und Wurstebrots, weil die Stadtkinder an ihren Geburtstagen damals schon Heißwürstchen anbieten konnten, die man zu der Zeit nur ganz selten bekam.


Als ich ins zweite Schuljahr ging, musste ich einmal bei sehr kaltem Winterwetter mit Holzschuhen, in denen Stroheinlagen steckten, und dicken Socken zur Schule gehen. Auch da habe ich mich geschämt, weil außer mir nur noch zwei andere Kinder mit Holzschuhen kamen. In den Bauerschaften war das zwar üblich, aber wir gingen doch in die Stadtschule.

 

Kapitel 14 - Reformationsfest und Karneval

Am 25. Januar feierten die Burgsteinfurter ihr „Reformationsfest" zur Erinnerung an den ersten evangelischen Gottesdienst 1564 in der Großen Kirchen. Dann hatten alle evangelischen Kinder schulfrei, und auch die evangelischen Kaufläden waren geschlossen. Wir mussten lediglich in die Kirche zum Schulgottesdienst, während die katholischen Kinder zur Schule gingen. Mit einigen von ihnen spielten wir hin und wieder, aber an diesem Feiertag haben wir uns kaum angeguckt, denn sie riefen uns nach: „Räuberfest!". Katholische Familien kannte ich kaum, wir kauften auch fast nur in evangelischen Geschäften, und ebenso verhielten sich die Katholiken, die möglichst nur in katholischen Geschäften kauften. Das Burgsteinfurter Reformationsfest wurde Anfang der 70er Jahre abgeschafft und es gab an diesem Tag nur noch Gedenkgottesdienste. Zwei katholische Familien wohnten in unserer Nachbarschaft und eigentlich haben wir uns immer gut mit ihnen verstanden. Nur wenn man sich an bestimmten Feiertagen begegnete, wie etwa Fronleichnam, Allerheiligen, am Burgsteinfurter Reformationsfest oder am 31. Oktober, dem allgemeinen Reformationsfest, ja, sogar am Karfreitag, hat man sich gegenseitig kaum angeguckt und ging sich am liebsten aus dem Wege. Am Tag darauf war dann alles wieder vergessen.


Es bestand zwischen den evangelischen und katholischen Christen in Burgsteinfurt eine Art Hassliebe. Besonders traten Familienfeindschaften auf, wenn jemand aus einer evangelischen Familie eine katholische Ehe einging oder wenn umgekehrt ein Katholik eine evangelische Ehe schloss.
In der Karnevalszeit, genauer gesagt am Fastnachtssonntag, haben wir Kinder uns verkleidet; ich am liebsten als Bauer oder Schornsteinfeger, und dann zogen wir von Haus zu Haus und sangen: „Tüllelütken Fastnacht, I häbbt geschlacht't, I häbbt ne lange Wuorst gemacht. Giff mi eene, giff mi eene, Ower nich so ne ganze kleene. Laot mi nich so lange staohn, Ick mott no'n Hüsken wieder gaohn."


Wir teilten uns in Gruppen von etwa sechs bis acht Kindern ein und führten einen kleinen Beutel mit uns, in den wir dann einsammelten, was uns die Leute gaben: Süßigkeiten, Eier, Mettwurst, Kuchen und hin und wieder auch etwas Geld. So zogen wir von Haus zu Haus bis in die Bauerschaft hinein. Abends kam ich jedes Mal todmüde zu Hause an. Und wieder gab es Leberbrot und Wurstebrot und anschließend wurde ich ins Bett geschickt.


Der 21. März war für mich immer ein besonderer Tag, der Frühlingsanfang. Dann hatte meine Großmutter Geburtstag. Es war der einzige Geburtstag in unserer Familie, der besonders gefeiert wurde. Viele Verwandte und Bekannte kamen, und ausnahmsweise gab es an diesem Tag kein Leberbrot und kein Wurstebrot. Dafür standen selbstgebackene Kuchen auf dem Tisch, ein großes Blech war mit Butterkuchen gefüllt, in den Pudding verbacken war, und dazu gab es noch ein Blech mit ungefülltem Butterkuchen. Das war der erste gekaufte Kuchen, an den ich mich erinnern kann.

