Der historische Markt in Burgsteinfurt

Der Markt - Keimzelle der Stadt

Die ältesten Nachrichten über den Marktplatz fließen spärlich. In der Bürgerliste von 1347-1391 werden mehrere „kremer" und „mercatores" (lat: Händler) aufgeführt. Der Siedlungsgeograph Hesping vermutet, jedoch ohne Angabe näherer Anhaltspunkte, dass es im Bereich des Marktplatzes den „nahen Kamp" - im Gegensatz zum Bütkamp („äußerer Kamp", vom Schloss aus gesehen) - gegeben habe, dessen Name nur durch die Bezeichnung „auf dem Schilde" verdeckt sei. Hier hätten die ersten Krämer und Handwerker, die in den Bürgerlisten aufgeführt sind, ihre Hausplätze erhalten.

 

Bild 1 - Der Marktplatz um 1860 (Federzeichnung von Angelika Lünnemann)

 

Die erste urkundliche Erwähnung des Marktplatzes von 1402, in der er „up den Stapel" genannt wird, deutet auch darauf hin, dass die Grafen das Stapelrecht ausübten. Hiernach waren die Kaufleute gezwungen, ihre Waren eine Zeitlang auf dem dafür bestimmten Platz zum Verkauf anzubieten. Sie waren während dieser Zeit unter den Marktfrieden gestellt, mit dem ihnen die Grafen Schutz vor Übergriffen gewährten. Als dessen Zeichen war auf dem Marktplatz das Wappen der Grafen auf einem Schild aufgehängt, so dass für den Platz auch die Bezeichnung „up den scilde" häufig vorkommt.

 

Wenn auch die Ansicht, der Marktplatz sei durch die Ansiedlung von Kaufleuten um diesen Handelsplatz herum entstanden, nicht haltbar ist, muss andererseits doch festgehalten werden, dass er Mittelpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten der Bürger war und durch die daraus resultierenden Einnahmen für die Edelherren von Steinfurt als Stadtherren so wichtig war, dass sie die Stadt um ihn herum anlegen ließen.

Seit dem Mittelalter wurde der Markt immer als Marktplatz bezeichnet.

 

Aus den Häuserlisten, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts überliefert sind, ergibt sich, dass nur der kleine Platz, der von den Häusern Nr. 9, 11, 13, 15, 17, 19, 18 und 16 begrenzt wird, als Markt bezeichnet wird. Wenn heute der Markt bis in Höhe des Rathauses gerechnet wird, so entspricht dies nicht dem historischen Gebrauch. Vielmehr zählten die Gebäude vom Rathaus bis zu Epping zur Kirchstraße und die Häuserzeile auf der anderen Seite von Uppena (heute Schuhhaus Franke) bis zu Brandt (heute Vinothek) zur Wasserstraße. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts kam die heutige Zählung in Gebrauch.

Bild 2 - Der größte Teil der westlichen Marktfront ist auf diesem Foto von 1905 abgebildet (v.l.n.r.): Die Häuser Nr. 8, 6 und 4 sowie das Alte Rathaus (Nr. 2)

 

Bild 3 - So sieht es hier im Februar 2006 aus

 

 

Der Markt im Straßennetz

Die wichtigste Straßenverbindung in unserem Raum ist seit den ältesten Zeiten die Strecke Münster-Holland. Sie überquerte mit Hilfe der an der Wasserstraße in Burgsteinfurt befindlichen Furt die Steinfurter Aa und richtete sich nur nach diesen Gewässerübergängen und den Wegeverhältnissen (Bodenbeschaffenheit). Wie die anderen Straßen in dieser Zeit mied sie die Burgen und sonstigen Niederlassungen, damit die dort erhobenen Abgaben nicht gezahlt werden mussten.

Bild 4 - Blick vom Markt in Richtung Wasserstraße um 1900

 

Bild 5 - Februar 2006

 

So ist es auch zu erklären, dass die Edlen von Steinfurt ihre Stadt nicht um die Burg oder in unmittelbarer Nähe zur Burg,  sondern auf dem jetzigen Standort gründeten. Sie mussten die Stadt in den Verlauf der Hauptstraße legen, damit die Benutzer der Straße gezwungen wurden, die Stadt aufzusuchen, in der ein Marktplatz vorgesehen wurde.

