Feldlaum - Die Räuberbande von Ostendorf
 

Ein Beitrag zur Geschichte von Borghorst vor 100 Jahren,
von Hubert Große Osterholt, Kaplan in Walsum am Rhein.

(erschienen in: „Münsterland“, Monatsschrift für Heimatpflege, Januar 1920)

 

Wer jetzt durch die freundliche Bauerschaft Ostendorf bei Borghorst wandert, durch wogende Kornfelder, hohe Buchenwälder und dunkle Tannenbüsche und wer dann müde von seiner Wanderung sich in der Wirtschaft "Friedrichsruh" (jetzt Stegemann am Postdamm) [heute: Friedrichshof, Ostendorf 33] niederlässt, der ahnt wohl kaum, dass hier vor 100 Jahren eine Räuberbande hauste, Feldlaumann, der Räuberhauptmann von Ostendorf mit seinen Genossen. Im Munde der Leute war er nur Feldlaum genannt. Wehe dem Kaufmann, der ahnungslos mit voll gepacktem Wagen über den alten Postdamm zog, um den Grevener Markt zu besuchen. Feldlaum lauerte hinter dichten Hecken. Wehe dem verspäteten Reisenden, der in Feldlaums Wirtschaft "Friedrichsruh" ruhig übernachten zu können glaubte. Der Gastwirt war ein Räuber. Wehe dem schnellen Boten, der mit Briefen und wichtigen Nachrichten nach Münster oder Burgsteinfurt eilte, denn dem Feldlaum entging er nicht.

 

Feldlaum, der Räuberhauptmann von Ostendorf, wird noch heute oft genannt. An den langen Winterabenden, wenn der Bauer mit der ganzen Familie bei dem flackernden Herdfeuer sitzt und die Neuigkeiten des Tages besprochen sind, dann werden noch manchmal alte Geschichten hervorgeholt, die der Großvater vor 100 Jahren erlebte, und die sich jetzt fortpflanzen von Mund zu Mund.
 

Feldlaumann, mit rechtem Namen Laumann, besaß einen kleinen Kotten im Ostendorfer Feld am Postdamm, mitten in Heide und Tannenbüschen gelegen, und betrieb nebenbei eine kleine Schenke. Von Jugend auf hatte er kein gutes Beispiel vor Augen. Der Kotten brachte kaum so viel auf, dass er die Familie ernährte, und so war schon der Vater, der auf den benachbarten Höfen täglich arbeiten ging, nicht ganz ehrlich gewesen.

 

Die zweite Ehe unseres Feldlaums mit Anna Catharina Wiggers war sehr unglücklich. Während er früher schon durch kleinere Diebstähle den Weg des Guten verlassen hatte, verlor er jetzt ganz den Halt. Dazu kamen noch schlechte Genossen, die ihn ganz auf die Bahn des Räubers drängten, so dass er sogar ihr Anführer und Hauptmann wurde.

 

Als die Kriegsunruhen der französischen Zeit vorüber waren und die Soldaten entlassen wurden, kehrten nicht alle zur Arbeit zurück. Viele trieben sich unstet im Münsterland umher und überfielen Bauernhöfe und Kotten, wie eine Menge von Steckbriefen in den Borghorster Akten beweist.

 

So trieben sich in der Gegend von Borghorst umher, Johann Mergel aus Oberstein in Schlesien, Gerhard Janning aus Höpingen bei Darfeld, der schon mehrere Jahre Zuchthaus hinter sich hatte, und dann noch Jan Berndt Stegemann aus Dreierwalde, der verschiedene Diebstähle auf dem Kerbholz hatte und eine bei Zeller Horstmann in Greven gestohlene Uhr in Borghorst für einen Pfannkuchen und 2 Glas Bier und 8 Groschen versetzte und dann am folgenden Tage in der Wirtschaft Jessing festgenommen wurde.

 

Vier solche Gesellen hatten sich bei Feldlaumann zusammen gefunden, nämlich Völker, Schmitz, Wemhof und Niemann, von denen die beiden letzten als Haupträuber bezeichnet werden.

 

Feldlaumann war täglich fleißig am Plaggenstechen und gegen seine Nachbarn freundlich, er war jeden Sonntag in der Kirche, aber wenn die dunkle Nacht gekommen war, dann war er der Schrecken der Bauern. Nicht bloß in Ostendorf und den anderen Bauerschaften von Borghorst war er gefürchtet; die Räuberbande dehnte ihre Streifzüge aus nach Emsdetten, Nordwalde, Altenberge, Burgsteinfurt, sogar bis Havixbeck.

