Nutzen der Fischaufstiegsanlagen in Burgsteinfurt

 

Wie überzeugt man Fische, den Aufstieg zu nutzen?

 

Das Wanderverhalten aufstiegswilliger Fische war und ist immer durch das stetige Anschwimmen gegen die Hauptströmung von Fließgewässern gekennzeichnet. Das findet nicht zwangsläufig innerhalb der maximalen Strömung statt, sondern je nach Schwimmleistung auch am Rand der Hauptströmung. Bei vorhandenen Absperrbauwerken suchen die Fische durch seitliches Ausweichen nach Möglichkeiten zur Weiterwanderung. Dabei wird der Lockstrom (Leitstrom) der Fischaufstiegsanlage von den Fischen wahrgenommen, so dass sie auf diese Weise in die Fischtreppe geleitet werden und somit aufsteigen können. Durch ihr natürliches Verhalten erreichen sie also das Oberwasser, auch wenn sie dazu in der Steinfurter Aa während der letzten etwa 850 Jahre keine Gelegenheit hatten. Ist das nicht alles nur graue Theorie? 

Da die Fischaufstiegsanlagen in der 43. Woche des Jahres 2005 in Betrieb genommen wurden, werfen wir doch einfach mal einen Blick auf die Praxis. 

Foto: Günther Hilgemann

Der spannende Moment: die Fischtreppe an der Schlossmühle wird erstmalig geflutet

 

Der folgende Zeitungsartikel erschien am 29. Oktober 2005 in der Münsterschen Zeitung

beide Fotos: Günther Hilgemann

Vertreter der am Projekt „Fischtreppen“ beteiligte Behörden und Firmen trafen sich zur Funktionsabnahme an der Aa. Fischerei-Biologe Christian Edler nahm mit Zollstock und Spezialmessgerät Stufe für Stufe unter die Lupe. Text: Günther Hilgemann

Das empfindliche Messgerät zeichnet exakt die Strömungsgeschwindigkeit zwischen den Felsbrocken auf. Zu viel Strömung verhindert den Aufstieg der Fische. Text: Günther Hilgemann

 

Für Fische geht's aufwärts
Beim gestrigen Probelauf klappte alles auf Anhieb / Barsche waren die „Startschwimmer"

BURGSTEINFURT Fischerei-Biologe Christian Edler hätte sein empfindliches Messgerät eigentlich zu Hause lassen können.
„Super, klappt ja prima" hätte der weißschuppige Koi-Karpfen in der Aa wahrscheinlich gesagt. Aber eben stumm wie ein Fisch hatte sich das auffällige, von Unbekannten ausgesetzte Tier (wir berichteten), kurz nach der Flutung der beiden Fischtreppen „auf die Socken" gemacht und sich an den verdutzten Bauarbeitern vorbei durch die vielen Kammern der Aufsteigehilfe bis zum obersten Becken geschlängelt. Dort drehte er „auf dem Absatz" wieder um und schwamm zurück in den unteren Teil der Aa.
Hätte ein Angler das erzählt, er wäre für sein Latein belächelt worden. Als diese Nachricht gestern Morgen die große Fachleute-Runde erreichte, die sich zur biologischen Baustellenab-

nahme eingefunden hatten, brach regelrecht ein kleiner Begeisterungssturm los.


Erleichterung


„Jetzt soll noch mal einer sagen, unsere Fischtreppen wären sinnlos", freute sich Vinzenz Tewes von der unteren Wasserbehörde des Kreises. Und wie zur Bestätigung wurde eine Stunde später ein stattlicher Barsch von aufmerksamen Bürgern auf seinem Weg von unten nach oben gesichtet.
Vertreter der Kreisverwaltung, des staatlichen Umweltamtes, der Stadt, des planenden Ingenieur-büros der ausführenden Baufirma Arning und des ASV Burgsteinfurt hatten sich am Morgen an der Niedermühle eingefunden, um die Funktionstüchtigkeit der Fisch-treppen unter die Lupe zu nehmen.