 

Hier ergab sich dann von selbst die Möglichkeit, Abgaben wie Brückenzoll oder Wegegeld zu erheben oder das Stapelrecht auszuüben. Der Verlauf dieser Straße erfuhr im 19. Jahrhundert eine folgenschwere Änderung. Schon 1820 hatten Kaufleute aus Enschede eine Petition an den  preußischen König gerichtet, die Straße von Münster nach Holland auszubauen. Von Burgsteinfurt heißt es 1830, dass diese Straße „seit langen Jahren... Gegenstand des Wunsches der hiesigen Einwohner" sei.

 

Dies führte zunächst dazu, dass der Fürst  1832 einen Weg durch das Bagno nach Borghorst bauen ließ, der die bisherige Weglänge um eine halbe Stunde verkürzte. 1835 ist von Planungen des preußischen Staates die Rede, der jedoch nur die Linien über Coesfeld und über Horstmar-Schöppingen-Gronau in Erwägung zog.

 

Hier bestand also die Gefahr, dass Burgsteinfurt aus dem Verlauf einer wichtigen Hauptstraße herausgenommen würde. Dies hätte den Verlust der höchstrangigen Straßenverbindung bedeutet und dadurch die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Burgsteinfurt und der Gemeinde Borghorst sicherlich entscheidend beeinflusst.

 

Bild 6 - Die schmucken Bürgerhäuser Nr. 20, 18 und 16 (v.l.n.r) sowie das Haus Nr. 12 zu Beginn der 40er Jahre

 

Bild 7 - Die Häuserzeile im Februar 2006

Bild 8 - Blick von der Kirchstraße auf den Markt

 

Angesichts solcher Interessenlage erklärten sich beide Kommunen im Juli 1835 zur Kostenbeteiligung in Höhe von insgesamt 7000 Talern bereit, wenn die Strecke über diese Gemeinden führte.

 

Kurz danach begann die Königliche Regierung in Münster Verhandlungen mit dem Fürsten. Ziel war die Überführung der fürstlichen Straße in Staatsbesitz und deren Ausbau.


Schon 1840 erhielten die beiden Gemeinden einen Königlichen Erlass, der die Zustimmung zum Verlauf der Straße über Borghorst und Burgsteinfurt enthielt. Damit hatte sich der preußische Staat festgelegt. Da der Fürst jedoch entweder die Beteiligung am Chausseegeld oder die Zahlung einer Entschädigung verlangte, zogen sich die Verhandlungen bis 1844 hin, als ein Vertrag zustande kam, nach dem der Staat ein Entgelt von 7000 Talern an den Fürsten zu entrichten hatte. In der Zwischenzeit hatte die Regierung mehrfach gedroht, die Straße einen Verlauf über andere Gemeinden nehmen zu lassen.Schließlich war sogar eine Enteignung in Aussicht gestellt worden.

 

Auf diese Weise geriet der Marktplatz, über den bisher lediglich der als erheblich geringer einzustufende Verkehr nach Horstmar verlief, in den Verlauf einer Hauptstraße. War dies zunächst ein großer Vorteil, denn es wurde Kaufkraft in die Stadt gezogen, so sollte sich doch im 20. Jahrhundert herausstellen, dass damit auch Nachteile verbunden waren. Der Straßenverkehr nahm bereits in den dreißiger Jahren so zu, dass es 1936 erforderlich wurde, den Wochenmarkt auf den Wilhelmsplatz zu verlegen.

Bild 9 - Ein Krammarkt auf dem Marktplatz im Jahre 1898

 

1968 erfolgte in Anpassung an den wachsenden Straßenverkehr ein Umbau des Platzes. Doch schon 1964 hatte eine für Burgsteinfurt erstellte Verkehrsleitplanung die Notwendigkeit einer inneren Umgehungsstraße festgehalten. Während der 70er Jahre wurden die Vorbereitungsarbeiten dafür vorangetrieben und im Jahr 1980 konnte mit dem Bau begonnen werden.