 

Die ersten Protokolle über vorgefallene Diebstähle stammen aus dem Jahre 1816.

 

Da erschien die Witwe des verstorbenen Kötters Jan Berndt Rohlfs aus Wilmsberg bei Borghorst vor dem Bürgermeister Lanver und zeigte an, dass ihr aus der Grube auf Gönner-Kamp 2 Malter Erdäpfel gestohlen seien.

 

Einige Tage später kamen Jan Henrich Decker und Jan Coerdt aus Ostendorf und beklagten sich über Kartoffeldiebstahl.

 

Dem Weber Johann Henrichsmann war das Fenster erbrochen, und 6 Ellen Tuch und 28 Klank Garn waren verschwunden.

 

Der Wirt Theodor Wessels im Dorf vermisste zinnerne Schüsseln und Suppentöpfe.

 

Bei Schulze Potthoff in Havixbeck waren Betten, Säcke und 20 Pfund Federn weg.

 

Der Zeller Dirck Herm Menning aus Altenberge, Bauerschaft Entrup, zeigte an, dass ihm Kleider, goldene Ringe und Halskreuzchen, silberne Schuh- und Knieschnallen, eine Pfeife mit Silberbeschlag und silberner Einlage nebst 450 Talern gestohlen sei.

 

Zeller Huesmann aus Hollingen bei Emsdetten berichtete, ihm sei ein kupferner Kessel entwendet und die Diebe seien nach Ostendorf gegangen, wie die Spuren im Schnee zeigten.

 

Dem Schulze Pröbsting zu Wilmsberg war im Wöstkamp eine Kuh abgeschlachtet.

 

Dem Zeller Große Osterholt in Ostendorf wurden Speck und Schinken aus dem "Wiem" geholt.

 

Schulze Severing in Dumte erhielt vom Gericht Nachricht, er könne seinen kupfernen Kessel in Burgsteinfurt wieder holen.

 

Und wenn auch Schulze Marquarding in Ostendorf meinte, sein Hof sei mit breiten Gräften umgeben und das Torhaus sei fest verschlossen, Feldlaum ging über das feste Eis und holte das tags vorher geschlachtete Schwein von der Leiter.

 

Weitere Diebstähle zeigten an Melchior Jerwers aus Ostendorf, Barbara Hilbers aus dem Dorf, Zeller Jan Große Vanheiden aus Nordwalde, Bauerschaft Suddorf, und Ludowika Große Vanheiden aus Nordwalde.

 

Nach dem Tode des Feldlaum gab seine Frau noch an, er habe kurz zuvor in der Ostendorfer Mark ein Rind geschossen und in sein Haus geschleppt. Es ist wohl kein Bauernhof in Borghorst, der nicht heimgesucht worden ist.

 

Unter den Bewohnern von Borghorst sind noch viele Erzählungen von Begebenheiten im Umlauf, die nicht alle in den Akten verzeichnet sind.

 

So gingen z.B. an einem Sonntagmorgen zwei Kötter aus dem "Füchten" in Ostendorf zusammen mit Feldlaum von der Kirche nach Hause. Sie unterhielten sich darüber, dass einem Bauern in Ostendorf das Fleisch aus dem Pökelfass geholt sei. "Das kann mir nicht passieren", bemerkte der eine. "Ich habe meinen Speck gut versteckt." Man wunderte sich weiter darüber, dass die Diebe überall alles finden konnten. Gelegentlich fragte denn auch Feldlaum, wo er es denn so vorsichtig aufbewahre, dass niemand es finden könne. Da erzählte der andere ganz harmlos, es stecke auf dem Boden hinter Heu und Stroh.

 

Als Feldlaum sie verlassen hatte und die beiden Kötter allein weiter gingen, sagte der eine zu dem harmlosen Erzähler: "Ich will dir einen guten Rat geben. Hol' heute Abend deinen Speck herunter. Sonst ist er morgen früh verschwunden." Das leuchtete diesem zuletzt auch ein, und er handelte nach dem Rat. Am anderen Morgen war er sehr erstaunt. Von draußen war jemand mit der Leiter auf das Dach gestiegen und hatte durch das Strohdach ein Loch gemacht. Auf dem Boden war alles durchgewühlt.
 