 

Kapitel 15 - Feiern zwischen Säen und Mähen

Am 17. Juni 1953 brach in Ostberlin der Aufstand gegen das Unterdrückungssystem der DDR los. Die Beibehaltung der Normerhöhungen um zehn Prozent rief Massendemonstrationen hervor, die mit Hilfe russischer Panzer niedergeschlagen wurden. Viele ältere Menschen bei uns befürchteten, dass der Aufstand einen neuen Krieg auslösen könnte. Der Tag wurde anschließend bis zur Wiedervereinigung als „Tag der deutschen Einheit" und somit als Nationalfeiertag begangen.


Im Herbst 1953 hatte sich meine Schwester Edith verlobt und nun kam der erste gekaufte Aufschnitt ins Haus. Erst von da an kannte ich Schinkenwurst und Plockwurst aus einem Metzgergeschäft. Am Verlobungstag war ich zum ersten Mal betrunken. Es gab Bowle, Wein und Bier, und heimlich hatte ich alle Reste aus den Gläsern zusammengeschüttet und genüsslich heruntergeschluckt. Nach zwei Gläsern war ich so beschwipst, dass ich sofort ins Bett musste.

 

Übrigens hatte mir meine Schwester am Tag vor ihrer Verlobung die Haare mit Buttermilch gewaschen; denn auf dem Kopf hatte ich einen wilden Wirbel, den sie glätten wollte und die Haare hingen mit immer ins Gesicht hinein. Sie wollte unbedingt, dass ich auf ihrer Verlobung manierlich aussah. Die Buttermilch sollte die Haare festigen und darin hatte sie nicht unrecht, denn Haarfestiger gab es damals noch nicht. Nun waren aber meine Haare steif wie ein Brett geworden, sie sahen aus wie angefroren und hinterher fiel die Buttermilch, die sich als Schuppen auf dem Kopf festgesetzt hatte, auch in vielen, vielen Schuppen nach und nach herunter.

 

Die Hochzeiten wurden meist im Sommer in der Zeit zwischen Säen und Mähen gefeiert. Wenn in der Nachbarschaft Hochzeit gehalten wurde, holten wir einige Tage vorher vom Müllplatz alte Scherben und allerlei weggeworfene Sachen, zum Beispiel Porzellan, Dosen, Behälter, schadhafte Töpfe und dergleichen Kram. Am Abend vor der Hochzeit, dem Polterabend, warfen wir das alles beim Brautpaar vor die Tür und das waren manchmal hochbeladene Wagen voll. Wir trommelten und polterten so lange, bis das Brautpaar herauskam und uns Bonbons, Kuchen und dazu Saft oder Brause spendierte. Der Bräutigam musste allen Unrat wieder wegfegen und gründlich aufräumen. Auch die Tradition des Polterabends gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Zwar wird er immer noch gefeiert, aber auf eine ganz andere Art und Weise.
 

Kapitel 16 - Warten, bis der Kuckuck ruft

Der Karfreitag ist der Tag des Gedächtnisses an die Kreuzigung und den Tod Jesu. Bei uns - wie überhaupt bei den evangelischen Christen in Burgsteinfurt - war es immer üblich, den Tag in aller Stille mit einem fleischlosen Frühstück zu beginnen. Mittags gab es Milchreis mit Zimt und Zucker, Mehlsuppe oder Buttermilchsuppe mit Rosinen. Dieser Brauch hat sich im großen und ganzen bis in die heutige Zeit hinein gehalten, besonders bei den Burgsteinfurter Poahlbürgern. Aber auch Struwen oder Püfferkes, kleine in Öl gebackene Mehlpfannkuchen mit Rosinen, werden auch heute noch als Karfreitagsspeise in vielen Familien gegessen. Auch Fisch gehört zu den traditionellen Karfreitagsspeisen.


Der Schinken vom selbst geschlachteten Schwein wurde geräuchert und grundsätzlich nicht eher angeschnitten, bis der Kuckuck rief. Wir konn­ten es kaum abwarten und behaupteten schon Anfang April: „Mama, wir haben den Kuckuck gehört!" Das stimmte natürlich nicht, und die Mutter glaubte es uns auch nicht, sondern antwortete nur bestimmt: „Ich habe ihn noch nicht gehört." Der Kuckuck ruft etwa um den 20. April zum ersten Mal, während die Schwalben schon bei Frühlingsanfang kommen und etwa um den 10. September wieder fortfliegen.


