Ein traditioneller Volkssport breitet sich aus:

Das Kloatscheeten, regional u.a. auch Klootscheeten, Klootsmieten, Klootschieten, Klootscheiten oder Kloatsmeeten  genannt sowie die neuere Variante davon, das Boßeln.
 

 

Seit einigen Jahren wird diese Sportart auch in Steinfurt wieder beliebter. Besonders in der kalten Jahreszeit sollte man sich auf den Pättken etwas vor fliegenden Hölzern in acht nehmen:

 

Kloatscheeten ist eine uralte Sportart aus Norddeutschland, bei der es darum geht, einen Kloat (in Ostfriesland und Umgebung Kloot genannt), eine Art „Holzpuck“, eine handtellergroße Holzscheibe mit Bleikern als Mannschaft mit möglichst wenig Würfen die Strecke entlang bis zum Zielpunkt zu scheeten = zu schiessen.

Bild 1 - So sieht er aus, der "Kloat" - links unten im Bild

Bild 2 - Natürlich wird auch alles akribisch

genau festgehalten

 

Dazu werden 2 Mannschaften gebildet und die Scheet-Reihenfolge innerhalb der Mannschaft festgelegt. Dann kommen die Aufwärm- und Lockerungsübungen an die Reihe. Dazu benötigt jeder Teilnehmer eine Flasche am besten gefüllt mit ca. 0,5 Liter einer Hopfenkaltschale. Diese dient der innerlichen Vorbereitung und der Vitamin B-, der Hefe- und Spurenelementversorgung.

 

Dann beginnt der eigentliche Wettkampf. Der erste Sportler schießt den Kloat so weit er kann.

Der zweite Scheeter aus der gegnerischen Mannschaft versucht, den ersten Kloat mit seinem Wurf möglichst zu überholen.

Dann ist die Mannschaft an der Reihe, deren Kloat am nächsten liegt usw.

Der Holzpuck muss auch durch Kurven geworfen werden, darf sich nicht durch Unebenheiten oder Pfützen auf der Straße ablenken lassen und sollte möglichst nicht im Straßengraben landen.

Bild 3 - Der Abwurf

Bild 4 - Warum schwimmt dieser Kloat eigentlich nicht?

Wäre doch alles viel einfacher.

Unterwegs wird zusätzlich zur Mannschaftswertung auch in Einzeldisziplinen gepunktet:


Wer hat den längsten Wurf, den kürzesten, den kuriosesten, wer schießt den Kloat gar gänzlich ins Nirwana, dass er im Morast gar nicht wieder zu finden ist??

 

Auch für diese Einzeldisziplinen gibt es bei der Abschlussbesprechung eine Siegehrung.

 

Eine weitere Disziplin am Rande ist das Führen des BW (wird später erklärt): Wer führt am längsten, wer nur ganz kurz oder gar nicht. Dabei wird dann der Fair-Play Pokal ausgeguckt.

Eine äußerst wichtige Einrichtung ist das Fahrzeug des Orga-Teams:

ein BW = Bollerwagen.

Als Besenwagen eingesetzt, versorgt er die Sportler mit fester und flüssiger Nahrung, transportiert die Sportgeräte und Hilfsmittel.

Wichtigster Ausstattungsbestandteil ist die o.g. Hopfenkaltschale wahlweise in der 0,33 oder der 0,5 Liter-Variante.

Zur Desinfektion –innerlich wie äußerlich- sollten auch einige Vorräte an Hochprozentigem mitgeführt werden, denn oft verlässt der Kloat die Strecke und muss aus dem Graben wieder geholt werden. Leichte Verunreinigungen sind bei der Suche und Wiederbeschaffung nicht zu vermeiden. Dazu benötigt man dann die Desinfektionslösung und ggf. einige alte Lappen und Küchenrolle.

Belegte Brötchen, Mettwürstchen und Käsehappen sind unterwegs ebenfalls unerlässlich, ferner Flaschenöffner für das Mineralwasser und einige kleine Gläser zum besseren Portionieren der Wasserrationen.

Bild 5 - Das Musterbeispiel eines optimal ausgerüsteten BWs

Bild 6 - Selbstverständlich wird auch schweres Gerät eingesetzt zur Bergung des abhanden gekommenen

Kloats.

Zur Erleichterung der Kloatsuche im Graben haben sich Käscher und Gartenharke bewährt. Für den Totalverlust sollten auch Ersatz-Kloats mitgeführt werden.