 

Durch die Schließung der Steinstraße als Durchfahrtsstraße an der Einmündung in die Ochtruper Straße nach Beendigung des 1. Bauabschnitts der inneren Umgehung im Jahr 1984 konnte auch der Marktplatz vom größten Durchgangsverkehr im Zuge der Bundesstraße Münster-Gronau erstmals entlastet werden.

 

Nach Schließung der Steinstraße in Höhe des Rathauses für den Fahrzeugverkehr im Jahre 1988 verlief lediglich der Verkehr Richtung Horstmar-Coesfeld noch über den Markt. 

 

Bild 11 - Adventsstimmung am Markt in den frühen 80ern

 

Bild 12 - Der Markt ist noch für den Verkehr freigegeben

 

Die Unterbindung auch dieses Durchgangsverkehrs, die nach Fertigstellung der inneren Umgehung im Jahre 1989 möglich wurde, wurde in den 90er Jahren durch eine Abpollerung in Höhe des Hauses Kirchstraße 20 sowie durch eine Einbahnstraßen-Regelung der Kirchstraße realisiert. Wütender Protest der Kaufmannschaft Kirchstraße/Markt führte letztendlich aber dazu, dass die Poller zunächst probeweise entfernt wurden. Heute hat man sich so daran gewöhnt, dass diese Lösung nun offensichtlich endgültig ist. 

 

Die Einbahnstraße wurde zwar bisher nicht aufgehoben, leider nutzen nun sehr viele Verkehrsteilnehmer die Kirchstraße in Richtung Markt für den Durchgangsverkehr, um die Ampelanlagen an der inneren Umgehungsstraße zu meiden. Dazu kommt der Durchgangsverkehr über Burgstraße, Markt und Wasserstraße bzw. umgekehrt, so dass heute der Markt, die „gute Stube“ von Burgsteinfurt, hauptsächlich von den vielen Kraftfahrzeugen geprägt wird. Mit anderen Worten: "Man kriegt kein Bein an'n Grund". 

 

Rings um den Markt sind Parkplätze eingerichtet worden, die allerdings meistens belegt sind. Dazwischen schlängelt sich der fließende Verkehr. 

 

Bild 13 - Die Häuser Markt 15, 17 und 19 an der Kopfzone

des Marktes um 1908

Bild 15 - 1956 sah die Einmündung der Burgstraße mit den

Häusern Markt 11, 13 und 15 (v.l.n.r.) noch so aus

 

Bild 14 - Kopfzone des Marktes 2006

Bild 16 - Blick in Richtung Burgstraße 2006

 

Bild 17 - Die Häuser Markt 5, 7 und 9 (v.l.n.r.) um das Jahr 1940

 

Veranstaltungen

Der Marktplatz war neben dem Marktgeschehen auch Schauplatz anderer Ereignisse und Veranstaltungen. An erster Stelle sind hier die Verhandlungen des Stadtgerichtes zu nennen, die bis in die Neuzeit an dem oben erwähnten Gerichtsstuhl unter freiem Himmel stattfanden. Die verurteilten Straftäter wurden ebenfalls auf dem Marktplatz am Pranger zur Schau gestellt.


Eine Protestveranstaltung, die man heute sicher als Demonstration bezeichnen würde, spielte sich 1830 vor dem Rathaus ab. 


Wegen der Kosten für die Hollicher Schule waren die Bürger gegen ihren Willen zu Beiträgen herangezogen worden. Weil sie nicht zahlungswillig waren, hatte man sogar bei ihnen gepfändet und wollte die Gegenstände versteigern. Hiergegen kam es zu einem kleinen „Volksaufstand", der nach Meinung des Bürgermeisters von demagogischen Reden und durch den Gebrauch von Alkohol angestachelt worden war.

 

Bild 18 - Versammlung am Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Markt 

 

Als am 15. Oktober 1860 der Neubau des Gymnasium Arnoldinum an der Wasserstraße eingeweiht wurde, zogen die Schüler und Lehrer zum Rathaus, trafen sich dort mit den versammelten Gästen und zogen über den Marktplatz zur Großen Kirche.


