Erinnerungen an das Schneechaos
 

Zum Jahrestag der Schneekatastrophe im Münsterland am 25. November 2005
 

Während in vielen Gaststätten, Kneipen und Diskotheken im Münsterland an diesem Tag "Licht aus"- oder "Strom weg"-Partys gefeiert werden, wollen wir dieses denkwürdige Jubiläum mal zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wie man sich in Zukunft ein wenig besser auf solche chaotischen Verhältnisse vorbereiten kann. Erinnern Sie sich noch an diese Bilder, die seinerzeit das Bundesgebiet erschütterten?

 

Bild 1 - Hier fließt garantiert kein Strom mehr!

 

Bild 2 - Eine demütige Verbeugung vor den Naturgewalten?

Beginnen wir nun zur Erinnerung mit einer authentischen Geschichte, die das Leben schrieb und von dem zu diesem Zeitpunkt 10-jährigen Schüler Björn Weiner aufgeschrieben wurde.

 

Münsterland ohne Strom
(von Björn Weiner)

Ein ungewöhnliches und abenteuerliches Wochenende spielte sich Ende November 2005 ab. Was uns da passiert ist, will ich Euch berichten:

Es war die schlimmste Schneekatastrophe der Nachkriegsgeschichte im Münsterland eingetreten.
 

250.000 Haushalte waren ab Freitag 20.15 Uhr ohne Strom. Schon am Nachmittag waren ab und zu Stromschwankungen eingetreten. Deswegen suchten wir schon einmal alle Taschenlampen und Batterien zusammen, die wir finden konnten.
Meine Eltern wollten noch zu der Geburtstagsfeier unseres Nachbarn. Meine kleine Schwester Kari war bei ihrer Freundin Carina auch zum Schlafen. Deswegen waren meine große Schwester Randi und ich allein zu Hause. Wir spielten am Abend Gesellschaftsspiele und guckten fern. Als dann das Licht ausging, erschraken wir. Dann machten wir eine Taschenlampe an und gingen in den Flur, wo das Handy meiner Schwester lag. Wir riefen unsere Eltern an. Diese waren gar nicht überrascht, als wir anriefen. Bei ihnen wurde gerade die Hauptspeise serviert, als der Strom ausfiel.


Deswegen kam mein Vater auch erst nach einer dreiviertel Stunde. Als er dann endlich durch den hohen Schnee zu Hause war, kam er nicht die Auffahrt hoch. Deswegen mussten wir bei unseren Nachbarn klingeln, die und wir mussten das Auto hochschieben.
In Haus zündeten wir mit meinem Vater zusammen Kerzen an. Das gab eine gemütliche Atmosphäre. Dann machten wir noch den Kamin an, so wurde uns wenigstens nicht kalt. Unser Vater hat später die ganze Nacht alle Stunde Holz nachgelegt. Später holten wir unser Campingkochset und den Fonduebrenner aus dem Keller hinauf. In dem Campingset war ein kleiner Topf mit Deckel. Den Topf füllten wir mit Wasser und stellten ihn mit dem Deckel in den Kamin. Nach einer Weile konnten wir den Topf mit Spezialzangen wieder entnehmen. Aus dem Wasser machten wir uns heißen Tee. Aber wir tranken nicht alles, wir machten auch ein paar Thermoskannen voll mit heißem Wasser. Das Wasser „sparten“ wir fürs Spülen. Auf dem Fonduebrenner haben wir unser Essen warm gemacht. So weit ging es uns noch ganz gut.

Wir Kinder freuten uns über den Schnee: Endlich genug Schnee zum Rodeln und für Schneeballschlachten!!!! Ich ging mit meiner Schwester zu einem kleinen Rodelberg. Dort trafen wir unsere Freunde Phil, Carina, Jan, Kevin + Sarah Melchers und noch viele andere. Den ganzen Vormittag sind wir gerodelt. Wir haben uns auch noch eine kleine Schanze selbstgebaut. Dort fuhren wir oft hinunter.