Als Sonderausstattung des BW empfehlen wir außerdem eine Autoradioanlage sowie für die restlichen Meter bei Dunkelheit eine Signalleuchte.

Bild 7 - Man schleppt den BW nicht aus Langeweile oder als Schikane mit, nein, er erfreut auch die

ihn begleitenden Hochleistungssportler mit seinem Inhalt: "Pause!"

Bild 8 - ... und frisch gestärkt geht es weiter.

Böse Zungen behaupten bei dieser uralten Sportart –erste urkundliche Erwähnung übrigens 1631 im Kirchenbuch der reformierten Kirchengemeinde zu Bentheim- ginge es ausschließlich um den Genuss von alkoholischen Getränken.

Dabei handelt es sich um eine maßlose Unterstellung von uneingeweihten Nicht-Teilnehmern!

Sportlich Untrainierte können die Distanz nicht bewältigen, Scheet- und Wurftechnik erfordern Training, Training und nochmals Training.

Es werden übrigens auch stichprobenartig und unangekündigt Dopingproben gezogen. Der entsprechende Fotobeweis (s. Bild 9)musste etwas unkenntlich gemacht werden, da der abgebildete Sportler der Veröffentlichung widersprach.

 

Bild 9

Am Zielpunkt finden anschließend auch die Siegerehrungen statt:

 

Man kürt den Teilnehmer mit dem weitesten, dem kürzesten und mit dem kuriosesten Wurf …

 

Das kann zum Beispiel einer sein, der um die Kurve ging, oder versehentlich hoch geworfen wurde … oder ... oder …


Hier kann man der Kreativität noch freien Lauf lassen.

Bild 10 - Es gibt doch nichts Schöneres als eine

Siegerehrung!

 

Als ich diesen Bericht unserer Kollegin Petra zusammenstellte, schweiften meine Gedanken immer wieder zurück in vergangene Zeiten, als ich diese ostfriesische Sportart Nr. 1 noch selber bis zum Abwinken mit meinen Freunden auf unserer Insel betrieb.

 

In der Regel fand dieser Wettbewerb damals zunächst nur im Winter statt, wenn die Wiesen und Felder hart gefroren waren, denn es ging querfeldein. Abweichend von dem vorstehenden Bericht warfen wir einen kugelförmigen Kloot (um Missverständnissen vorzubeugen: dieser Begriff stammt von dem niederdeutschen Wort "Kluten" = Klumpen) aus Hartholz, der durch eine mit Blei gefüllte kreuzförmige Bohrung ein Gewicht von exakt 475 Gramm aufwies. Später wurde dieses Hartholz durch Hartgummi ersetzt bei gleichem Gewicht. Ansonsten traten auch hier zwei Mannschaften gegeneinander an und versuchten nach allen Regeln der Kunst, als erste mit den wenigsten Würfen die vorher festgelegte Distanz zurück zu legen. Wie das im Einzelnen ging, erläutere ich gleich genauer. Insbesondere kam es auf die ausgefeilte Wurftechnik an, denn im Feld rollte der Kloot natürlich nur wenig und die Weite war maßgebend. Und es ging eben nur bei frostigem Wetter. Aber wir hatten gegen die Kälte natürlich auch genügend ostfriesischen Landwein (glasklarer mind. 38-prozentiger Schnaps!) dabei und die Stimmung stieg von Stunde zu Stunde.

 

Aber die Winter wurden wärmer und der Frost war auch nicht mehr das was er mal war. Also musste was Neues her. Wir haben es zwar nicht erfunden, was man heute Boßeln nennt, von uns aber weiterhin mit Klootscheiten tituliert wurde und eine spannendere Variante darstellte, aber dies  konnte echt zu jeder Jahreszeit veranstaltet werden.

 

Dieser Wettkampf ging nun über Straßen und Feldwege, die natürlich nie so glatt waren wie eine Autobahn. Hier spielte also nicht nur der Weitwurf eine Rolle, sondern auch die Rollstrecke des Kloots zählte mit. Daher war erforderlich, dass die Kugel auf der Straße bleibt, auch in den Kurven oder wenn sie gewölbt war. Hier half eben nur eine besondere und ausgefeilte Technik.