Wenn aber der Ruf des Kuckucks zweifelsfrei über Feld und Wiesen hinweg erscholl, wurde auch der Schinken angeschnitten; er ist bis heute eine besondere Delikatesse geblieben, und schon nach Heinrich Heine ist das Münsterland das Vaterland des Schinkens. Wenn die Mutter uns Butterbrote mitgab, waren diese oft mit selbstgemachter Wurst belegt. Aber ich sollte sie möglichst nicht beim Spielen in Gegenwart anderer Kinder essen, die ihre Butterbrote mit Zucker bestreut oder ganz ohne Belag essen mussten.


Meine Kniestrümpfe durfte ich nicht vor dem 20. April anziehen, ebenso wenig war das früher meinen Schwestern gestattet. Ob es draußen schon wärmer war oder nicht, bis zu diesem Tage mussten wir die langen Strümpfe tragen, so wollte es unsere Mutter. Von diesem Grundsatz wich sie nicht ab.


1953 kamen bei uns die ersten Fernsehapparate auf. Damals wurde ein Gerät in einem Burgsteinfurter Hotel aufgestellt; und dort standen wir Samstag nachmittags Schlange, um uns eine Kinderserie oder Kinderfilme anzusehen. Als Eintritt mussten wir fünfzig Pfennige bezahlen, und von zu Hause nahmen wir uns Butterbrote und eine Flasche selbstgemachten Johannesbeersaft mit. Ich erinnere mich noch an die ersten Filme, die dort zu sehen waren, nämlich „Heidi" von Johanna Spyri und „Lassie". Mit einigen Schulfreunden zusammen haben wir damals angefangen, heimlich zu rauchen. Ich erinnere mich an die Zigarettensorten Juno, Red Rock, Gold Dollar, die zu fünf Stück abgepackt waren. Anschließend habe ich immer ein Pfefferminzbonbon gelutscht, um nicht bei meinen Eltern und Schwestern aufzufallen. Aber eines Tages kam es doch heraus, und ich bezog eine kräftige Tracht Prügel. Sie wirkten so durchgreifend, dass ich in den nächsten zehn Jahren keine Zigarette mehr angefasst habe.
 

Kapitel 17 - Die Zeit der Spätheimkehrer

In diesen Jahren lernte ich zum ersten Mal die Provinzialhauptstadt Münster kennen. Meine Eltern fuhren mit dem Zug dorthin und nahmen mich mit. Wir besuchten den damals noch existierenden alten Zoo, der nahe am Aasee gegenüber dem Zentralfriedhof gelegen war, eine Gründung des bekannten Zoologen Professor Dr. Hermann Landois. Hier sah ich zum ersten Mal Affen, Elefanten und Bären sowie andere Raubtiere, die ich bisher nur aus Büchern kannte. Wir besahen uns auch die Stadt, die damals noch weithin in Trümmern lag, aber doch schon stark im Wiederaufbau begriffen war.
 

Münster ist vor allem als die Stadt der Wiedertäufer und des Westfälischen Friedens in die Geschichte eingegangen. Die Wiedertäufer, eine reformatorische Gruppe, die die Erwachsenentaufe proklamierten, waren 1534 in Münster an die Macht gekommen und wollten von dort aus das „Neue Jerusalem" errichten. Nach 16monatiger Belagerung der Stadt durch den Bischof von Münster wurden sie, durch einen Verrat veranlasst, überwunden. Ihre Hauptanführer ließ der Bischof in eigens dafür gefertigte Käfige sperren, führte sie damit im Landes herum und ließ sie darin schließlich mit glühenden Zangen zu Tode martern.


Ihre Leichen wurden in diesen Käfigen als Abschreckung hoch am Turm der Lambertikirche aufgehängt. Nachbildungen dieser Käfige hängen heute noch weithin sichtbar dort am Turm, die Originale im neuen Zoologischen Garten.


Mitte der fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts kam noch ein alter Burgsteinfurter aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, ein Spätheimkehrer, wie man damals sagte. Alle Glocken der Stadt läuteten, und er wurde vom Bürgermeister und Stadtdirektor herzlich willkommen geheißen und von seiner Familie freudig begrüßt und empfangen. Viele Bürger haben diesen Empfang miterlebt, und auch ich war dabei.