Der Strom war bis Sonntagmorgen 6 Uhr ausgefallen. Wie wir später hörten, waren durch die Schneemassen die Überlandstromleistungen gerissen. Sie wurden notdürftig repariert und deshalb hatten wir so lange keinen Strom. Dadurch funktionierte weder das Licht, noch die Heizung, die ja elektrisch gesteuert wird, noch der Elektroherd, noch Telefon oder Handy und auch den Fernseher konnten wir nicht gebrauchen. Zum Glück hatten wir noch ein altes Radio, in das wir Batterien steckten, damit wir Nachrichten hören konnten.
Für alle, die keinen Kaminofen hatten und bei denen die Wohnungen jetzt sehr kalt wurden, fuhr das Rote Kreuz durch die Straßen und gab durch den Lautsprecher bekannt, dass in der Feuerwache eine Aufwärmstation mit einer Suppenküche eingerichtet wurde. Dort konnte man sich wieder aufwärmen, da war geheizt und es gab Suppe aus der „Gulaschkanone“.
 

Vor dem Feuerwehrgerätehaus stand eine Imbissbude für Grillwürstchen und Pommes. Wir wohnen nicht weit von der Feuerwache entfernt und hatten das Licht dort gesehen. Deshalb beschlossen wir, eine Nacht- und Schneewanderung zu machen und zu sehen, was dort los ist. Dort hatte das Handy meiner Mutter auch wieder Empfang, weil auf dem Feuerwehrgelände ein Funkmast mit Notstrom stand. So konnten wir meinen Großvater in Gütersloh anrufen und sagen, dass es uns gut geht. Er hatte von der Katastrophe und dem Stromausfall in der Tagesschau gesehen und machte sich Sorgen um uns, aber bei uns war ja alles halb so schlimm!!!

Am Sonntag sollte eine Sportgala stattfinden. Dazu hatte unsere Fechtgruppe eine Vorführung eingeübt und meine kleine Schwester wollte mit ihrer Ballettgruppe einen Tanz aufführen. Auch unser Verein „Breitensport“ wollte aus den verschiedenen Gruppen einiges zeigen. Aber durch den Stromausfall war auch die Sporthalle kalt und wegen des Katastrophenalarms fiel diese Sportgala aus. Sie soll im Januar 2006 nachgeholt werden. Die Eintrittsgelder der Zuschauer waren gedacht für unser neues Stadion.

Im Radio hörten wir, dass am Montag für alle Schüler schulfrei war. Meine Eltern mussten aber zur Arbeit. So waren wir vormittags allein zu Haus, als der Strom gegen 12 Uhr wieder ausfiel. Zum Glück kam meine Mutter etwas früher nach Haus und wir machten sofort den Kamin wieder an.

Eine 80 Jahre alte Frau lebt allein in ihrem Haus in unserer Nachbarschaft. Am Montagabend bei dem zweiten Stromausfall stand plötzlich ein Einsatzwagen des Roten Kreuzes vor ihrer Tür. Eine andere Nachbarin hatte die alte Dame den ganzen Tag nicht gesehen und getroffen und hatte die Polizei angerufen. Die befürchteten einen Notfall und schickten das Rote Kreuz zum Nachsehen. Die alte Nachbarin machte aber die Tür nicht auf. Darum riefen die Sanitäter die Feuerwehr dazu. Herr Pöhlker von der Feuerwehr ging mit dem Megaphon rund ums Haus und rief durch alle Fenster: „Frau XY, machen Sie mal die Tür auf, hier ist die Feuerwehr!“ Dann holten die Feuerwehrmänner Geräte, um die Haustür aufzubrechen. Doch im letzten Moment sah Frau XY durch eine Fensterscheibe und eilte zur Haustür, um der Feuerwehr aufzumachen. Sie war schon im Bett gewesen und hatte von der Aufregung nichts gehört, weil sie geschlafen hatte und ihr Hörgerät ausgeschaltet hatte.

Auch am Dienstag war schulfrei. Da aber am Abend vorher der Strom noch nicht wieder eingeschaltet war, durften wir nicht allein zu Hause bleiben. Meine Schwestern fuhren mit zum Arbeitsplatz meiner Mutter. Ihr Chef hatte das erlaubt. Ich wollte aber lieber mit meinem Vater nach Emsdetten zu seiner Arbeit fahren. Ich durfte mit ihm Firmenbesuche machen und habe die Weihnachtsgeschenke seiner Firma getestet: Einige der Feuerzeuge waren leer, die haben wir dann nachgefüllt. Später durfte ich bei einem Bewerbergespräch zuhören. In der Mittagspause habe ich mit meinem Vater und seinem Kollegen Döner gegessen. Ich durfte auch am Computer schreiben. Spielen darf man dort nicht, die Angestellten sollen ja arbeiten, deswegen wurden Internetseiten mit Spielen gesperrt.
Dienstags morgens um 3 Uhr war zwar der Strom wieder da, aber wir wussten nicht sicher, ob er auch eingeschaltet bleibt, deshalb sind wir trotzdem mit unseren Eltern gefahren. In Ahaus und Emsdetten war die Situation nicht so schlimm und die Heizungen funktionierten.

