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Die Geschichte vom
Räuberhauptmann Feldlaum |
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Nach einem alt-überlieferten Bericht erzählt von Erich Blank
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Man schrieb das Jahr 1812, der November neigte sich dem Ende zu. Des
Korsen Heerscharen waren in Russland übel zugerichtet worden. Tag
für Tag sah man versprengte Gruppen abgerissener Soldaten auch durch
Deutschlands Gaue ziehen. Und auch durch unser Münsterland kamen
sie, durch unseren Kreis Steinfurt. Hunger und Entbehrung waren die
traurigen Begleiter dieser Armen von der Beresina an gewesen, und
doch saß ihnen die Disziplin noch so tief in den Knochen, dass sie
sich besser aufführten, als die sie verfolgenden, meist wie wilde
und rauflustige Räuberbanden anzuschauenden Kosaken. |
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Als die ins Land gekommen waren, hub eine schlimme Zeit für Bürger und Bauer an. Was nicht niet- und nagelfest war, nahm die habgierige Bande mit – und sie soff wie die Ketzer. Wenn den überlieferten Erzählungen zu glauben ist, quartierten die wie die Teufel reitenden Kosaken sich auch eines schönen guten Tages in eine Essigfabrik in Wettringen ein und schütteten sich den reinen Sprit hinter die Binde, als wenn's so herrlich schäumender Champus gewesen wäre. Und es mag wohl gewesen sein, dass mancher dieser Horden, so er voll des Sprites war, sich eine gehörige und ernüchternde Abreibung durch einen deftigen Bauern gefallen lassen musste. Das war dann die ausgleichende Gerechtigkeit. Aber auch von den Franzosen, die flüchtend durch Deutschlands Gaue zogen, mag mancher noch hier sein ärmliches Leben gelassen haben, als die Strapazen, welche die ausgemergelten Körper ertragen sollten, allzu schwer wurden.
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Das war die Zeit, da unser Land arm und ärmer geworden war – aber auch
die Zeit, da die Befreiung des Landes von des Korsen Herrschaft nicht
mehr allzu fern war. Vorerst aber saß in Kassel immer noch Westfalens
König "Immer lustik" von Napoleons Gnaden, feierte prunkvolle Feste und
scherte sich den Teufel um die Armut der Bevölkerung seines
"Königreiches". Die Schatzungen und Requisitionen gingen weiter. |
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Zu allem Überfluss aber bildeten sich, wie's zu jener Zeit in allen
Landstrichen üblich zu sein schien, noch im eigenen Land Diebes- und
Räuberbanden, die durch die Städte und Dörfer strichen, friedlichen
Bürgern das Leben sauer machten und arbeitsamen Bauern das Vieh, das die
plündernden Kosakenbanden nicht aufgefunden hatten, aus den Verstecken
holten und johlend ihre wüsten Gelage feierten. |
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Wie gesagt, solche Räuberbanden gab's in jener aufgeregten, aller
friedsamen Ordnung baren Zeit ringsum – und auch unser Steinfurter
Ländchen war nicht frei davon. Der Handelsmann, der durch das weite Land
von Dorf zu Dorf zog, fasste seinen Knotenstock fester, wenn er an den
Wallhecken vorüber kam – wer weiß, ob dahinter nicht einer der ehrlichen
Lebens abholden Wegelagerer saß und auf leichte, aber reiche Beute
hoffte. Und der Bauer auf einsamem Hof wird wohl allnächtlich mit
heimlichem Bangen darauf gewartet haben, dass nun auch sein Hof an die
Reihe käme. |
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Zwischen Burgsteinfurt, der Kreisstadt, Emsdetten, das damals noch nicht
das betriebsame Leben eines Industrieortes von heute hatte, Neuenkirchen
und Wettringen war das "Strönfeld", die große Heide. Das war das Gebiet,
in dem der lange Feldlaum Räuberhauptmann war. Wie eigens zu seinem
bösen Gewerbe gebaut, lag sein Wirtshaus in der tiefen Einöde am alten
Postdamm, zwischen den Kotten Lintel und der Bauerschaft Ostendorf.
