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Historische Gebäude in Steinfurt
- Burgsteinfurt -

 



Friedhof 34 - Haus Bollmann
 

 

Flurstücksangaben

Lage

     

Gemarkung

5190 Burgsteinfurt

Flur

21

Flurstück

27/0

Fläche (qm)

149

Baulasten

 

Entstehungsdatum

1961/-

Entstehungs-VN

 

Nachfolge-VN

 

Letzte Fortführung

 

Letzte Änderung

03.04.06

Aktualitätsnummer

0

Status

aktuell

Flurkarte

9179.9 C7

   

Vorgängerflurstück

keine Daten erfasst

   
       


Nutzung / Klassifizierung

Kennung

21 131 Gebäude- und Freifläche, Wohnen, Einzelhaus

Fläche (qm)

149




 

Bild 1 - Friedhof 34, Haus Bollmann - Stand 12.08.2006

Geschichte des Hauses
Das im Steinfurter Ortsteil Burgsteinfurt am Friedhof 34 (Friedhof = Freier Hof) gelegene Wohnhaus nimmt nach Forschungen verschiedener Archivare eine einmalige Stellung in der historischen Altstadt ein. Zum einen ist es die unverwechselbare Frontarchitektur mit dem vorragenden Giebel. Zum anderen die nahezu unverfälschte Raumstruktur, die ein bleibendes Bild über das Wohnen und Leben in den früheren Jahrhunderten abgibt.
Dieser Typ von Wohnhaus ist in Burgsteinfurt nur noch einmal anzutreffen, nämlich am Bütkamp, am sogenannten Kornschreiberhaus. Auffällig an beiden Häusern, dass sie sehr schmal gebaut sind, mehrere Geschosse haben und sich gänzlich von den sonst üblichen Ackerbürgerhäusern mit dem typischen Dielentor abhoben. Daraus lässt sich folgern, dass die Erbbauer keine Vorräte in ihrem Haus lagern konnten und wollten.

 

Burgsteinfurt erhielt im Jahr 1347 die Stadtrechte verliehen. Danach erfolgte die Befestigung der Siedlung durch Wälle, Gräben und Stadtmauern. Die um den Ortskern verstreuten großen Bauernhöfe, die in der Regel dem Steinfurter Grafenhaus oder der Johanniterkommende eigenhörig waren, richteten sich innerhalb der befestigten Stadt hofsteden = Hofstätten oder lifftuchten = Leibzuchten ein. Diese Gebäude dienten in Kriegszeiten als Zufluchtstätten oder auch als Altenteil für Angehörige. In der ersten Wachtrolle von 1402 werden mehrere Höfe aus den Bauerschaften Hollich, Seilen und Veltrup aufgeführt, die solche Wohnstätten in der Stadt besaßen.


Die Leibzuchtstätten lagen immer am Rande der Stadt in Richtung des betreffenden Hofs. In dem Protokoll der Gemeinen Armenstiftung aus dem Jahr 1457 wird das Haus des „coning-hes to veltorpe" (König aus Veltrup) genannt. Hierbei handelt es sich, wenn man die seinerzeit übliche Lesart in ähnlichen Fällen vergleicht, wahrscheinlich um eine solche Leibzuchtstätte. In der gleichen Urkunde wird die Lage dieses Gebäudes beschrieben up den vrithove tusschen husen johans des costers unde des coninghes to veltorpe".

 

Der frühere Stadtarchivar Fritz Hilgemann schreibt dazu 1956 in einer Abhandlung: „Eine ergänzende Urkunde vom 12.2.1490 gibt uns aber die Möglichkeit, das Haus zu bestimmen, das damals den Könings gehörte, ist doch in dieser Urkunde die Rede von Conynges Haus auf dem Friedhof neben Lenneps Lehnhaus. Wenn nun das Haus der Könings einmal neben dem Lenneps Haus, zum anderen neben dem Küsterhause, der heutigen Besetzung Heermann, gelegen hat, kann es sich dabei nur um die jetzige Besitzung Bollmann, Friedhof 34 handeln."