Um diese Zeit war es auch, als ich zusammen mit meiner Schwester zum ersten Mal ins Kino ging. Sie hatte eine Karte übrig. Obwohl der Film erst für Jugendliche ab 16 Jahren zugelassen war, konnte ich mit meinen elf Jahren unauffällig durchschlüpfen. Der Film hieß „Vor Gott und den Menschen" und behandelte ein Nachkriegsschicksal. Die Hauptdarsteller weiß ich nicht mehr zu benennen, erinnere mich aber, dass es um eine Rechtsanwältin ging, die ihren Mann hatte für tot erklären lassen, dass sie von ihm aus der Gefangenschaft nie wieder etwas gehört hatte und ihn deshalb für tot hielt. Sie hatte dann wieder geheiratet, und plötzlich stand ihr Mann als Spätheimkehrer vor ihr.


Durch diese beiden Begebenheiten, die Heimkehr nach Burgsteinfurt und das im Film dargestellt Schicksal, wurde mir erst richtig deutlich, was der grausame Krieg alles angerichtet hatte, abgesehen von den Ruinen in unserer Stadt. Damals wurden in den Rundfunkzeitungen mehrere Folgen von Hans Ulrich Horster angekündigt: „Suchkind 312".
 

Kapitel 18 - Von Klassenfahrten und Wertmarken

Langsam wurde ich größer, und wenn mir mal zu Hause etwas nicht passte, ich aber meinen Willen unbedingt durchsetzen wollte, pflegte mein Vater zu sagen: „Du häs nicks to seggen. Du kanns wat seggen, wenn de Koh buoben dör de Buodenluke kick. Dann kanns du seggen: Alma, gaoh trügg!" Da aber die Kuh Alma wohl niemals oben durch die Bodenluke gucken würde, hatte ich also niemals etwas zu sagen.

 

So vergingen denn die Tage, die Monate und Jahre immer im gleichen Ablauf der Geschehnisse. Zwölf Jahre alt war ich inzwischen geworden und in die Oberklasse gekommen.


Mit unserer Klassenlehrerin unternahmen wir sehr viele Radtouren, Tagesfahrten und auch mehrtägige Fahrten mit Übernachtungen in Jugendherbergen. Unsere Abschlussklasse bestand aus 38 bis 40 Schülern und Schülerinnen, und insofern nahm die Lehrerin schon eine beträchtliche Verantwortung auf sich, und zwar zusammen mit einer älteren Begleitperson, meist die Mutter eines Mitschülers oder einer Mitschülerin. Aber unsere Lehrerin machte sich vor diesen Touren nicht bange, nur mussten wir strikt parieren. Wer aber nicht parierte, wurde sofort mit dem nächsten Zug vom nächstgelegenen Bahnhof aus nach Hause geschickt, nachdem die Eltern angerufen worden waren. Das ist nur zweimal vorgekommen, und in beiden Fällen war es das gleiche Mädchen.


 

 

Bild 18 - Klassenfahrt

Weil unsere Lehrerin nicht wollte, dass unsere Eltern die Kosten für die Klassenfahrten allein trugen, forderte sie uns auf, selbst dazu beizutragen, indem wir etwa im Herbst bei den großen Bauern bei der Kartoffelernte halfen. Die Kartoffeln wurden mit dem Roder ausgemacht, und wir sammelten sie in Körbe ein. Ab 11 Uhr gab es dafür schulfrei, und für einen Nachmittag Arbeit erhielten wir vom Bauern drei Mark. Im Sommer suchten wir auf den Getreidefeldern Ähren nach, und der Müller zahlte uns pro Pfund fünf Pfennige. Auch dabei kamen an einem Nachmittag etwa drei Mark zusammen. Im Herbst suchten wir in den Wäldern Bucheckern, die wir beim Förster für ebenfalls etwa drei Mark ablieferten. Alles Geld, was auf diese Weise zusammenkam, mussten wir für unsere Klassenfahrten aufsparen.


