Das Neujahrskuchenbacken

 

Eine jahrhunderte alte, schmackhafte Tradition am offenen Herdfeuer

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Eine uralte Tradition, die bereits im Begriff war, auszusterben, erlebt zur Zeit eine kleine Renaissance: das Backen von Neujahrskuchen, in der plattdeutschen Sprache Niejoahrskoken genannt. In anderen Regionen bezeichnet man dieses Gebäck, das in handgeschmiedeten Backeisen in der offenen Glut gebacken wird, auch als Eiserkuchen.

 

Bereits im 13. Jahrhundert gab es Hinweise, dass in den Niederlanden Backeisen in Gebrauch waren, ebenso ist bekannt, dass in Frankreich im 16. Jahrhundert bei hohen Kirchenfesten Waffeln gebacken und an die Bevölkerung verkauft wurden. Die Münsterländer behaupten gerne, dass die Familientradition der Neujahrskuchenbäckerei am offenen Kamin in erster Linie in ihrer Region zu Hause ist, aber es ist sehr viel weiter verbreitet gewesen.

 

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Jugendzeit auf Borkum, als ich zu Hause am Kochherd mit ähnlichen Eisen wie hier im Münsterland ebenfalls Neujahrskuchen gebacken habe. Damals kochten wir noch auf dem Kohleherd (einen mit herausnehmbaren Ringen an den Kochstellen!).

In die Glut schoben wir unser Waffeleisen (wir verwendeten nur eins). Allerdings war der Teig etwas anders, ziemlich dünnflüssig und der Abstand zwischen den beiden Eisenplatten geringer, daher wurden unsere Neujahrskuchen hauchdünn, knusperzart und ließen sich aufrollen. Diese ostfriesischen Neujahrskuchen gibt es auch heute noch, allerdings wird jetzt ein elektrisches Waffeleisen verwendet. - Anm. d. Autors

 

Bild 1 - Eine Postkarte vom Verlag H. Schultz aus der Zeit um 1900.

Das Bild zeigt das Neujahrskuchenbacken auf dem Hof Schulze Leugering in der Bauerschaft Hollich um die Jahrhundertwende

Eine Hochburg der Neujahrskuchenbäckerei rings um Steinfurt waren die Bauerschaften wie z.B. Hollich und Sellen. Hier lebte lange die Familientradition um den Jahreswechsel herum, also etwa von Weihnachten bis in den Januar hinein, an offenem Kamin oder Feuerstelle die beliebten und duftenden, flachen und knackigen Niejoahrskoken zu backen. Jeder Hof hatte in der Regel eigene Backeisen mit eingravierten Motiven, die meistens einen Bezug zur Familie, dem Ort oder besonderen Ereignissen aufwiesen. So fanden sich oft Namen und Initialen, Hochzeitsdaten, Wappen, Handwerkszeichen, Hofansichten, Windmühlen, Blumen und Mandalamotive auf den Platten.

 

Auch die Teigrezepte waren von Hof zu Hof unterschiedlich und wurden von Generation zu Generation weitergegeben. So hatte jede Familie ihr eigenes bewährtes Rezept mit den unterschiedlichsten Zutaten und Mengenangaben. Siehe hierzu auch unsere Rezeptecke!

 

Durch die unterschiedliche Anwendung der Gewürze wie frisch gemahlener Zimt, Anis, Sternanis, Koriander und Kardamom entstanden unverwechselbare und den einzelnen Familien zuzuordnende Neujahrskuchen.

 

Zur Vorbereitung der Feuerstelle bevorzugten die Männer 2 - 3 Jahre altes Buchen- und Birkenholz. Der traditionelle Teig wurde von den Frauen am Tag zuvor geknetet, der kurz vor dem Backen zu kleinen Teigkugeln, Rullen genannt, geformt wird.

 

Bild 2 - Neujahrskuchen backen Silvester 1934 ...

Bild 3 - auf dem Hof Lauff in der Bauerschaft Sellen

 

Wie auf Bild 2 und 3 zu sehen ist, ist das Neujahrskuchenbacken auch ein gesellschaftliches Ereignis für die ganze Familie, Freunde und Bekannten. Schon früh am Morgen ging es los und zog sich bis zum späten Abend hin. Da wurde so manches Pfeifchen geschmaucht und auch so manches Schnäpschen gekippt, so dass die "Bäcker" und "Bäckerinnen" ein ganz schönes Durchstehvermögen an den Tag legen mussten, um es bei der zusätzlichen enormen Hitze vor der offenen Feuerstelle aushalten zu können. Zwar wurde laufend abgewechselt, aber dennoch: es waren lange Tage.

Da einige Mitglieder unserer Redaktion noch nie ein Neujahrskuchenbacken miterlebt hatten, schlug auch für sie die große Stunde am 30. Dezember 2006: Die Familie König in Sellen lud ein zum traditionellen Niejoahrskokenbacken, und wir haben natürlich mal wieder alles in Bild und Schrift festgehalten!

 

Bild 4 - Der Teig war am Vorabend bereits hergestellt worden.

Jetzt werden kurz vor dem Backen zunächst aus Teigstücken

längliche Rollen geformt, ...

Bild 5 - die dann wiederum in kleine gleichgroße

Scheiben zerteilt werden.

Bild 6 - Aus diesen Scheiben formt man nun kleine Teigkugeln, "Rullen" genannt.

 

Bild 7 - Die beiden Backeisen liegen bereits zum Vorwärmen in der Glut. Das Feuer wurde schon einige Zeit zuvor angefacht, denn die Eisen liegen beim Backen nicht zwischen den brennenden Holzscheiten oben auf dem Rost, sondern unten in der wesentlich heißeren Glut.