 

Der Werfer musste dabei Gefälle, Kurven, Spurrillen und ähnliches optimal ausnutzen, um möglichst weit zu werfen und um zu verhindern, dass der Kloot außerhalb des Straßenbereichs beispielsweise in einem Graben landete. Und man suchte für den Wettstreit natürlich mit Vorliebe Wege mit Gräben, wenn möglich an beiden Seiten aus. Jeder aus der Mannschaft war nach einer vorher festgelegten Reihenfolge mit dem Wurf dran, er wurde aber dabei von den "Experten" (Anweiser) aus dem Team lautstark unterstützt. Sie befanden sich weit vor dem Werfer auf der Strecke und wiesen ihn durch Zurufe auf die Gegebenheiten und Besonderheiten der Straße hin.

 

Die Mannschaften warfen übrigens abwechselnd, wobei jede Mannschaft von dem Punkt aus werfen musste, wo ihr Kloot zuletzt liegen geblieben war. Ein rechtwinkliger Versatz war allerdings möglich, um eine bessere Wurfposition zu erreichen. Auch der Wurf selber hatte seine Tradition. Nach einem Anlauf von ca. 20 Metern wurde der bis dahin mehr oder weniger herabhängende Wurfarm so weit wie möglich am Körper entlang nach hinten genommen. Beim Wurf schnellte dann der Arm mit größtmöglichem Kraftaufwand nach vorn und schleuderte den Kloot möglichst weit auf die Strecke. Auch nach dem Auftreffen auf dem Boden rollte die Kugel noch sehr weit, wenn man alles richtig gemacht und bedacht hatte. Es zählte der Punkt, wo er liegen blieb. Von hier aus musste der Nächste dann werfen.

 

Schlimm wurde es jedoch, wenn der Kloot vom Weg abkam und im Graben oder sonstwo im Nirwana verschwand. Er musste unbedingt wieder gefunden werden. Ersatz hatten wir nicht dabei - das verbot uns unser Ehrgeiz - aber jede Menge Hilfsmittel, um Gräben und Gebüsch zu durchsuchen. Das ganze betroffene Team ging dann mit großem Ergeiz und angefeuert von der schadenfrohen gegnerischen Mannschaft auf die Suche und ich habe eigentlich nie erlebt, dass wir einen Kloot abschreiben mussten. Trotzdem, die Boßelkugel ist vom Durchmesser kleiner als die Kugel vom Klootscheiten, aber mit 800 bis 1200 Gramm deutlich schwerer. Dadurch rollt sie zwar wesentlich besser, sinkt aber auch tiefer ein (im Graben!). So was war natürlich stets eine gute Gelegenheit, zwischendurch einen Kleinen zur Brust zu nehmen.

 

Na ja, einen Grund, den mitgebrachten Getränken zuzuprosten gab es eigentlich immer. Wenn eine Mannschaft durch war, d.h. jeder hatte einmal geworfen, dann gab es erst mal einen. Sollte man nun wegen der besseren Taktik die gegnerische Mannschaft überflügelt haben, d.h. mit weniger Würfen eine größere Distanz, wurde das begeistert gefeiert. Ein besonders guter Wurf bedeutete für den Werfer selbstverständlich einen kleinen Schluck aus der Pulle, und wenn sich wider Erwarten eine Zeit lang mal nichts einstellte, hatten plötzlich alle Durst. Und da der bekanntlich schlimmer ist als Heimweh, musste natürlich auch was dagegen getan werden. Ja, es war schon immer ein ganz schön harter Wettkampf, das Klootscheiten bzw. das Boßeln.

 

Alle Regeln hier aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Berichts wohl sprengen. Wer mehr über diesen fröhlichen Mannschaftssport wissen möchte, sollte einfach mal in Suchmaschinen wie z.B. Google Begriffe wie klootscheeten, boßeln, bosseln, kloatscheeten usw. eingeben und sich dann darüber wundern wie viele noch wesentlich weitergehende Informationen im Internet zu finden sind.

 

Und noch schöner ist eigentlich, dass diese sportliche Art der Freizeitgestaltung immer größeren Anklang in der Bevölkerung findet, auch in den Gebieten, die gerade erst diesen großartigen Spaß (und Sport!) entdecken.

 

Übrigens, es funktioniert auch völlig ohne Alkohol. Dem Spaß macht das überhaupt nichts aus!

 

Und wann boßeln Sie???


Text: Petra Weiner

Fotos: Petra Weiner (Bilder von einem Wettkampf der Betriebssportgruppe Kloatscheeten der BARMER Ersatzkasse Ahaus, aufgenommen am 09.02.2007)

Text: Willi Tebben


 

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