Und dann sammelten wir Wertmarken, die hinten auf den Puddingpulverpäckchen zu finden waren. Ich schnitt sie aus und klebte sie in die entsprechenden Sammelhefte. Die damaligen Sorten hießen Vogeley, Reese und Oetker, von denen heute wohl nur noch Oetker bekannt ist. Eine Marke war ein Pfennig wert, und das Sammelheft wies fünfzig Felder auf, so dass wir für ein gefülltes Heft beim Lebensmittelhändler fünfzig Pfennig bekamen. Den Klebstoff für das Einkleben der Marken habe ich nicht etwa gekauft, sondern selbst hergestellt, indem ich Mehl und Wasser anrührte. Uhu gab es damals schon, aber das war viel zu teuer.

 

 

Kapitel 19 - Von Konfession und Trauer

Wenn am Fronleichnamstag die Prozession durch die Straßen zog, haben wir evangelischen Kinder immer zugeschaut und standen am Straßenrand. Unsere Eltern dagegen blieben zu Hause. Da dieser katholische Feiertag für die Evangelischen ohne Bedeutung war, kam es schon mal vor, dass der eine oder andere von ihnen während der Prozession Jauche oder Mist im Garten ausgoss oder verstreute, was übrigens auch Katholiken hin und wieder an evangelischen Feiertagen taten.


Dieser Art von Provokation gibt es zum Glück heute nicht mehr. Im Gegenteil: Wenn heute die Fronleichnamsprozession auszieht, flaggt zur Begrüßung die Große evangelische Kirche mit ihrer Kirchenfahne. Und auch die Katholiken stecken an evangelischen kirchlichen Feiertagen ihre Fahnen heraus.


Meine erste eigene Uhr, es war eine „Junghans" und kostete damals 16 Mark, habe ich mir durch Kühe hüten verdient. Mein Vater zahlte mir damals je Stunde 50 Pfennige. Ich führte unsere Alma am Strick an Gräben und Wegesränder, auch auf Bauplätze, wo saftiges grünes Gras zu finden war. Meist zog ich nach der Schulzeit mit der Kuh los. Auch mein erstes neues Fahrrad habe ich mir durch Kühe hüten verdient, jedenfalls größtenteils.


Wenn in der Nachbarschaft jemand gestorben war, so wurde darüber zunächst der nächste Nachbar informiert, und dieser sagte dann den Todesfall bei den übrigen Nachbarn an. Ein Vetter meines Vaters fuhr immer in der Stadt den Leichenwagen, vor den ein Pferd gespannt war. Die Leiche wurde vom Sterbehause oder vom Krankenhaus abgeholt und zum Friedhof gefahren. Die Bauern nahmen einen gewöhnlichen Ackerwagen, der mit grünen Felchen umwunden war, den sogenannten Jagdringsenwagen. (Ringsen ist der plattdeutsche Ausdruck für Rippen oder die seitlichen Holzverstrebungen des Ackerwagens). Die Trauergesellschaft, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen wollte, folgte dem Leichenwagen. Unterwegs schlossen sich weitere Bekannte des Toten und Trauergäste dem Zuge an.


Begegnete man in der Stadt einem Trauerzug, so blieb man einen Augenblick bedächtig stehen. Die Männer nahmen ihren Hut ab, die Jungen ihre Skimütze. Gehörte der Verstorbene irgendeiner Blaskapelle an, so ging diese Blaskapelle mit Trauermusik dem Leichenwagen voran. Nach der Beisetzung auf dem Friedhof marschierte sie dann geschlossen durch die Stadt zurück und blies dabei flotte Märsche. Das sollte heißen: „Das Leben geht weiter!" - der letzte Trauerzug dieser Art fiel in das Ende der fünfziger Jahre.


Nach der Beerdigung waren die nächsten Nachbarn, die Verwandten, Freunde und Bekannten zum Kaffeetrinken in eine Gaststätte eingeladen. Es gab Butterkuchen und Kaffee, wie es auch heute noch üblich ist. Aber damals floss bei solchen Gelegenheiten auch viel Alkohol, und mancher Trauergast torkelte anschließend sturzbetrunken nach Hause, das nannte man dann: das Fell versaufen.


Damals trugen die nächsten Verwandten nach einem Sterbefall ein ganzes Jahr und sechs Wochen lang tiefschwarze Kleidung oder doch mindestens farblich gedeckte Kleidung. Wenn man ausnahmsweise hellere Sachen trug, so fehlte aber nie der Trauerflor am Ärmel des Mantels oder der Herrenjacke, ein breites schwarzes Band aus Stoff. In der Trauerzeit nahm man an keiner Feierlichkeit teil. Die Männer trugen während der ganzen Zeit eine schwarze Krawatte. Auch das gehört seit Anfang der sechziger Jahre der Vergangenheit an.