 

Den Hof Köninck gibt es heute noch. Er liegt etwa 500 Meter von der Landstraße in Richtung Horstmar entfernt, die als Verlängerung des Friedhofs bezeichnet werden kann.
Aus der Funktion als Leibzuchtstätte lässt sich auch die unübliche Bauweise erklären. Ernten und Vorräte mussten nicht im Haus gelagert werden. Die Versorgung erfolgte vom Stammhof aus. In Kriegszeiten wurde nur soviel eingelagert, dass man die Belagerung überstehen konnte.

Bild 2

Bild 3

Ob das Haus im Lauf der Jahrhunderte eine bauliche Erneuerung erfahren hat, können nur exakte dendrochronologische Untersuchungen der Balken ergebe. Bis auf einen seitlichen Anbau, um die Wohnfläche zu vergrößern, ist die Struktur auf dem schmalen Grundstück unverändert geblieben.

Andreas Eiynck schreibt in seiner Dissertation „Häuser, Speicher, Gaden - Städtische Bauweisen und Wohnformen in Steinfurt und im nordwestlichen Münsterland vor 1650, Dr. Rudolf Habelt Verlag Bonn 1991" über das Haus Friedhof 34: „Ältester Bauteil dieses Gebäudes ist ein zweigeschossiger Fachwerkspeicher von fünf Gebinden Länge aus der Zeit um 1600. Er zeigt eine Konstruktion mit eingezapften Geschoss- und eingehälsten Dachbalken. Am Vordergiebel ragen das Obergeschoss und das verbretterte Giebeldreieck auf Hakenbalken über zweifach gekehlten Taubandknaggen vor. Im späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert wurde das Gebäude am Rückgiebel verlängert, an der Südseite fügte man eine niedrige Abseite an."

Seit 1669 lassen sich auch die Bewohner des Hauses lückenlos belegen. Damals hatten die Häuser noch keine Straßenadresse. Sie waren im gesamten befestigten Stadtgebiet durchlaufend nummeriert.

 

Im Haus Nr. 331 wohnte vor rund 350 Jahren eine Familie Johann Fleige. Im Inneren des Hauses erreicht man über viele kleine Stiegen, Leitern und Treppchen die kleinen Zimmer, die kaum zwei Meter Deckenhöhe aufweisen. Erstaunlich ist, dass sich bei aller Raumenge doch für die wesentlichen Funktionsabläufe in einem Haushalt überall ein Eckchen fand.

 

Die räumliche Enge in dem kleinen Haus beleuchtet eine Einquartierungsliste aus dem Jahr 1795. Als im Zuge der sogenannten Koalitionskriege französische Truppen in Burgsteinfurt eindrangen, mussten die Bürger den Soldaten Einquartierung gewähren. Aus dieser im Stadtarchiv befindlichen Liste vom März 1795 erfahren wir genau die Zahlen für den Stadtbezirk Friedhof.

 

Da es bei der damaligen sechsköpfigen Familie Grünewald schon reichlich eng in den winzigen Stuben war, wurde dort nur ein Soldat zugewiesen. Der Nachbar Prümers (Haus Nr. 330) musste dagegen in seinem wesentlich größeren Haus gleich sechs Soldaten einquartieren.

Bild 4

Das Haus Bollmann aus stadthistorischer Sicht im Rahmen der Stadtentwicklung und Ensemblewirkung im Zusammenhang mit der Baubauung Kirchstraße / Friedhof

 

Zusammenfassend kann festgehalten werden:


• Haus mit stadtbildprägender Architektur
• exemplarisch für die Zeit der Leibzuchthäuser
• unverwechselbare und unverfälschte Raumaufteilung
• Spiegelbild kleinbürgerlichen Lebens
• eines der ältesten erhaltenen Gebäude in Steinfurt
 

Bild 5

 

Weiter zum Sanierungsprojekt Haus Bollmann

 


Text: Stadtarchiv Steinfurt

Fotos: Willi Tebben (Bild 1-5)


 

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