Das Letzte
(von den Fischtreppen)


Es war einmal ein kleines beschauliches Städtchen im westlichen Münsterland. Es nannte sich früher mal Stenvorde, heute allerdings OT Burgsteinfurt. Hier lebte man ruhig und zufrieden, die Landschaft war bezaubernd für Einheimische und Besucher. 

 

Man hatte seinen Arbeitsplatz, allerdings musste man oft weit fahren, um ihn zu erreichen. Man fuhr in Urlaub und machte weite Reisen. Es war eine Freude, dass man beweglich war, denn zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen gehört nun einmal die Mobilität. Kurzum: alle freuten sich des Lebens. 

 

Daher fuhr man auch oft in die umliegenden Städte und Dörfer, um dort einzukaufen. Hier gab es vielleicht andere Angebote, mehr Auswahl, oder der Einkauf wurde mit einem Ausflug verbunden.

 

Doch halt! Außerhalb einkaufen? Das bedeutet doch, dass die Kaufkraft der Einwohner in auswärtige Kassen fließt und somit den Burgsteinfurter Kaufleuten verloren geht. Das darf doch nicht wahr sein. 


(Sie sehen nun vielleicht: es gibt für Menschen immer einen Grund, in die Natur einzugreifen!)
 

Man entschloss sich also, die Kaufkraftabwanderung zu unterbinden und baute rund um den Ort eine sehr hohe, breite und unüberwindliche Mauer. Es gab keine Tore mehr und somit auch keine Möglichkeit, den Ort zu verlassen. Selbstverständlich ließ man auch keinen Blick auf den Rest der Welt zu, denn das hätte ja nur wieder Fernweh und somit vielleicht eine Revolte erzeugt. Natürlich kam man genau so wenig rein in die Stadt, aber das betraf ja ohnehin meistens nur Touristen, die ihren Picknickkorb gleich mitbrachten. 

Dass auch die auswärtigen Arbeitsplätze nicht mehr erreichbar waren, war nicht weiter schlimm, man musste eben mit dem auskommen, was man hatte. Teure Autos wurden ebenfalls nicht mehr gebraucht, sogar die Bahn machte einen großen Bogen um die Stadt. Da keine Anlieferungen von außerhalb mehr durchkamen, besann man sich auf die hier noch vorhandenen landwirtschaftlichen Kenntnisse, legte Kleingärten an und betrieb Ackerbau und Viehzucht in Eigenregie - es geht eben nichts über selbst gezogenes Gemüse und natürlich gewachsenes Fleisch. 
 
So lebte man in unserem kleinen Städtchen fröhlich und abgeschirmt vom Rest der Welt. Der eine oder andere versuchte zwar gelegentlich, besonders während der Urlaubszeit, die Mauern auch mal von draußen betrachten zu können oder sogar zu verreisen, aber nichts da, das Geld hatte in die Burgsteinfurter Kasse zu fließen, und somit gab es nach wie vor keine Möglichkeit, den Ort zu verlassen. 

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So gingen etwa 850 Jahre ins Land. Und siehe da, es gab erstaunlicherweise immer noch ein paar Burgsteinfurter! 
Was man allerdings nur selten sah, waren Kinder. Nachfragen ergaben, dass sich hier kaum jemand vorstellen konnte, noch Kinder in diese Welt (Burgsteinfurt!) zu setzen. Was hätten die für eine Zukunft? Senioren gab es auch keine. Wer wollte unter den Bedingungen hier alt werden? 
Eines schönen Tages bildete sich eine Initiative der Orte im Westmünsterland mit dem Ziel, alle Grenzen wieder durchgängig zu machen. Burgsteinfurt sollte wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Doch wie? Ein Abbruch der Mauer war entschieden zu teuer nach dem Motto: "Och, sind doch nur ein paar Burgsteinfurter!" Endlich kam die Erleuchtung. "Wir graben einen Tunnel!" Und so geschah es. Nach einigen Wochen war das unterirdische Bauwerk fertiggestellt, und was glauben Sie? Haben die Burgsteinfurter den Nutzen des Tunnels als den Weg in die weite Welt erkannt und genutzt? 

 

Gerüchten zufolge sind bereits die ersten "Stemmerter" in Wettringen, Ochtrup, Rheine und Emsdetten gesichtet worden. Wir werden das mal weiter beobachten und Sie auf dem Laufenden halten.

 

Bericht: Einsetzen der Fischreusen

 

 

- Ende -

 

So ein Blödsinn, werden Sie nun am Ende der Geschichte vielleicht sagen. Ist doch alles aus den Fingern gesogen, an den Haaren herbeigezogen und entbehrt jeder Grundlage. 

Wirklich? Unseren Fischen ist es in den letzten 850 Jahren jedenfalls so ergangen, und ob sie mit ihrer wiedergewonnenen Freiheit fertig werden, kann man wohl erst im nächsten Frühjahr erkennen. 

Und eine unwahrscheinliche Geschichte? Der Mensch greift gerne in die Natur ein. Eine gewisse Profitgier hat in der Vergangenheit und leider ganz besonders auch in der Gegenwart schon eine Menge unserer Umwelt und des lebenswerten Miteinanders zerstört. Ein Ende dieses Prozesses ist bisher nicht abzusehen. 

Ich wünsche Ihnen eine gute Zukunft,
und bleiben Sie mobil!

Willi Tebben

 

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