 

Kapitel 20 - Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Meine Eltern waren zwar sehr streng und konservativ, aber mit uns Kindern doch auch sehr behutsam und im Grunde liebevoll, und so kann ich mit gutem Recht sagen, dass ich eine schöne Kinder- und Jugendzeit gehabt habe. Gleicher Meinung sind meine beiden Schwestern. Der Vater war darauf bedacht, dass wir alle eine Beruf erlernten, in dem wir existieren konnten, auch wenn es in der Ausbildungszeit nach dem Grundsatz ging: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!" Es war für unsereins durchaus nicht selbstverständlich, Anfang der fünfziger Jahre das „Einjährige", den Abschluss der Realschule, machen zu können und dann einen Beruf zu erlernen.


Obwohl der Vater als Zigarrenmacher nicht viel Geld verdiente und sehr oft Kurzarbeit machen musste, sorgte er sich rührend um uns. Und wenn wir mal einen besonderen Einkaufswunsch hatten, was nicht oft vorkam, durften wir Freitagnachmittags den Vater von der Zigarrenfabrik abholen. Freitags war Lohntag, und dann gingen wir freudestrahlend mit ihm in ein Geschäft und kauften das Gewünschte. So kann ich mich an einen wunderschönen Laubsägekasten erinnern, den ich bei einer solchen Gelegenheit bekam.


Zwei Jahre lang musste ich jeden Donnerstag nachmittags mit den Jungen meiner Klasse zunächst zum Katechumenen-Unterricht und anschließend im zweiten Jahre zum Konfirmanden-Unterricht, an dem Jungen und Mädchen Gymnasiums, der Volksschule und der Bauerschaftsschulen getrennt teilnahmen. Die Bauernkinder lernten wir somit erst am Tage unserer Konfirmation kennen. Auch das ist seit vielen Jahren vorbei, nachdem die Bauerschaftsschulen aufgelöst worden sind und es in der Stadt nur noch die Gemeinschaftsschulen gibt.
 

Kapitel 21 - Ende der Schülerzeit

Mein Vater soll einmal gesagt haben: „Nicht eines meiner Kinder kommt auf ein Büro!" Ich habe meine Schwestern viel nachgeahmt, nur alles zehn Jahre später. Vielleicht war es eine versteckte Eifersucht, jedenfalls erlernte auch ich einen kaufmännischen Beruf. Dass man auch von Büroarbeiten müde werden konnte, hat mein Vater nie verstehen können. Bei ihm zählte nur, wenn der Schweiß von körperlicher Arbeit auf der Stirn stand. Und er hätte es gern gesehen, wenn eine meiner Schwestern einen Bauern geheiratet hätte. Aber mich interessierte von Anfang an das Wirtschaftsleben.


Der Tag der Schulentlassung rückte näher, aber vorher machten wir noch mit der Klasse eine einwöchige Radtour nach Holland, in die Niederlande. Ich kann mich entsinnen, dass wir da das erste „Mars" gegessen und nach Hause mitgebracht haben. Diese Leckerei kannten wir vorher noch nicht.


Am 21. März 1957 nahmen wir von der Bismarckschule Abschied und erlebten mit unserer Lehrerin und unseren Eltern einen schönen Abschlussabend, auf dem Gedichte vorgetragen, kleine Theaterrollen aufgeführt und Berichte von unseren vielen Ausflügen und Radtouren gegeben wurden.


Wir gingen dann alle ins Berufsleben. Ich wollte den Beruf des Industriekaufmanns erlernen und begann am 1. April 1957 meine kaufmännische Lehre. Zwei Wochen später wurden wir konfirmiert. Acht Tage vorher, am Sonntag Judica, wurden wir nachmittags der ganzen Gemeinde vorgestellt und mussten in der Großen Kirche unsere Prüfung ablegen, indem wir das aufzusagen hatten, was wir in den zwei Jahren im Unterricht lernen mussten. Die Konfirmation fand dann am Palmsonntag im Hauptgottesdienst, der um 10 Uhr begann, statt. Gemeinsam gingen wir alle zum ersten Mal zum Abendmahl. Nachmittags durfte ich einige Verwandte und Freunde einladen.


