Der Houth'sche Garten

 

Ein kleines Paradies im historischen Burgsteinfurter Ortskern

 

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Lage

Der Garten befindet sich östlich der Straße „Friedhof" zwischen dem Stadtteil „Friedhof" und dem Altstadtkern von Burgsteinfurt. Der Stadtteil „Friedhof" wird auf Grund seiner Lage zur bereits im 11. Jahrhundert nachzuweisenden Großen Kirche als älter angenommen als der erst Ende des 14. Jahrhunderts angelegte Altstadtring um den Markt. Es ist ungeklärt, aus welchen Gründen dieser ältere Stadtteil nicht in den Altstadtmauerring mit einbezogen wurde. Über drei Jahrhunderte (ca. 1400-1720) lang bestanden jedenfalls beiderseits der Verbindung Kirchstraße/Friedhof als Teil der Graben-Wall-Zone nicht bebaute Flächen, die die Trennung der beiden Stadtteile deutlich erkennen ließen.

Nutzung

Die Freiflächen zwischen der Bebauung des Stadtteils Friedhof und der Mauer der Altstadt auf beiden Seiten der Straße „Friedhof" wurden bis ca. 1720 als Gartenflächen genutzt. Der westliche Teil wurde auf Grund des Vertrages zwischen dem Hochstift Münster und dem gräflichen Haus Bentheim-Steinfurt 1716 als Grundstück für den Bau einer katholischen Kirche, eines Pastorates, eines Wohnhauses für Küster und Schulmeister sowie einer Schule verwendet. Der Bau erfolgte ab 1721.


Der östliche Teil der Freifläche wurde schon 1716 als „Apothekers Garten" bezeichnet. Es dürfte sich zunächst um einen Nutzgarten gehandelt haben, in dem vor allem Kräuter und Heilpflanzen angebaut wurden. Der Apotheker Friedrich Anton Houth änderte jedoch um 1723 zumindest einen Teil des Gartens in einen Ziergarten um. Aus einer Beschreibung von 1799 wissen wir, dass zu dieser Zeit der Garten einen reinen Parkcharakter hatte und keine Nutzflächen mehr enthielt.


Dieser Charakter wurde auch danach nicht verändert. Er dürfte auch der Grund für den Ankauf durch die Familie Rolinck 1886 dargestellt haben. Jedenfalls pflegt auch diese Familie bis zum 2. Weltkrieg den Park als Ziergarten weiter.
 

 

 

 

Bild 1 - Aus diesem Buch zitieren wir den nebenstehenden Auszug.

Wir bedanken uns ganz herzlich beim Leiter des Emslandmuseums

in Lingen, Herrn Dr. Andreas Eyinck, für die Übermittlung dieser Beschreibung.

 

Wir haben den Text zwar wegen der besseren Lesbarkeit in eine

moderne Schriftart übertragen, dabei aber den um 1803

gebräuchlichen Schreibstil beibehalten. Also bitte nicht gleich

alle vermeintlichen Schreibfehler auf Ihrem Monitor rot

markieren, damals schrieb man wirklich so!  - Anm. d. Red.

 

 

Der Houtsche Garten

Wer- einen redenden Beleg sehen will, was ächtes Kunstgefühl und Ideenreichthum vermag, um einen auch noch so beschränkten und von der Natur gänzlich verlassenen Flek zu einem kleinen Paradiese umzuschaffen - der erwerbe sich in Steinfurt den Anblik des Houtschen Gartens. Ein seltenes Meisterwerk des Geschmaks und Gefühls! Ein kleines Elisium in einem Bezirk von höchstens einigen hundert Schritten, den der Schöpfer desselben auf eine seltene glükliche Weise zu benuzzen gewußt hat!

 

Der Garten ist von drei Seiten mit Mauern eingeschlossen, die aber, möglichst verstekt sind; nur von der vierten grenzt er an eine Wiese, die ein Bach durchschneidet, und an einen Theil des Bango stößt. Diese Nachbarschaft ist es, welche dem Garten sein eigentliches besseres Daseyn verschafft hat, und auf tausendfache Weise angenehm genuzt ist. Ein kleiner Bach, von dorther abgeleitet, durchfließt in unendlichen Krümmungen den kleinen Garten, und gewahrt eine Menge überraschender Wasserparthieen , bis er in einem mit Goldfischen besezten Seebassin sich füllt. Das Bosket, zu dem der Garten eingerichtet ist, beut auf wenige Schritte stets Abwechselungen, die durch ihre Ueberraschung und Neuheit äusserst anziehend sind; es gibt keinen Punkt, der nicht irgend eine besondere Schönheit aufzeigte.