Im Kaiserreich diente der Marktplatz dann für die Veranstaltungen der sog. Sedan-Feier, die aus Anlass des Sieges am 2. September 1870 gegen Frankreich in der Schlacht von Sedan seit 1872 abgehalten wurden. Die 25jährige Wiederkehr dieses für das national gesinnte Bürgertum der damaligen Zeit sehr wichtigen Feiertages wurde am 2. September 1897 mit besonders großem Aufwand veranstaltet. Im gleichen Jahr hatte bereits die Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals einen großen Teil der Stadtbevölkerung auf dem Marktplatz versammelt.

 

 

 

Bild 19 - Mit Pickelhauben und Fahnen - Umzug von Militär

oder Polizei auf dem Marktplatz während der Kaiserzeit

 

Es ist nicht möglich, alle Veranstaltungen und Umzüge zu benennen, die seitdem auf dem Marktplatz stattfanden oder ihn zu wesentlichen Teilen mit einbezogen.

 

Es sollen daher nur einige als Beispiele angeführt werden. Aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Freiwilligen Feuerwehr Burgsteinfurt fand am 12. August 1928 ein großer Umzug über den Marktplatz zum Bagno statt. Daran beteiligten sich über 2000 Feuerwehrleute mit 15 Kapellen aus dem Bezirk Münster des Westfälischen Feuerwehrverbandes, die an dem auf dem Marktplatz aufgestellten Festausschuss und dem Verbandsvorstand vorbeizogen.


Zur Zeit der Nationalsozialisten fanden jeweils am 1. Mai große Umzüge über den Marktplatz statt. Hierbei wurde vor dem Haus Nr. 19 der Maibaum aufgestellt. Dieser internationale Tag der Arbeiterbewegung war schon 1933 durch Goebbels für die nationalsozialistische Propaganda in Anspruch genommen worden, um auch die Arbeiterschaft für das Regime zu gewinnen.

 

Als das Gymnasium Arnoldinum 1938 sein 350jähriges Bestehen feierte, wurde mit einem Festumzug der Fürst vom Schloss abgeholt. Von da zog man über den Markt zur Hohen Schule, um dort eine Gedenktafel anzubringen.

 

Nach dem 2. Weltkrieg stand der Marktplatz nicht mehr lange als Veranstaltungsraum zur Verfügung, weil er sehr bald fast vollständig vom Straßenverkehr beansprucht wurde. So ist aus dieser Zeit nur zu berichten, dass er bei dem jährlich unter Mitwirkung des RSV Friedenau veranstalteten Euregio-Radrennen als Zwischenwertung diente, und das ebenfalls von diesem Verein veranstaltete Internationale Abendrennen ihn berührt. 

 

Erst 1988 wurde er für den erstmals veranstalteten Marktschreiertag gesperrt. Heute wird der Marktplatz für Wochenmärkte, den jährlich wiederkehrenden Marktschreier-Wettbewerb, Sportveranstaltungen wie Abendlauf und Radrennen, Stadtfeste, Leinen-, Erntedank-, Nikolaus- und sonstige Märkte sowie Musikveranstaltungen wie z.B. die Oldie-Night u.ä. für den  Kraftfahrzeugverkehr gesperrt. 

 

Dann hat der Markt tatsächlich mal die angenehme Atmosphäre, die unsere „gute Stube“ eigentlich immer verdient. 

Leider viel zu selten!

 

Textbearbeitung: Willi Tebben - Der Text wurde überwiegend übernommen aus der Broschüre "Markt und Märkte in Burgsteinfurt" von Hans-Walter Pries, Herausgeber Sparkasse Steinfurt 1989
Fotos: Stadtarchiv Steinfurt (Bild 2, 4, 6, 13, 15, 17); Archiv Kiepker-Balzer, Steinfurt (Bild 8, 9, 18, 19); Heribert Schwarthoff (Bild 11, 12); Ralf Sutthoff (Bild 16); Willi Tebben (Bild 3, 5, 7, 14)
Zeichnung: Angelika Lünnemann, Galerie im Koppelkamp, Fürstenau (Bild 1)

 

Home     Impressum     Statistik