Jugenderinnerungen

 

Burgsteinfurt 1903 - 1906
 

Niedergeschrieben von Wilhelm Jaspersen

 

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Es war ein glückliches Kinderland und eine glückliche Zeit, in der wir acht Geschwister Jaspersen in unserer Heimatstadt Hadersleben aufgewachsen sind. Unsere Heimat war bei meiner Geburt erst 19 Jahre deutsch, aber keiner von uns hat jemals daran gezweifelt, dass sie auch immer deutsch bleiben würde. Das geeinte Deutschland mit seinem ungeheuren Aufschwung in jeder Beziehung war unser Stolz. Man lebte damals bis zum Weltkriege in so wohlgeordneten, so glücklichen und nach jeder Richtung hin gesicherten Verhältnissen, wie das unsere heutige Generation sich gar nicht vorstellen kann. Für unsere Generation, die nun zwei Weltkriege erlebt hat, durch zwei Revolutionen und durch Inflation und Deflation hindurch gegangen ist, ist jene Zeit wie ein schöner Traum.

Aus meinen Kindertagen ist mir unser Vater noch in lebhafter Erinnerung. Ich sehe ihn als stolzen Reiter noch vor mir, wenn er auf seinem, täglichen Morgenritt vom Pferde herab mit der Reitpeitsche an das Fenster unseres Schlafzimmers draußen in Fredstedt klopfte und lachend seine drei Jüngsten aus den Betten holte. Er war auch ein kühner Schwimmer, der mit uns auf dem Rücken weit in die Ostsee hinaus schwamm, er kannte keine Furcht und wir daher auch nicht. In seiner großen Praxis als Rechtsanwalt und Notar war er unermüdlich tätig. Obwohl er, erst 49 Jahre alt, starb, hatte er doch schon durch seine Arbeit ein großes Vermögen erworben, das seine Familie wohlversorgt und sicher bis an das Ende des Weltkrieges gebracht hat.

Ebenso unermüdlich war unsere Mutter in dem großen Hausstand mit dem vielen Personal tätig, zu dem übrigens auch unser Fräulein Fiedler gehörte, die uns in den ersten beiden Jahren der Schulzeit zu Hause unterrichtete. Das Wohnhaus in der Norderstrasse war durch 3 Etagen hindurch sehr geräumig, dahinter lagen das große Hinterhaus mit den Stallungen und der riesige Garten und boten Arbeit genug für eine Hausfrau. Dazu kam eine sehr große Geselligkeit, viel Wohltätigkeit in der Stadt und ein immer gastfrei geöffnetes Haus. Wenn man dann bedenkt, dass bei dem Umfang der Arbeit meines Vaters auf ihren Schultern auch die Verantwortung für uns acht Kinder lag, die keineswegs immer einfach und gehorsam waren, so kann man unsere Mutter nie genug verehren, besonders wenn man an die immer gleichbleibende Sorge und Liebe für uns Kinder denkt.

 

Bild_1

Paula Karl Wili Hellen Johs Mimi Julius Paul

Bild 1 - Familienfoto der Familie Jaspersen aus Hadersleben

 

Wir acht Geschwister haben auch stets fest zusammen gestanden, wir haben unsere Gemeinsamkeit und unsere schöne Kindheit nie vergessen, insbesondere haben wir fünf Brüder bis heute, wo wir alle zwischen 60 und 70 Jahre alt sind, den engen Zusammenhalt unserer Kindheit bewahrt. Noch kürzlich war in meinem Hause ein Vier-Brüdertag. Möge das Schicksal uns noch einen Fünf-Brüdertag bringen!

Um unser Kinderglück voll zu machen, hatten wir einige Kilometer vor der Stadt Fredstedt, den uralten Hof unseres Großvaters, wundervoll zwischen Wald und Feld am schönen See, dem Haderslebener Damm gelegen. Für jeden einzelnen von uns Geschwistern, für jeden in seiner Weise, war hier das Eldorado, das keiner von uns mit allen seinen Schönheiten je vergessen wird.

Wir drei jüngsten Brüder - Johs war knapp 2 Jahre jünger als wir Zwillinge - wurden die Drillinge genannt. In allen Taten oder vielmehr Untaten waren wir eine unzertrennliche Einheit. Als Elternhaus kennen wir nur das Haus an der Norderstrasse. Welche Freude hatten wir an dem vielen Getier, das da umher lief, vor allen Dingen an den beiden Reitpferden unseres Vaters, besonders aber an Hof und Garten, die die Spiele unserer Jugend sahen. Über dieses Glück warf der Tod unseres Vaters einen tiefen Schatten. Er starb im Jahre 1893, wir drei Jüngsten waren damals erst 10 bzw. 8 Jahre alt. Wenn auch materielle Sorgen nicht aufzukommen brauchten, so war es doch für unsere Mutter unendlich schwer, die ganze Verantwortung nun allein tragen zu müssen.