Die Regierung in Münster wurde aufmerksam auf das Treiben der Räuberbande, und am 6. Januar 1820 lief ein Schreiben ein mit folgendem Inhalt: "Aus der unterm 31. v.M. eingereichten Übersicht der im letzten halben Jahr begangenen Verbrechen haben wir ungern die vielen und alle unentdeckt gebliebenen Diebstähle wahrgenommen, die in Ihrem Bezirk stattgefunden haben. Es wird dem Bürgermeister Lanver eine bessere Aufsicht anempfohlen."

 

Aus den Akten geht auch hervor, dass die Räuberbande Helfer und Hehler hatte in Horstmar und Laer, denn dort wurden öfters gestohlene Sachen wieder gefunden.
 

Mehrere Jahre (von 1816 bis 1820) hatte Feldlaum mit seinen vier Genossen sein Unwesen getrieben. Jeder wusste, dass er der Dieb und Räuber sei, der die ganze Gegend unsicher machte. Oftmals war bei ihm schon Haussuchung gehalten. Noch öfters hatte er zum Rathaus kommen müssen, weil der Verdacht stets auf ihn ging. Aber mit der unschuldigsten Miene stand er vor dem Bürgermeister und wunderte sich, dass die Leute so schlecht von ihm dächten, da er doch keinem etwas zuleide getan hätte. Noch nie war es geglückt, ihn auf frischer Tat zu ertappen.

 

Da schlug endlich auch für ihn die Schicksalsstunde. Er hatte mit seinem Genossen Anton Völker Streit bekommen. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel. Im Verlauf desselben machte Feldlaum dem anderen den Vorwurf, er gebe nicht alles von seiner nächtlichen Beute ab, sondern sorge für seine eigene Tasche. Völker war darüber schwer erzürnt und sann auf Rache.

 

Im Geheimen ging er zum Bürgermeister und zeigte diesem an, dass für die Nacht vom 25. zum 26. Januar 1820 ein Überfall auf Nünningsmühle in der Bauerschaft Dumte geplant sei. Er selbst werde mit dabei sein müssen, er bäte aber um Schonung.

 

Sofort wurde die Ergreifung der Räuberbande beschlossen. Die Ausführung des Planes wurde dem Gendarmen Reinhardt übertragen. Dieser wählte sich aus den Eingesessenen des Dorfes elf handfeste Männer aus, die ihn begleiten sollten, nämlich Alex von den Hoff und dessen Söhne Wilhelm und Alex, Joseph Vorspohl, A.F. Hilmers, der Sekretär auf dem Amt war, Joseph Heckmann genannt Frahling, Melchior Brincks, Melchior Hageböck, Franz Terlau, Bernhard Frieling und Ferdinand Eick.

 

Es war eine sternenhelle, kalte Winternacht. Mit Gewehren und anderen Waffen wohl versehen, versammelten sich am Abend die zwölf Männer in der Wirtschaft A. Hampfen. Zur Hebung des Mutes nahmen sie auf Gemeindekosten 1 Liter Schnaps mit. Vor dort aus marschierten sie nach Dumte und verteilten sich zu je vier auf die der Mühle benachbarten Höfe Nünning, Vissing und Leusing, um von dort die Bande zu überrumpeln und dingfest zu machen. Es schlossen sich ihnen noch an Schulze Nünning mit seinem Bruder Hermann, Melchior Vissing und dessen Knecht Berndt Hinrich Merker und Melchior Leusing mit seinem Knecht.

 

Während sie nun in den Häusern warteten, waren drei Mann als Wachtposten ausgestellt. Nach Mitternacht meldeten die Wachen, Feldlaum sei mit seinen vier Genossen soeben angekommen und sofort ans Werk gegangen. Sogleich brachen sie alle auf und umstellten die Mühle, um ein Entkommen der Räuber zu verhindern. Diese aber merkten die Gefahr, die ihnen drohte und setzten sich zur Wehr. Es entspann sich ein heftiges Gefecht. Feldlaum stand gut geschützt hinter einer dicken Eiche und sandte den Angreifern Schuss auf Schuss entgegen. Auch die anderen wehrten sich lebhaft.