Hinterher haben wir gehört, dass die Lebensmittel in vielen Gefriertruhen und Kühlschränken durch den Stromausfall verdorben waren. Viele Familien haben dadurch viele hundert Euro Schaden gehabt. In manchen Wohnungen war es nur noch 4-6 Grad warm- oder kalt! Viele ältere Menschen hatten an diesen Tagen keine warme Mahlzeit. Die Bauern hatten Probleme bei der Versorgung des Viehs. Viele Firmen konnten nicht richtig arbeiten. Besonders schlimm war es in Ochtrup. Die Menschen dort hatten bis Freitag, also fast eine ganze Woche keinen Strom!!!
 


 

Bild 3 - Die Riesen-Strommasten knickten unter den

Schneelasten wie Streichhölzer um. (MZ-Foto Archiv)

Nun ist bei dieser Schneekatastrophe nicht alles optimal gelaufen. Vieles, was man unter normalen Umständen hervorragend beherrscht, ging in der eisigen Zeit ohne Strom und somit ohne Licht und Heizung einfach in der Hektik unter.

 

Daher möchten wir für den zwar relativ unwahrscheinlichen aber möglichen Fall, dass sich so was wiederholt, ein paar Tipps, Tricks und auch Informationsquellen, wo Sie sich noch wesentlich umfassender beraten lassen können, an dieser Stelle aufzeigen.

Zunächst wollen wir uns mal über etwas Grundsätzliches im Klaren sein:

 

Ohne Strom geht eigentlich gar nichts.

 

Kein Licht, keine Heizung (Kamin und/oder Öfen mal ausgenommen), Elektro-, Gas- bzw. Induktionsherd tun's auch nicht, kein Fernsehen, kein Telefon (auch Handys haben so ihre Probleme!), und, was viele ebenfalls nicht bedenken: auch die Geräte wie Kühl- und Gefrierschränke bzw. -truhen stellen ihre wichtigste Tätigkeit, das Kühlen, einfach ein. Wer jetzt also kein Notstrom-Aggregat und die dazugehörigen Anschlüsse zur Stromversorgung der Geräte besitzt, hat in so einem Fall ziemlich schlechte Karten.

 

Das Ganze ist aber nicht so hoffnungslos, wie es nach den Zeilen oben den Anschein hat. Man kann ein Black-Out, auch wenn es länger dauert, durchaus gut überleben. Die Münsterländer haben es im November 2005 eindrucksvoll bewiesen.

Man muss zunächst ein paar ganz wichtige Grundregeln beherzigen:

1. Ganz ruhig bleiben - aufkommende Panik vergessen, Gehirn einschalten!

2. Sollte der Strom nach kurzer Zeit nicht zurückkehren und Sie kein Notstromaggregat haben: vergewissern Sie sich erst mal, ob es sich überhaupt um einen generellen Stromausfall handelt oder ob bei Ihnen lediglich die Sicherung oder der Fehlerstromschutzschalter rausgeflogen ist. Wenn Ihre Nachbarschaft und die Straßenbeleuchtung ebenfalls im Dunkeln liegt, handelt es sich wirklich um einen so genannten Black-Out, dann sollten Sie für Notbeleuchtung sorgen, z.B. Kerzen anzünden (aber dabei bitte die erhöhte Brandgefahr beachten!!!)

3. Lassen Sie Ihre Gefriereinrichtungen geschlossen, auch nicht zur Kontrolle, ob die Innenbeleuchtung Ihrer Geräte wirklich aus oder ob der Fleischvorrat bereits am Auftauen ist. Jedes Öffnen der Tür verkürzt die Zeitspanne, bis der Auftauvorgang beginnt. Beim Kühlschrank ist dieser Zeitraum natürlich wesentlich kürzer. Während der Schneekatastrophe war das aber nicht so ein großes Problem: Als der Kühlschrank nicht mehr funktionierte, war es draußen sehr kalt (Schnee!). Also ab mit dem Inhalt des Kühlschranks, allerdings sicher verpackt und geschützt gegen den Zugriff von unserer sicht- und unsichtbaren Tierwelt, nach draußen auf den Balkon oder andere geeigneten Örtlichkeiten.