Klein und winzig war das Häuschen nur – aber in angstvollem Respekt
wurde es gemieden von all' denen, die nicht in den Ruf kommen wollten,
mit dem Räuberhauptmann gemeinsame Sache zu machen. Und Feldlaum – sein
rechter Name war Laumann – war's recht so, und seinen Spießgesellen
nicht minder. |
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Dieses Wirtshaus in der Einöde war an den Wochentagen der Treffpunkt der
düsteren Gesellen. Sonntags aber zog der hünenhafte Räuberhauptmann
Feldlaum, mit seiner hohen Mütze aus dem Fell eines Füchsleins malerisch
anzusehen, ins nahe Wettringen zur Kirche. Wenn er, begleitet von seinen
beiden rothaarigen, nicht minder stattlich als der Vater gewesen sein
sollenden Töchtern, nach dem Gottesdienste durch die vor dem
Kirchenportal schwatzende Menge schritt, mag wohl oft das Geraune
verstummt sein – und wenn die Rothaarigen nicht die Töchter des Räubers
gewesen wären, hätte wohl dieser oder jener begüterte Bauernsohn nicht
übel Lust verspürt, eine von ihnen zu freien. |
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Anderentags, wenn die Werktage wieder begonnen hatten, begann auch die
Bande Feldlaums wieder ihre "Arbeit". Es sollen samt und sonders starke
und raubeinige Kerls gewesen sein, die der Feldlaum sich aus den
umliegenden Dörfern und Nestern heranholte und sie bei Androhung eines
fürchterlichen Todes im Falle des Verrates oder der Untreue einen die
Gesellen an ihn bindenden Eid schwören ließ. Zucht und Ordnung aber
hatte der Hauptmann in seiner Räuberbande – und wehe dem, der einem
Überfallenen auch nur ein Härchen gekrümmt hätte, er hätte sich dieser
Schandtat nicht lange freuen dürfen. |
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Ähnlich wie sein "Kollege" Schinderhannes im rheinischen Lande, ließ es
Feldlaum auch nicht zu, dass seine Leute da stahlen und plünderten, wo
Not und Armut zu Hause waren. Wie's im kölnischen Gebiet heute noch von
Schinderhannes erzählt wird, so soll auch Feldlaum oft von der aus Speck
und Wurst bestehenden Beute den Armen abgegeben haben, und wenn
irgendein armseliger Teufel den Zins zu Martini nicht zusammen hatte, so
soll er auch hier hin und wieder einen Griff in eine Börse getan haben,
die ihm jedoch meist nicht zu eigen war. So aber gedachte er, die
ausgleichende Gerechtigkeit, die sich allzu lange nicht mehr unter den
Menschen hatte sehen lassen, ein wenig zu vertreten. Kam aber dabei mit
dem Recht zumeist in argen Widerspruch. |
| Eines Nachts war Feldlaum selbst wieder auf Raub ausgezogen. Er wusste,
dass ein reicher Bürger nach Münster geritten war, von seiner Bank einen
anständigen Batzen Geldes zu holen. An der Straße, die von Burgsteinfurt
nach Wettringen führt, legte sich der Räuber auf die Lauer. Da kam auch,
als die Mitternachtsstunde noch nicht ganz vorüber, ein Reiter einsam
über die Straße geritten – Feldlaum sprang dem Pferde in die Zügel – und
erkannte einen angesehenen Wettringer Bürger, einen gewissen Schmitz,
der zufällig desselbigen Tages in Münster gewesen war und auch ein gutes
Stück Geld mit sich führte, aber nicht der von Feldlaum erwartete Bürger
war. Die "Gelegenheit" aber soll der Räuberhauptmann nicht genutzt
haben, soll den Reiter vielmehr selbst bis zum nächsten Räuberposten
geleitet haben, damit ihm nichts geschehe und er ungehindert nach Hause
gelangte. Feldlaum aber machte sich wieder auf den Weg zurück, traf den
anderen Bürgersmann mit dem Geldsack, erleichterte ihn um diesen Besitz
und ließ den also Beraubten dann friedlich weiter reiten. Es soll einer
gewesen sein, dem ob seines Geizes mancher sein Geschick schadenfroh
gegönnt habe. |
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Das alles ging einige Zeit gut. Bis eines Tages! Das war's der hohen
Obrigkeit denn doch zuviel geworden. Dem Räuberhauptmann und seinen
Spießgesellen sollte das Handwerk für alle Zeiten gelegt werden. Aber
wie? Man machte diesen Vorschlag, man erörterte jenen Rat – alles aber
schien zu gewagt, zu wenig Aussicht auf die Möglichkeit zu geben, der