 

Plötzlich brach der Hauptmann Feldlaum zusammen. Um besser zielen zu können, hatte er sich etwas hinter dem Baum hervorgewagt. Da wurde er von einer Kugel in die Brust getroffen. Als die anderen ihren Führer fallen sahen, entsank ihnen der Mut. Der Angeber Völker, der sich nur zum Schein gewehrt hatte, gab sich gefangen. Seinem Beispiel folgte Schmitz. Er warf seine Waffen fort. Die beiden anderen, Wemhoff und Niemann, entkamen in die nahen Büsche und verschwanden in der Dunkelheit.

 

Feldlaum war schwer verwundet und wurde sofort auf einem Wagen nach Burgsteinfurt gebracht. Im Triumph führte man die beiden gefesselten Räuber nach Borghorst, wo sich die frohe Kunde schon verbreitet hatte. Noch am selben Tage fand bei Wirt Melchior Heuping das erste Verhör des Räubers Schmitz und des mit ihm gefangenen Angebers Völker statt. Dann wurden sie beide nach Burgsteinfurt gebracht.

 

Die beiden Haupträuber Wemhoff und Niemann hatten sich über Burgsteinfurt nach Ochtrup gewandt. Am 13. Februar kam die Nachricht von Bentheim, dass sie dort verhaftet seien. Sie saßen später auch in Untersuchung in Burgsteinfurt.
 

Dem Landratsamt und der Regierung zu Münster wurde sofort Mitteilung gemacht, dass die berüchtigte Bande unschädlich gemacht sei. Den Männern, die bei der Ergreifung der Räuber mitgeholfen hatten, wurde von der Königlichen Regierung zu Münster ein besonderes Lob gespendet, und dem Bürgermeister Lanver wurde aufgetragen, diesen die Anerkennung der Regierung zu übermitteln.

 

Feldlaum lag einige Tage im Krankenhaus zu Burgsteinfurt und starb Anfang Februar.
 
Welche Strafe die Räuber erhalten haben, ist nicht mehr bekannt. Das Landratsamt und auch das Amtsgericht in Burgsteinfurt teilten auf eine Anfrage mit, dass die alten Berichte und Gerichtssachen so lange nicht könnten aufbewahrt werden, und die Akten seien deshalb vor längeren Jahren verbrannt worden. Auch in den Akten zu Borghorst ist keine Notiz darüber zu finden.
 
Nach dem Tode des Feldlaumann wurde die Ehefrau am 15. Februar nach Münster zum Zuchthaus gebracht, weil sie mit Teil hatte an den Räubereien. Gleich nach dem Tode des Feldlaum nahm man eine Haussuchung nach gestohlenen Sachen vor. Da wurde man sehr überrascht. Schon früher hatte man öfters Haussuchung gehalten, aber man hatte nie etwas gefunden. Jetzt entdeckte man das Geheimnis. Im Garten vor dem Hause und zwar rechts vor der Tür befand sich in der Erde eine Höhle, in der wohl 6 Personen Platz finden konnten. Dort waren viele gestohlene Sachen untergebracht. Es fand sich Bettzeug, Garn, Flachs, Hemden, Kleider, weiße Taschentücher, ein silbernes Halskreuz, Scheren, Nähzeug und ein kupferner Kessel.

Alle diese Sachen wurden vom Bürgermeister in Verwahr genommen und den sich meldenden Eigentümern zurückgegeben. Das ganze Eigentum des Feldlaum wurde beschlagnahmt. Als nach zwei Jahren die Witwe aus dem Zuchthaus zurückkehrte, war das Haus abgebrochen und das Land verpachtet. Sie selbst ging zu ihren Verwandten nach Neuenkirchen.
 

Alles Eigentum des Feldlaumann wurde im folgenden Jahre von Gerichts wegen verkauft, um die Kosten des Prozesses und der Verpflegung der Kinder decken zu können.

 

An der Stelle, wo das Haus des Räubers stand, wurde ein neues gebaut, und wer dort heute einkehrt, lässt sich noch gern erzählen von früheren Zeiten, als in Borghorst noch hauste: Feldlaum, der Räuberhauptmann von Ostendorf.
 

Text: Hubert Große Osterholt, Kaplan in Walsum am Rhein; (erschienen in: „Münsterland“, Monatsschrift für Heimatpflege, Januar 1920)

Textbearbeitung: Wilhelm Alff


 

Home     Impressum     Statistik