Dazu kam, dass wir fünf Brüder in keiner Weise unseren Lehrern zur Freude gereichten, wir, und insbesondere wir drei Jüngsten, haben unserer Mutter viel Sorge und großen Kummer bereitet. Unser ältester Bruder Julius war nach dem Einjährigen-Examen nach Hamburg in die Kaufmannslehre gegangen. Aber wenn man bedenkt, dass wir vier anderen Brüder, die sog. Pressen mitgerechnet, es zusammen auf 16 Lehranstalten gebracht haben, so besagt diese Tatsache genug. Wie oft musste unsere Mutter und nachher in ihrer Vertretung unsere älteste Schwester Helene irgendwohin fahren, wo einer von uns nicht gut getan hatte, wo er relegiert worden war oder sonstwie einen "ehrenvollen Ruf ins Ausland" erhalten hatte. Aber das änderte nichts daran, dass wir immer zu Hause in der Villa in Hadersleben eine freundliche Aufnahme fanden, immer war unsere Mutter rührend um unser Wohlergehen besorgt, mochten wir ihr auch noch so viel Kummer bereitet haben. Es konnte nicht ausbleiben, dass das Gerede der Leute
in Hadersleben, das Kopfschütteln der Freunde und Verwandten und manche bissige Bemerkungen und Nachfragen sie bekümmerten und ihren Stolz verletzten.

Ich werde nicht vergessen, wie glücklich sie war, als ich mit 24 Jahren im Jahre 1907 endlich das Abiturienten­Examen in Hadersleben bestanden hatte. Sehr froh und stolz war sie auch, wie sie im Jahre 1912 ihre fünf Jungens, die trotz aller Fährnisse doch etwas geworden waren, um sich versammeln konnte. Eine Freude ihrer alten Jahre war es auch, dass ich in den letzten Kriegsjahren auf dem Gericht in Hadersleben hinter dem grünen Tisch, vor dem unser Vater so oft gestanden hatte, auf der sella curulis als Richter saß und Recht sprach. Nun war alles ausgeglichen und nun war alles Gerede verstummt und das Kopfschütteln hatte aufgehört.

Es war für uns ein großer Schmerz, wie sie im Jahre 1917 starb, und damit die Heimstatt, die uns alle zusammen hielt und uns immer wieder vereinigt hatte, zu bestehen aufhörte. Ich habe mit meiner Frau den schwachen Versuch gemacht, in unserem Haus in Preetz das nach Möglichkeit wieder auferstehen zu lassen, was einst in unserer Heimat Hadersleben war.

Dies als Einleitung vorausgeschickt, will ich nun von meinen drei Jahren, in denen ich von 1903 bis 1906 die Schule in Burgsteinfurt besuchte, erzählen.

 


 

 

Burgsteinfurt

 

Zu Ostern 1903 suchten Johs und ich uns eine Schule, in der wir gemeinsam die Prima besuchen wollten. Johs war in Züllichau relegiert worden, er hatte ein kurzes Intermezzo in Hadersleben geben dürfen, musste sich aber eine neue Schule suchen. In Schleswig verband mich mit dem Direktor Wolff eine ausgesprochene gegenseitige Antipathie. Ich wollte daher nicht zu ihm in die Prima. Törichterweise sagte ich ihm das vorher mit dem Erfolg, dass er unmittelbar vor der Versetzungskonferenz in die Klasse kam, mich ganz alleine prüfte und dann gegen den Widerspruch meines Klassenlehrers durchsetzte, dass ich in der Obersekunda hängen blieb. Mit vielen Paukern habe ich ausgezeichnet gestanden, aber dieses Verhalten Wolffs hat mich doch schwer beeindruckt und mein Verhältnis zu den Lehrern stets beeinflusst.

So war Johs als der Jüngere Primaner, ich hatte ihm mein Erstgeburtsrecht um ein Linsengericht verkauft, aber trotzdem hielten wir an unserem Plan fest. Wir wollten nach Westfalen, evtl. Hannover und schrieben nun eine große Anzahl von Aufnahmegesuchen, die unsere gute Mutter treulich unterschrieb. Nach Hörensagen, nach dem Atlas und nach dem Konversationslexikon hatten wir eine ganze Liste von Gymnasien zusammengestellt: Goslar, Nordhausen, Gütersloh, Warburg, Attendorn, Burgsteinfurt usw. Goslar wollte meinen Bruder aufnehmen, Warburg mich, aber Burgsteinfurt uns beide und so entschlossen wir uns, in Burgsteinfurt unser Glück zu versuchen.

