Friedenau - Die Entwicklung des Burgsteinfurter Stadtteils

 

Teil 1:

von den Anfängen bis zum 2.Weltkrieg

 

von Hans-Jürgen Bartholomaei

 

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I. Nichts

Am Anfang war hier nichts!

Das stimmt nicht so ganz, es gab schon etwas. Am Auffälligsten war eine Erhöhung, einer von mehreren „Hügeln“ im heutigen Stadtgebiet von Burgsteinfurt, der Flögemanns-Esch. Er fällt heute kaum noch als Hügel auf aufgrund der dichten Bebauung. Aber wenn man am Anfang der heutigen Straße „Flögemanns-Esch“, etwa in Höhe des Lebensmittelgeschäftes Demtschück über die „Graf-Ludwig-Strasse“ in Richtung Innenstadt schaut, merkt man plötzlich, wie hoch man oberhalb der Stadt steht.

In und außerhalb der Stadt gibt es weitere, bekannte und unbekanntere Eschs:

Seller-Esch, Windmühlen-Esch, Hollicher-Esch, Laugemanns-Esch, Adelings-Esch, Wesselings-Esch (in Veltrup). (Siehe auch Karte von Burgsteinfurt aus dem Jahre 1828)

 

Esch ist das älteste Wort zur Bezeichnung eines offenen Saatfeldes, also eines Acker. Der Esch gehörte niemals einem Besitzer allein, während der Gegensatz zum Esch, der Kamp, stets eingefriedigtes Sondereigentum bezeichnet. Der höher über seine, in alten Zeiten, von Wald und Sumpf geprägte Landschaft, gelegene Esch wurde von unseren Vorfahren zuerst besiedelt. Hier auf dem trockenen Boden war zuerst Ackerbau möglich.

 

Das gesamte Gebiet wurde in alter Zeit Rotttor-Feldmark genannt.

Eine Mark ist, im ursprünglichen Sinn, ein Teil des Landes einer Bauerschaft, das allen gehört. Alle freien Bauern waren mit einem bestimmten Anteil daran berechtigt, sie bildeten die Markgenossenschaft. Für jeden Markgenossen war genau festgelegt, wie viel Pferde, Rinder und Schafe er in der Mark weiden durfte, wie viel Schweine er zur Eichelmast treiben, wie viel Holz er hauen und wie viel Plaggen und Streu er mähen durfte.

Eine Feldmark ist also ein offenes, unbebautes, zum Teil landwirtschaftlich genutztes Gebiet.

In späteren Jahren hatten Ackerbürger der Stadt hier ihre Äcker und Wiesen, ansonsten war hier freie Natur. Und da man in dieses Gebiet hineinkam, indem man die Stadt durch das Rotttor verließ, wurde es halt Rotttor-Feldmark genannt.

Bild 1 - (Quelle: Burgsteinfurt Eine Reise durch die Geschichte S.67)

 

Darüber hinaus gab es einen Fußweg, der die Stadt mit dem Haggarten und den hier lebenden Bauern verband, ungefähr in Höhe der heutigen „Eichendorff-Straße“.

Und es gab drei befahrbare Wege, die es auch heute noch gibt:

1. Die Schlietenstiege. Die Bedeutung des Namens oder eine Besonderheit ist mir nicht bekannt. Selbst Rudolf Rübel kann in seiner Schrift „Die Burgsteinfurter Straßennamen“ nur berichten, dass der Name schon 1550 urkundlich erwähnt wurde. Er vermutet, dass darin ein Name steckt, wenn sich auch keiner nachweisen lässt. Aber es gibt die (verhochdeutschten) Namen Schleithoff und Schleitkamp.

2. Die Kreuzstiege, deren heutiger Verlauf nicht unbedingt mit dem in der Zeichnung übereinstimmt. Sie erinnert daran, dass Burgsteinfurt bis zur Reformation ein berühmter Wallfahrtsort war. Die Große Kirche in Burgsteinfurt war als Wallfahrtskirche des heiligen Willibrords berühmt. Alljährlich am 7. November strömten die Gläubigen aus dem gesamten Münsterland zur „Mutterkirche des heiligen Willibrord“, um an der feierlichen Willibrordprozession teilzunehmen. Ebenso berühmt und verehrt war der Maragaretenaltar in der Burgkapelle. Der berühmte Kartäusermönch Werner Rolevinck aus Laer berichtete darüber. Es gibt Berichte im Fürstlichen Archiv, nach denen der Andrang so groß war, dass die Brücke der Burg zusammenbrach.