Gehen wir zunächst noch einmal auf die Backeisen ein. In der Regel arbeitet der "Bäcker" mit 2 Eisen gleichzeitig im Wechsel. Ist die Feuerstelle größer als bei unserer Aktion (s. Bild 2 und 3), können eventuell auch mehrere Leute ihre Eisen gleichzeitig im Feuer haben, aber auch dann ist üblich: 2 Eisen pro Mann (oder Frau).

 

Die beiden Eisen sollten möglichst gleiche Merkmale aufweisen in Bezug auf Backzeit, d.h. Stärke und Materialbeschaffenheit der Platten sollte gleich sein. Im anderen Fall wird es kaum gelingen, einen gleichmäßigen Ablauf des Backvorgangs mit den beiden Eisen zu erreichen.

Mehr Informationen über die Beschaffenheit der Backeisen finden Sie in unserem Bericht über die Herstellung solcher Eisen.

 

So, nun starten wir einfach mal, denn die Eisen sind mittlerweile heiß.

 

Bevor die Teigkugel eingelegt werden kann, müssen zunächst die beiden Plattenflächen des Backeisens gefettet werden. Dieser Vorgang ist aber nur einmal vor Beginn des Backvorgangs erforderlich. Anschließend werden die Platten durch den Fettgehalt des Teigs gefettet.

 

Bild 3 - Man nimmt für das Einfetten am Besten eine Speckschwarte,...

Bild 9 -  wie das seit alters her üblich ist.

Bild 10 - Noch mal richtig aufheizen, ...

 

Bild 11 - und dann geht's los.

 

Dann werden die beiden Backeisen noch einmal richtig erhitzt, denn sie waren schon ein wenig abgekühlt. Wenn sie wieder auf Temperatur sind - das stellt man am Besten durch eine Backprobe fest (der Teig im Eisen muss beim Zusammenpressen pfeifen, daher auch Piepkuchen) - werden nacheinander beide Eisen mit der "Rulle" versorgt. Wenn das zweite Eisen in die Glut geschoben wird, ist bei der richtigen Temperatur und der richtigen Glut das erste Eisen bereits fertig. 

 

Es wird nun aus der Glut gezogen, geöffnet und der Neujahrskuchen entnommen. Dafür nimmt man am Besten ein Spatel, breites Messer o.ä., ganz Abgebrühte machen das natürlich mit den Fingern, und der Kuchen landet in einem Flechtkorb oder wie in unserem Fall in einer luftigen Kiste zum Abkühlen. Eine neue "Rulle" wird eingelegt, das Eisen zusammengepresst und nach dem Pfeifen des Teigs geht es wieder in die Glut, aber bei jedem Backvorgang um eine halbe Drehung versetzt. Die Platte, die vorher oben war, ist nun unten.

 

Das ist sehr wichtig, damit beide Platten immer gleich heiß bleiben!

 

Bild 12 - Und so geht es jetzt immer abwechselnd weiter. Im Grunde ist stets ein Eisen in der Glut, beim anderen wird zunächst entladen und dann wieder gefüllt usw. Somit wird auch klarer, warum pro Mann nur 2 Eisen eingesetzt werden können.

Bild 13 - Hier verrät ein Könner seines Fachs die notwendigen Tipps und Tricks an seine aufmerksamen Zuschauer, damit nicht nur er die ganze Zeit an seinem heißen Arbeitsplatz verbringen muss, sondern auch die anderen sich ein Paar warme Füße und mehr abholen können.

   

Bild 14 - Und so geht es weiter: Eisen 2 o.k. (man achte auf die Textilwickel der Eisen: ohne wären die Stangen so heiß, dass man sie

gar nicht mehr anfassen könnte, farbig zum besseren Unterscheiden, wenn man nicht gerade so farbenblind ist wie ich - Anm. d. Autors)

Bild 15 - Eisen 1 fertig, Eisen 2 wartet schon wieder. Boah ey,

was für'n Stress. Nicht mal Zeit für ein kühlendes Schlückchen

aus der Flasche mit Hopfenkaltschale in der Bildmitte!

Bild 16 - Die runden Kügelchen auf dem Teller müssen noch,

die platten daneben im Kasten haben es schon hinter sich!

Bild 17 - und weiter geht's, einlegen, pressen bis zum Pfiff und ab in die Glut, aber immer um 180 Grad gedreht! (siehe weiter oben)

 

Nun war es auch früher schon so, dass an den Backeisen in regelmäßigen Abständen abgelöst wird, denn erstens ist es ganz schön schweißtreibend warm am Feuer, zweitens ist man ständig und ohne Verschnaufpause "in action" und drittens sind die Eisen auch nicht gerade die leichtesten, nämlich so um die 5 kg das Stück. Die packt man allerdings am äußersten Ende an und das bedeutet daher für unsere lediglich durch Schreibarbeiten und Betätigung der Fernbedienung für das Fernsehgerät gestählte Muskulatur schon echte Knochenarbeit. Also, auf geht's Buam, der nächste Herr, die selben Eisen.

 

Wer tauscht als nächster seine Flasche Bier gegen 2 heiße Backeisen? Klicken Sie hier, dann erfahren Sie es!

 

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Text: Willi Tebben

Bild 1: Verlag H. Schultz ca.1900 - Postkarte Neujahrskuchen backen auf dem Hof Schulze Leugering in Hollich

Fotos: Fotohaus Kiepker-Balzer (Bild 2 und 3); Willi Tebben (Bilder 4 - 17)

 

Neben den mündlichen Erklärungen während des Backens stand mir als zusätzliche Literatur zur Verfügung:

Der Bericht "Eine schmackhafte Tradition" von Beate Knüpp, erschienen im Münsterland Magazin 4/2005 im Tecklenborg Verlag, Steinfurt


 

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