 

Wir fanden eine Pension bei dem Kreissekretär Claas, der uns in zwei gemeinsamen Wohn- und Schlafzimmern mit voller Beköstigung aufnehmen wollte. Nach Ostern 1903 fuhren wir die Nacht hindurch nach Burgsteinfurt. Am Bahnhof stand Vater Claas mit seinem Jagdhund und seinem Sohn Max, um uns abzuholen. Wir hatten den Eindruck, dass man in der Familie Claas über die schon etwas weltgewandten und selbstbewusst auftretenden Jünglinge etwas erschüttert war, insbesondere als Johs beim ersten Empfangsfrühstück gleich fragte, wann denn eigentlich hier so der Frühschoppen wäre. Wir nahmen uns auch gleich den Hausschlüssel vom Haken und haben ihm bis zu unserem Auszuge nicht mehr aus der Hosentasche gelassen.
 

Bild 2 - Das Gymnasium Arnoldinum

Bild 3 - Gymnasium illustre Arnoldinum

 

Dann kann der Auftakt in der Schule. Lehrer und Schüler versammelten sich in der Aula und dort wurden die Schulgesetze verlesen. Wir waren schwer erschüttert! Das sog. Silentium war die Grundlage. Dieses bestimmte, dass kein Schüler ohne ausdrückliche Erlaubnis nach 6 Uhr abends außerhalb seines Grundstücks sich aufhalten durfte, auch nicht am Sonntag. Eine Ausnahme war nur für die eigentlichen Sommermonate
vorgesehen, wo man abends von 8 — 9 Uhr die frische Luft auch außerhalb seines Gartens oder seiner Bude genießen durfte.

 

Dann wurde strengstens vorgeschrieben, dass die Schüler nur mit der Klassenmütze auf dem Kopfe sich auf der Straße zeigen durften, man sollte also immer kenntlich sein.

 

Das Tragen von Spazierstöcken und hohen Kragen war untersagt. Dazu kam, dass die evangelischen Schüler jeden Sonntag in die Kirche gehen mussten, wo in einem Seitenschiff jede Klasse ihren besonderen Platz hatte und wo ein Lehrer aufpasste, dass auch keiner den Kirchenbesuch schwänze.

 

Johs und ich waren tief erschüttert, das hatten wir nicht erwartet.
 

Als wir durch die Lindenstrasse dem draußen vor der Stadt liegenden Haus Claas wieder zuwandelten, führten wir ein ernstes Gespräch darüber, ob wir nicht schleunigst Burgsteinfurt verlassen und nach Marburg und Goslar übersiedeln sollten, die uns wohl noch aufnehmen würden.

 

 

Aber wir sagten uns, dass keine Suppe so heiß gegessen würde, wie sie gekocht wäre, und damit haben wir dann auch durchaus Recht behalten.

 

Bild 4 - Lindenstraße (heute Ochtruper Straße) in Burgsteinfurt

 

 

Stadt und Schule

 

Bild 5

 

Burgsteinfurt, genannt Stemmert, war eine kleine Stadt von ca. 3.000 Einwohnern nicht weit von Münster mitten im schwarzen Münsterland. Dort wohnten die Fürsten von Bentheim-Steinfurt, diese waren evangelisch und hatten die drei zugehörigen Bauernschaften in früheren Jahrhunderten in ihrem Glauben mitgenommen und so war Burgsteinfurt eine evangelische Enklave mitten in einer streng katholischen Umgebung. Daher auch der Kirchenbesuch der Schule. Selbstverständlich gab es in Burgsteinfurt ebenfalls eine katholische Kirche, ein Teil der Einwohnerschaft und ein kleiner Teil der Schüler war auch katholisch, aber das evangelische Leben der Stadt und der Gegensatz zum Katholizismus war doch unverkennbar. Es gab wohl kein evangelisches Haus, das nicht jeden Sonntag jedenfalls einen Kirchenbesucher entsandte, insbesondere kein Bauernhaus der drei evangelischen Bauerschaften, dessen Bewohner nicht regelmäßig jeden Sonntag in die Kirche gingen.

 

 

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Text: Wilhelm Jaspersen

Text Bildunterschriften: Willi Tebben

Bilder:

Bild 1: Dr. Karsten Jaspersen

Bild 2, 4 und 5: aus der Sammlung historischer Postkarten von Ingrid König, Repro.: Willi Tebben

Bild 3: aus "Erinnerungen eines alten Burgsteinfurter Schülers aus seiner sechsjährigen Gymnasialzeit" von Alexander Koenig (1858-1940); Repro.: Willi Tebben

 

Wir bedanken uns ganz besonders herzlich bei Herrn Dr. Karsten Jaspersen und allen Angehörigen der Familie Jaspersen für die Genehmigung, dieses einmalige Zeitdokument aus der Sicht des Schülers Wilhelm Jaspersen (übrigens der Großvater!) Anfang des 20. Jahrhunderts auf unseren Seiten zu veröffentlichen.

 

Ingrid König stellte die zeitgenössischen Bilder aus ihrer sehr umfangreichen Privatsammlung zur Verfügung. Auch an sie geht ein ganz großes Dankeschön!


 

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