Messungen


Die führte der beauftragte Fischerei-Biologe in Form eines Messstabes in die Zwischenräume der dicken Feldbrocken. „1,2 Meter pro Sekunde sind das Maximum, stärker darf die Strömung an keiner Stelle sein. Sonst kommen die Fische nicht hoch." Jede einzelne Zwischenkammer wurde auf diese Weise durchgemessen. Abweichungen vom Idealwert werden durch zusätzliche Steine reguliert.
„Bei den Durchlässen ist die Strömung direkt am Boden immer geringer als an der Oberfläche." Josef Hassemer, Gewässerwart und Fischereiaufseher des ASV, geriet gleich ins Schwärmen angesichts der optimalen Bedingungen für die wander-lustigen Wasserbewohner. Aber dann legte sich seine Stirn doch noch einmal in Falten.

„Ich habe mir den Mund fusselig geredet. Die Bürger wollten Toiletten für die Schulen oder Entlastung für die Stadtkasse. Wir haben hier nur eine europaweite Vorgabe aus Brüssel mit zweckgebundenen Geldern umgesetzt. Hätten wir uns geweigert, die Fischtreppen zu bauen, wären saftige Strafgelder der EU fällig geworden."
In vier Wochen sollen die Fischtreppen auf Burgsteinfurter Gebiet dann offiziell eingeweiht werden. Bis dahin sind die Sicherungsgeländer montiert, die Straßen und Brücken wieder passierbar und - die Fische haben schon manchen Kilometer mehr auf dem Tacho.

Bericht: Günther Hilgemann, erschienen in der MZ am 29.10.2005

 

Welche Bedeutung haben die Fischaufstiegsanlagen für Burgsteinfurt?

 

Die Fischtreppen werden von den Fischen also angenommen, wie schon am ersten Tag des Probebetriebs festgestellt wurde. 
Wie sieht die Akzeptanz der Fischaufstiegsanlagen aber in der Bevölkerung aus?

Von der Lage und der Attraktivität her sollten sie sich eigentlich nahtlos in die bekannten und zum Teil in jüngster Zeit neu gestalteten Sehenswürdigkeiten wie Konzertgalerie, Bagno mit Bagnoquadrat, Barocke Achse, Große Alle und Französischem Garten, Schloss, Altstadt und Kreislehrgarten einreihen lassen. Hinzu kommt: im Münsterland gibt es nur ganz wenige weitere Fischtreppen, und Burgsteinfurt bietet hier gleich 2 verschiedene Techniken als Anschauungsobjekt, direkt am Schloss und in unmittelbarer Nähe der Historischen Altstadt. Auch als Tourist muss man keine Umwege machen, um die in dieser Form einmaligen Anlagen besichtigen und die einheimischen Fischarten bei ihrem Aufstieg (oder Abstieg) beobachten zu können. Im Winter ist zwar keine Fischwandersaison, aber im Frühjahr wird man garantiert auf seine Kosten kommen. 
Um so erstaunlicher ist es für mich, dass in weiten Kreisen der Bevölkerung die Meinung vorherrscht, dass das Geld für diese Anlagen völlig sinnlos verpulvert wurde. 
Hauptsächlicher Tenor: wie kann man nur so viel Geld für die paar Fische ausgeben! 
Dies wird in Gesprächen, Diskussionen, Leserbriefen usw. sehr deutlich. Eigentlich schade, denn gerade im Hinblick auf den Tourismus und als Vorzeigemodelle für zukünftige Planungen ähnlicher Fischaufstiegsanlagen kann Steinfurt nun mit weiteren Pfunden wuchern. Man muss es nur richtig nutzen!

Das Schönste allerdings ist: die Fische haben ihre Mobilität wiedergewonnen. Und eines Tages werden wir es erleben – die Natur dankt uns dafür!

Auf der nächsten Seite folgt eine kleine Geschichte über zeitgenössische Lebewesen, die ohne meine Recherchen zu dem Bericht über die Fischaufstiegsanlagen nie entstanden wäre. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.

 

Weiter geht’s zum Artikel: Das Letzte (von den Fischtreppen)

Bericht: Einsetzen der Fischreusen

Text: Willi Tebben

Fotos: Günther Hilgemann (3)

Zeitungsartikel: Günther Hilgemann; erschienen in der Münsterschen Zeitung am 29.10.2005

Literatur: DVWK - Merkblätter zur Wasserwirtschaft 232/1996 - Fischaufstiegsanlagen 

 

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