Einige Wochen vorher hatte ich meinen ersten Anzug bekommen, wurde überhaupt ganz neu eingekleidet. Acht Jahre lang habe ich diesen Anzug immer bei besonderen Anlässen getragen. Es war eine gute Qualität. Meine Eltern kauften selten etwas Neues, aber wenn, dann musste es Qualität haben.


Als ich den Anzug dann nach acht Jahren nicht mehr trug, bemerkte meine Schwester: „Dann haben wir ihn doch zu klein gekauft."

 

Kapitel 22 - „Man sollte niemals nie sagen“

Vom ersten selbstverdienten Geld (die Lehrlingsbeihilfe betrug monatlich 60 Mark) gingen wir oft ins Kino. An manche Filme und auch manche Schauspieler kann ich mich noch gut erinnern: „Am Brunnen vor dem Tore", „Am Tag, als der Regen kam", „Die Barrings", „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", „Die Brücke".


Im Frühjahr 1965 haben wir zum letzten Mal geschlachtet; dann hat mein Vater die Landwirtschaft aufgegeben. In den Wintermonaten wurde hin und wieder noch Wurstebrot und Leberbrot gebraten, aber es wurde beim Metzger gekauft und nur von meiner Oma und meinem Vater bevorzugt gegessen. Ich dagegen erklärte standhaft: „Nie wieder esse ich Leberbrot und Wurstebrot!" Denn ich hatte es mir einfach leid gegessen.


Im Haus wurde es jetzt ungewohnt ruhig, fast ein bisschen unheimlich: die Kuh bölkte nicht mehr, man hörte kein Schweinegrunzen mehr, kein Hundegebell, kein Hühnergegacker. Es war doch eine große Umstellung, und hin und wieder sehnte man sich zurück nach der aufgegebenen Landwirtschaft mit ihrer Arbeit, aber auch mit ihrem Leben, das Haus und Umfeld erfüllte.


Die Ackerfelder, die wir damals in Pacht hatten und bearbeiteten, sind inzwischen als Bauland verkauft worden. Auf ihnen steht jetzt eine neue Siedlung. Wenn ich heute dort gelegentlich spazieren gehen, kommen alte liebe Erinnerungen auf, und ich muss daran denken, wie ich hier ehemals unsere Kuh gehütet oder Kartoffeln gesucht habe.


Wenn ich heute in einem münsterländischen Restaurant sitze und in der Speisekarte zur Winterszeit unter den Spezialitäten eine Portion Leberbrot oder Wurstebrot mit geschmorten Äpfeln finde, muss ich mich selber leise belächeln, weil ich einmal gesagt habe: „Nie wieder esse ich Leberbrot und Wurstebrot!"

 

Einmal im Winter bestelle ich mir eine Portion davon oder hole es sogar vom Metzger, um es zu Hause zuzubereiten. So esse ich es jetzt wieder gelegentlich und bin dadurch zu der Ansicht gekommen: Man sollte niemals „nie" sagen.

 

ENDE

 

(Diese WN-Serie wurde 1997 ohne Bilder veröffentlicht. Um die alten Zeiten jedoch auch bildlich noch einmal ein wenig aufleben zu lassen, haben wir diesen Kindheitserinnerungen einige Fotos hinzugefügt. Zur Zeit werden alte Familienalben durchforstet, um passendes Bildmaterial zu finden.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns ebenfalls Bilder aus dieser Zeit zur Verfügung stellen können, würden wir uns sehr freuen. Allerdings benötigen wir zur Veröffentlichung dann aber auch die entsprechenden Genehmigungen. - Anm. d. Red.)

 


Text: Rainer Schepper, nach Aufzeichnungen von Gerd Hüsing; © Rainer Schepper

alle Fotos: aus dem Privatbesitz von Ingrid und Hans-Bernd König

Diese Serie von insgesamt 22 Kapiteln erschien von Mai bis Oktober 1997 im "Westfälische Nachrichten / Steinfurter Kreisblatt"

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Herrn Rainer Schepper für die Genehmigung, diese Erinnerungen und Erlebnisberichte hier veröffentlichen zu dürfen sowie bei der Familie Ingrid und Hans-Bernd König für die zur Verfügung gestellten Fotos!


 

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