3. Der Kohlstrunk, den es heute auch noch gibt.

 

 

Und ein Haus gab es hier, eine Burg sogar, die Kulenburg.

Sie war eine von drei außerhalb der Stadt liegenden Güter oder Lehen von Burgmännern, wie man bei Professor Döhmann lesen kann: „Außerdem befinden sich noch Spuren einiger ehemaliger Güter oder Lehen, nämlich in dem Gehölze links an der Poststrasse nach Münster in Hollich, die Reste der Ascheburg, ..., in der Bauerschaft Sellen rechts am Wege nach Bentheim, die Wolfsburg und am sogenannten Kohlstrunk oder Ludwigsdorf soll die Kulenburg gelegen haben“. (aus „Geschichte der Stadt und der Grafschaft Steinfurt II, S.96)

Die Burg hat ihren Namen von dem Burgmannengeschlecht Kule.

Die Kulen stammen aus der Gegend von Lüdinghausen.

 

Seit 1385 war Herman Culen belehnt mit dem „Coelstrunk gelegen buten der Rottporten“ also außerhalb des Rotttores gelegen. Hier ist der Ursprung des Namens Kohlstrunk zu finden.

Hermann Kule war ein Burgmann des Burgsteinfurter Grafen. Er wird in den Geschichtsbüchern mehrfach erwähnt: Als im Jahre 1427 Graf Eberwien I. mit dem Herzog Arnold von Geldern in Streit geriet, sandten auch Steinfurter Burgmannen, u.a. Herman Kule, ihre Fehdebrief an den Herzog. Und als 1432 Ludgardis, die Tochter Eberwiens I. mit ihrem Gemahl auf die Herrschaft Steinfurt feierlich Verzicht leistete, geschah dies in Burgsteinfurt vor dem Amtmann und Richter Jakob von Godelinchem und seinen Beisitzern Gerd von Scheven und Hermann Kule.

 

Heute gibt es eine Strasse „Kulenburg“, die an dieses Anwesen und an den Namen des alten Burgmannes Kule erinnert und der Nachwelt erhält. Vielleicht hat die Kulenburg sogar dort, an der heutigen „Kulenburg“, gelegen.

 

Bild 2 - Ausschnitt einer Karte von Burgsteinfurt aus dem Jahre 1828.
Gut sind die Esche, Kohlstrunk, Meteler Stiege, Haggarten, etc zu erkennen.

 

II. Anfänge


1791/1792

Graf Ludwig zu Bentheim und Steinfurt ließ 1791/1792 die ersten acht Häuser auf dem „Kohlstrunk“ errichten für acht Familien aus Lienen. Die waren in Bremen von einem Ausreiseagenten übers Ohr gehauen worden, konnten ihre Ausreise nach Amerika nicht antreten und waren völlig verarmt ins Tecklenburger Land zurückgekehrt. Alle Häuser dieser planmäßig angelegten Siedlung sind im gleichen Baustil mit Krüppelwalmdach und kleinem angebauten Stall für Viehhaltung errichtet worden. Zwischen je zwei Häusern war ein Brunnen errichtet für die Wasserversorgung, wovon heute noch einer zu erkennen ist zwischen den Häusern 20 und 22. (nach W.Alff „Kolonie Ludwigsdorf“)

Bild 3 - Das Foto von ca. 1900 zeigt noch den baulichen Urzustand des Hauses

Kohlstrunk 22. (Foto: Burgsteinfurt Eine Reise durch die Geschichte S.472)

 

Die Wohnkolonie mit den Familien Demter, Vogelpohl, Buddemeier, Paul, Lammers, Voß, Ebbing und Hilge erhielt vom Grafen Ludwig den Namen „Kolonie Ludwigsdorf, nach seinem eigenen Namen.

 

Eine solche Namensgebung war zu der Zeit üblich.

 

Vielleicht wollte Graf Ludwig damit den alten Namen dieses Geländes verdrängen. Der alte Name aber ist bis heute geblieben, nämlich Kohlstrunk.

Der Bau der Häuser an diesem Ort war eine Sensation, waren es doch die ersten Wohnhäuser außerhalb der Stadt.

Bild 4 - Das Foto mit den Häusern Lammers, Kneuper und Rotmann aus dem Jahre 1929 zeigt die Gartenseite

und man erkennt die angebauten Ställe.

 

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Text: Hans-Jürgen Bartholomaei

 

 


 

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