 

Da das Terrain so eingeschlossen war, hat der Besizzer die einzige Aussicht nach der Wiese auf eine kaum begreifliche Art zu vervielfachen und in verschiedenen Nüancen anzubringen gewußt. Wo die Krümmungen des Boskets keine Ansichten erlaubten, da sind diese durch Ausbauen der Bäume hervorgebracht, welche in der That eine ganz ausserordentliche Wirkung thun, und Prospekte in eine unendlich scheinende Ferne eröffnen. Diese Mannichfaltigkeiten, und das künstliche Verschlingen der Gänge, bringen in dem Gemüthe des Sehenden eine so täuschende Wirkung hervor, daß man sich in dem größten englischen Garten zu befinden glaubt, und auch wirklich einen Weg mehrere Male passiren kann, ohne es zu bemerken, weil er so viele verschiedene Ansichten und interessante Punkte enthält, die man erst allmählig entdekt, - Dabei findet durchaus keine Ueberladung Statt. Ueberall herrscht rein nachgebildete Natur, die höchste Einfachheit des Geschmaks.


In dem Ganzen webt der Geist eines sehr zarten richtigen Gefühls. Von zwei an verschiedenen Seiten gelegenen Gartenzimmern beut das Eine eine artige Sammlung von Naturalien jeder Art, einigen Kupferstichen, Gemälden, u. s. f., das Andere aber einen sehr geschmakvollen Sommeraufenthalt dar , der schon durch seine innere Einrichtung, noch mehr aber durch seine Ansicht des Aeussern gefällt. Die Aussicht aus dem Fenster desselben ist für mich der anziehendste Theil dieses interessanten Gartens gewesen.

 

Ueber die mittleren reizenden Parthieen desselben blikt man zwischen den gelichteten Bäumen hindurch über die Wiese hinaus in den Wald des Bango, und, wie durch einen optischen Betrug, in eine unendliche Ferne hinein. Die Ueberraschung ist unbeschreiblich. Ich glaubte in die unermeßliche Ewigkeit zu schauen. Ahndungs- und Sehnsuchtsvolle Gefühle ergriffen mich. O, in diesem Zimmer, an diesem Fenster müßte der Gedanke an das Jenseits zum geselligen Vertrauten, zum erhebenden Gefährten werden. Hier muß man ein guter Mensch seyn.


Von dem Schöpfer dieser Anlage, dem Doctor Medicinae Houth, einem etwa fünfunddreißigjährigen Manne, bedarf ich diese Versicherung wohl nicht zu geben. Er wohnt in Steinfurt, wo er Eigenthümer einer Apotheke, und in seiner Praxis als ein eben so menschenfreundlicher wie geschikter Arzt bekannt ist. Die Einrichtung seiner Wohnung zeugt von demselben gebildeten Geschmak, der in seinem Garten herrscht. Das Studium der schönen Künste ist seine Lieblingsbeschäftigung, und er hat es in den Kenntnissen desselben durch öftere Reisen, Beobachtungen, Studiren und Sammeln sehr weit gebracht. -

 

Auch in seinem Hause besizt er einige schöne Gemälde und eine artige Kupferstichsammlung. Das Innere desselben verbindet mit holländischer Reinlichkeit und Eleganz deutsche Auswahl. Bei dem Allen besizt der Schöpfer dieser vielen seltenen Anlagen eine eben so seltene Bescheidenheit; Lobsprüche können ihn ernstlich beleidigen. - Die Zartheit des Gefühls, welche seine Schöpfung verräth, bewahren alle seine Worte und Handlungen.

 

Mit ihm, und dem für Kunst gleich enthusiastischen Hoffmann, verlebte ich einen schönen unterrichtsvollen Abend. - Durch die Freundschaft dieser beiden geist- und herzvollen Männer - durch die Bekanntschaft der verehrungs- und liebenswürdigen Gräfin Henriette und ihrer gütigen Aeltern - durch die Reize Steinfurts für Natur- und Kunstgefühl, wurden mir die hier verlebten Tage die schönsten meiner Reise.


Und darf ich, nach alle den Vorzügen dieses kleinen Ortes, die ich hier treu und wahr geschildert habe, nicht sagen: daß er unter den westphälischen Städten, in der Krone geselliger Freuden, der Königs - Diamant sey?
 

 

 

Bild 2 - Der Houth'sche Garten im Dornröschenschlaf

Bild 3 - Steinfurter Kreisblatt am 02.10.2004; Foto Hermann-Josef Pape

Bild 4 - Steinfurter Kreisblatt am 02.10.2004; Text Hans Lüttmann, Fotos Hermann-Josef Pape

 

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Text: Gottfried Bercks

Text : Karl Justus von Gruner  

Foto: Willi Tebben (Bild 2)

Presseberichte:

Bild 3: Steinfurter Kreisblatt am 02.10.2004; Foto Hermann-Josef Pape

Bild 4: Steinfurter Kreisblatt am 02.10.2004; Text Hans Lüttmann, Fotos Hermann-Josef Pape

 

Wir bedanken uns an dieser Stelle noch mal ganz herzlich beim Leiter des Emslandmuseums in Lingen, Herrn Dr. Andreas Eyinck, für die Übermittlung der Beschreibung des Houth'schen Gartens um 1799 von dem Reiseschriftsteller Karl Justus von Gruner.

 


 

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