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Vorwort
Es besteht wohl kein Zweifel; Der wird die Gegenwart nicht recht
verstehen und verantwortungsbewusst gestalten können, wer nicht
auch die Vergangenheit - vor allem die Kriegsund Nachkriegszeit
- kritisch in den Blick nimmt.
Mehr als sechzig Jahre sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs
verflossen. Die Zahl der Augen- und Ohrenzeugen ist
altersbedingt stark zurückgegangen. Insofern kommt den noch
lebenden Zeitzeugen, vor allem denen, die bereit sind öffentlich
über das Geschehen damals zu sprechen, eine besondere Bedeutung
zu.
Die zeitliche Distanz zu den grauenvollen Ereignissen damals ist
beträchtlich. Aber viele der Zeugen benötigen gerade diesen
Abstand, um die innere Kraft aufzubringen, das lange im Innern
verborgene, unfassbar scheinende, traumatische Erleben
auszusprechen oder gar aufzuschreiben. Meist muss noch ein
besonderer Auslöser hinzukommen.
Das alles trifft auf Bernhard Frahling und seinen nun
maschinenschriftlich vorliegenden Bericht zu. Der Bericht
gliedert sich in zwei Teile:
„Jugend ans Gewehr - und ab in den
Krieg" sowie
„Dem Massengrab in allerletzter Sekunde entronnen".
Dem sind ein Nachwort, die Auflistung der körperlichen
Folgeschäden, Briefe und Foto-Dokumente hinzugefügt, welche die
Authentizität seiner Darstellung bezeugen. Die Vielfalt der
erinnerten Details erklärt sich auch dadurch, dass Bernhard
Frahling nach dem Krieg Jahr für Jahr die Stätten seines Leidens
aufgesucht, sich den andrängenden Erinnerungen ausgesetzt und
darüber Notizen gemacht hat, ohne sie allerdings an die
Öffentlichkeit bringen zu können, bis er in den neunziger Jahren
einen seiner beiden Lebensretter, den Wiener J. P. Czerny,
ausfindig machen konnte und von ihm das gemeinsam Erlebte sowie
vieles aus dem Umfeld der amerikanischen und französischen
Gefangenenlager in den Rheinwiesen zwischen Remagen und
Andernach detailgetreu bestätigt bekam.
Dass er nun mit achtzig Jahren endlich zusammenhängend
schriftlich sich äußert, hat er selbst als eine Art Befreiung
erlebt, Befreiung in doppeltem Sinne: ein Freigeben des
furchtbaren Erlebens am Ende des Krieges und vor allem in den
Gefangenenlagern nach dem Krieg - was ihm in der Nachkriegszeit
weder in seiner Familie möglich erschien noch in der deutschen
Öffentlichkeit opportun war, zum andern eine Befreiung im
Hinblick auf die innere Verpflichtung, den durch Hunger, Durst,
Seuchen und vielfältige brutale Misshandlungen dahingerafften
ehemaligen Kameraden eine Stimme zu geben.
Man spürt die tiefe Erschütterung, den Abgrund der Betroffenheit
in jeder Zeile des Berichts, bis in das Hinausgreifen über die
gewohnte Zeichensetzung.
Bernhard Frahlings Bericht zu lesen, ist eine große, wenngleich
notwendige Anstrengung. Gerade die Nachgeborenen, vom
Kriegserleben Verschonten haben sich eingerichtet mit z.T.
geglätteten Vorstellungen und Urteilen über Schuld und
Bestrafung der Deutschen, über das Verhalten der Sieger sowie
über den Prozess des Neubeginns in Deutschland nach dem Krieg.
Daran wird hier gerüttelt.
Der Leser gewinnt Einblick in ein kaum vorstellbares
grauenvolles Szenario um einen noch Jugendlichen (17 Jahre alt),
der nach Kriegsende in verschiedenen amerikanischen, später
französischen Gefangenencamps einer Kette von unsagbaren
Entbehrungen, Leiden, körperlichen und seelischen Zerstörungen
durch Hunger, Durst, tödliche Seuchen, entehrende Misshandlungen
ausgesetzt ist, bis an die Grenzscheide zwischen Leben und Tod,
welche nur (wie er selbst sagt) durch "Fügung Gottes" nicht
überschritten wird. Dem Erleidenden kommt über Wochen, Monate
nicht nur das Zeitgefühl abhanden, es fehlt auch an jeglicher
Einsichtmöglichkeit in Ursachen und Hintergründe für die -
erkennbar gesteigerte - Unmenschlichkeit in der Behandlung durch
die Lagerbewacher.
Aber nicht rationales Einordnen und Durchschauen des Geschehens
ermöglichen ihm das Überleben, sondern ein ursprunghafter,
instinktgeleiteter Durchhaltewille. Im Nachhinein findet der
Berichtende noch weitere Motive für das Gelingen des
Überlebenskampfes: seine Jugend und die damit gegebene gute
körperliche Grundverfassung, die Wut über die - allen
internationalen Konventionen über die Behandlung von Gefangenen
Hohn sprechenden -Verhältnisse in den Lagern, vor allem aber
sein tiefer Glaube an Gott und dessen „Schutzengel" auf der
Erde. Das erklärt letztlich auch, warum der Bericht bei allem
grauenvollen Dunkel doch auch - wenngleich sehr wenige -
Fünkchen von Licht enthält.
Bei der Erinnerungsarbeit geht es Bernhard Frahling nicht nur um
sich selbst, seine persönlichen traumatischen Verletzungen,
sondern er empfindet eine tiefe Verpflichtung gegenüber den
Tausenden von Mitgefangenen, die den Torturen nicht standhielten
und zu großen Teilen ungenannt und unregistriert in
Massengräbern verscharrt worden sind. Sein nicht nachlassendes
Suchen und Nachforschen muss angehen gegen die von den Siegern
offenbar systematisch betriebene Geheimhaltung der furchtbaren
Bedingungen in den Gefangenencamps wie auch gegen die dadurch
mitbedingte und damit verbundene Mauer des Schweigens und
Vergessens in der deutschen Nachkriegsbevölkerung selbst.
Bernhard Frahling will die Wahrheit an den Tag bringen,
überprüfbares sicheres Faktenwissen, gerade in Bereichen, die
dem kollektiven Erinnerungsauftrag nur schwer zugänglich oder
gar verborgen sind.
Was Bernhard Frahling in den Jahren 1942 - 1945 erleben und
erleiden musste, kann der Leser nicht annähernd nachempfinden.
Seine Erinnerungsarbeit jedoch ist für die Nachwelt
unersetzlich. Dafür sei Bernhard Frahling gedankt. Die
vorliegende Dokumentation verdient unsere Wertschätzung.
Ibbenbüren, den 29. Januar 2008
Heinrich Jessing |