ganzen Bande auf einen Schlag habhaft zu werden. Schließlich wurde man
sich einig: nur durch "Einschmuggeln" eines beherzten Mannes in die
Bande konnte es gelingen, sie zu fassen, einschließlich ihres
Oberhauptes. Aber wo war der beherzte Mann, der sich dieses Werk
zutrauen wollte? Man riet hin, man riet her, dieser blickte jenen
forschend an, jener schaute diesen fragend an, keiner aber fand sich in
der Reihe der Männer, der glaubte, soviel Mut und List zu haben, um es
mit Räuberhauptmann Feldlaum aufnehmen zu können. Schließlich fand sich
einer: der Polizeidiener von Emsdetten. Er hat seinen kühnen Wagemut
teuer bezahlen müssen! |
| Irgendwie hatte der Diener des Gesetzes, der ansonsten wohl zumeist nur
des Amtes Bekanntmachungen den Bürgern kund und zu wissen tat, es dem
Räuberhauptmann zukommen lassen, dass er treues Mitglied seiner
raubenden Bande zu werden wünschte. Feldlaum bedachte sich, hatte wohl
auch einigen Zweifel, hoffte aber auch, durch ein "beamtetes" Mitglied
manch' Erfolg bringenden Fingerzeig zu erhalten und benachrichtigte ihn,
dass er sich an einem bestimmten Abend im Wirtshaus in der Heide
einfinden möge. |
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Begleitet von den guten Wünschen seiner Auftraggeber machte der brave
Polizeidiener sich auf den Weg, griff hin und wieder in die Tasche, ob
die Pistole, die ihm der Amtmann von Emsdetten zugesteckt hatte, noch da
sei, brachte den gefürchteten Weg auch glücklich hinter sich und betrat
klopfenden Herzens, sonst aber gar fürchterlich wild wie ein echter
Räuber dreinblickend das Wirtshaus. |
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Da waren die Gesellen auch schon um ihren Anführer versammelt, die
rothaarigen Töchter Feldlaums hatten schon in rauen Mengen ohn' Unterlaß
die Schnapsgläser gefüllt – nun konnte die Vereidigung vor sich gehen.
Der gute Mann leistete den Eid und war so vom ehrenwerten Polizeidiener
zum das helle Tageslicht scheuenden Räuber geworden. |
| Am gleichen Abend noch wurde ein Überfall auf einen stattlichen
Bauernhof, der unweit von Clemenshafen lag, vorbereitet. Alles war
genauestens festgelegt, als Feldlaum plötzlich aufsprang und jedem
seiner Gesellen unter den Worten "Mi is't vandage so, äs wenn unner us'n
Verräöder is!" [Mir ist heute so, als wenn unter uns ein Verräter ist].
anstierte. Als er noch mit den Worten drohte "Wenn ick unner ju'n
Verräöder finn, dann geiht't üm sein Liäwen, ick schnied Reimen ut
sienen Rüggen un hang' em dran up" [Wenn ich unter euch einen Verräter
finde, dann geht es um sein Leben, ich schneide Riemen aus seinem Rücken
und hänge ihn daran auf] erblickte er vor unserem guten Polizeidiener
die Pistole, erkannte sie an den eingravierten Zeichen als die des
Emsdettener Amtmannes, schrie den "Neuen" an, woher er sie habe – gab
sich dann aber zufrieden, als der "Spießgeselle" gleichmütig entgegnete
"De häw ick em affstuoll'n!" [Die habe ich ihm gestohlen]. – Die
Besprechung war beendet. Feldlaum's Ende konnte vorbereitet werden. |
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Der Polizeidiener teilte Tag und Stunde, wann der Überfall auf den
erwähnten Bauernhof vor sich gehen sollte, dem Amtmann mit. Unter
Führung des Amtmanns Reinhardt aus Neuenkirchen machte sich an diesem
Tage eine große Schar wackerer Männer auf den Weg, die Bande zu
überlisten. Sie konnte denn auch bei dem Überfall auf den Hof bei
Clemenshafen überrascht werden – und als der Amtmann aus Neuenkirchen
den Räuberhauptmann, der mit einer Seite Speck fliehen wollte, trotz
mehrfachen Anrufes nicht zum Stehenbleiben veranlassen konnte, schoss
er. Die Kugel traf, Räuberhauptmann Feldlaum war auf der Stelle tot. Von
den übrigen Gesellen jedoch konnte nicht einer gefasst werden. |
| Die Bande aber nahm fürchterliche Rache für ihren toten Räuberhauptmann: eines guten, oder vielmehr bösen Tages war der Emsdettener Polizeidiener nicht mehr aufzufinden. |
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Text: Erich Blank; nach einem alt-überlieferten Bericht erzählt Textbearbeitung: Wilhelm Alff |