4. Da in den meisten Fällen auch ein Kochen nicht möglich ist: Grillen Sie mal wieder (Elektrogrill fällt zwar flach, aber vielleicht besitzen Sie ein Holzkohle- oder Gasgrill). Kann man für alles nutzen, auch zum Kaffeewasser kochen. Nutzen Sie auch mal wieder den Fonduetopf z.B. zur Heißwasserbereitung oder den "Heißen Stein" zum Grillen im Wohnzimmer. (Der Stein muss nicht unbedingt im Backofen vorgewärmt werden, dieser funktioniert ohne Strom ohnehin nicht, sondern lässt sich auch mit den kleinen Spiritusbrennern auf Temperatur bringen. Dauert eben nur länger. Da Sie ohnehin kein Fernsehen gucken und auch nicht lesen oder am Computer arbeiten können, haben Sie doch jede Menge Zeit. Außerdem wärmt das Teil die nähere Umgebung mit. - Anm. d. Red.)

5. Denken Sie bitte dran, dass Ihr Nachbar vielleicht diese Möglichkeiten nicht hat. Vergewissern Sie sich, ob er eventuell Ihre Hilfe benötigt! Außerdem freut er sich garantiert über eine Portion heißes Wasser für einen wärmenden Drink.

(Aber bitte unbedingt daran denken: ohne Strom tut's auch die Klingel nicht!!!)

6. Sollten Sie trotz Stromausfall in der Lage sein, Ihre Wohnung oder wenigstens einzelne Zimmer heizen zu können (vor allem im Winter bei grimmiger Kälte), laden Sie bitte Ihre Nachbarn, die in der eiskalten Wohnung ausharren müssen, zu einer Aufwärmrunde zu Ihnen ein. Aufgrund der Erfahrungen im November 2005 im Münsterland können wir feststellen, dass so was der Nachbarschaft oft ganz gut getan hat. Und man hatte wieder Zeit füreinander und miteinander!

7. Achten Sie besonders auf die Lautsprecherdurchsagen des Katastrophenschutzes, des DRK, der Feuerwehr, der Hilfsdienste oder anderen Hilfseinrichtungen für Notfälle. Hier bekommen Sie wertvolle Hinweise und Informationen, wo Sie Hilfe bekommen können!

 

Bild 4 - Na, geht doch! ...

 

Das sollten Sie, je nach Bedarf, griffbereit und in ausreichenden Mengen zur Hand haben (und immer daran denken: Der Strom fällt in der Regel aus, wenn es dunkel ist und Sie zum Suchen eigentlich Licht brauchen!):

 

- Taschenlampen

- ausreichender Kerzenvorrat

- Streichhölzer bzw. Feuerzeuge (äußerst wichtig!!!)

- Spiritus für die speziellen kleinen Brenner

- genug Benzin für Notstromaggregate falls vorhanden

- Batterien für das Kofferradio (wegen der wichtigen Meldungen und Informationen im Katastrophenfall)

- Gas für den Gasgrill falls vorhanden

- Holzkohle für den Gartengrill

- rechtzeitig vergewissern, wo der Grill überhaupt steht

-

 

 

Diese Liste wird ständig erweitert, wenn uns noch was Wichtiges einfällt oder neue Erkenntnisse gewonnen werden. Wir freuen uns außerdem sehr über jede Anregung von Ihnen, die uns hilft, für Sie eine möglichst komplette Liste für  a l l e  eventuellen Notfälle dieser Art zusammenzustellen. Wir werden möglichst bald eine druckfähige Variante als Strichliste auf unserer Download-Seite anbieten. (Wenn es soweit ist, wird der vorherige Satz gegen einen entsprechenden Link ausgetauscht. - Anm. d. Red.)  

 

 

 

 

Bild 5 - ... man muss sich nur zu helfen wissen


 

Weitere wichtige Informationen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe u.a. zum Verhalten im Notfall finden Sie auf deren Homepage unter der Adresse www.bbk.bund.de und auch in unserem Downloadbereich.


Wird fortgesetzt!
 


Text: Willi Tebben

Aufsatz "Münsterland ohne Strom": geschrieben von Björn Weiner

Text Bild 3: Münstersche Zeitung, erschienen am 24.11.06

Fotos: WDR, Sendung Aktuelle Stunde am 27.11.05 (Bilder 1 und 2); MZ-Foto Archiv (Bild 3); Rudolf Kreienkamp (Bild 4); Willi Tebben (Bild 5)
 



 

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