Fachwerkhofanlage Pöpping

 

Wo Geschichte lebendig wird - ein Beitrag von Franz Greiwe

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Bauliche Besonderheiten

 

Beim genauen Betrachten erschließt sich eine Gebäudebesonderheit. Das Ständerwerk des Fachwerkhauses mit eichenverbretterten Giebeln, das aus Samern bei Schüttorf seinen Weg nach Elte fand, scheint vom Zimmermann um 1730 verkehrt herum aufgestellt worden zu sein. Das Ziegelmauerwerk liegt deutlich sichtbar zurück, und die Balken, Pfosten, Ständer, Riegel und Kopfbänder ragen etliche Zentimeter vor. Eine solche Verzimmerungsweise ist sonst nirgendwo bekannt.

 

Bild 16 - Der Schuppen

Gute Einblicke in alte Bautechniken erlaubt auch der Schuppen vor dem Haus. Das 200 Jahre alte Gebäude aus Hollich bei Steinfurt mit einem weit überkragenden Giebel und Ziegelfachwerk ist um ein Schleppdach an der westlichen Traufenseite erweitert worden. Das Besondere daran ist das Weidengeflecht als Ausfachung. Es ist nicht mit Lehm verschmiert, wie man bei alten Wänden erwartet, sondern offen, damit Wind durchstreichen und das dort für die Feuerstellen und Backöfen gelagerte Brennholz trocknen kann.

 

 

Bild 17 - Das Bienenhaus

Zwei Häuser stehen heute (Stand: März 1992) noch nicht, werden aber noch im Laufe des Jahres gebaut, denn alle Baumaterialien sind dafür vorhanden und aufbereitet.

 

An der südöstlichen Gartenecke kommt das Bienenhaus zu stehen, so dass die für die Bienen offene Seite nach Osten zeigen kann. Alle Bauteile stammen aus wiederverwerteten Bauhölzern eines alten Bienenhauses. Für Gartengeräte wird ein Schleppdach zur Gartenseite angesetzt.

Schweine hielten die Menschen früher wegen der Geruchsbelästigungen nicht im Haupthaus. Statt dessen errichteten sie ein separates Stallgebäude. Allerdings durfte die Entfernung auch nicht zu groß sein, damit der Weg mit dem frisch gekochten Futter nicht zu weit wurde. Der Stall ist im Originalzustand aus der Zeit um 1800 aus Fürstenau erhalten. Er weist die charakteristischen Merkmale der übrigen Gebäude auf: Holzgerüst, Ziegelausfachung und Pappelholz-Verbretterung im Giebel.

 

 

 

Bild 18 - Das Schweinehaus

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus dem Jahre 1992. Wir können Ihnen hier im überarbeiteten Bericht Anno 2007 natürlich die längst fertig gestellten Gebäude präsentieren. (Bild 17 und 18) - Anm. d. Red.

Der Lageplan der Fachwerkhofanlage zeigt auch einige Nebenanlagen, von denen die auffälligste der Flachsteich ("Flaßdiek") in der Südwestecke ist (s. Bild 19 oben rechts). Bei der Herstellung von Stoff und Tuch spielte der Teich eine wichtige Rolle. Der geerntete Flachs wurde nach dem Trocknen und "Riepen" (Ziehen durch einen eisernen Kamm) in großen Bündeln zum "Dieken" in den Flachsteich gelegt und blieb so lange im Wasser, bis die Stengel mürbe waren, was ungefähr acht Tage dauerte. Danach wurde der Flachs wieder getrocknet und weiterverarbeitet.

Vorbild für den Flachsteich war ein ähnliches Wasserloch in Mesum: "Wilps Flaßdiek".

Bild 19 - Diese Zeichnung von Heinz Pöpping stammt ursprünglich aus dem Jahr 1992 (s. Bild 4 im Bericht Museale Anlage mit Denkmalcharakter von Dr. Andreas Eiynck). Sie wurde für diesen Bericht modifiziert, denn im Jahr 2003 wurde der Münsterländer Speicher fertig gestellt (kl. Foto) und die Obstwiese, die im übernächsten Absatz vorgestellt wird, existiert heute leider nicht mehr. - Anm. d. Red. Stenvorde.de

 

Lebendige Geschichte

 

Ein besonderer Platz gebührt dem Bauerngarten an der Südseite des Haupthauses. Nach alten Vorbildern ist er mit einer Hecke eingefriedet und mit buchsbaumgesäumten Wegen und ortsüblichen Gemüsen, Kräutern, Gewürz- und Kulturpflanzen besetzt. Der heute einheitlich bewirtschaftete Garten war ursprünglich in zwei gleich große und gleich angelegte Flächen geteilt, für jede Heuerlingsfamilie eine. Optisch ist die Trennung durch eine Quittenreihe wie früher noch vorhanden.

Nach Südosten versetzt schließt sich die Obstwiese an, in der nur alte heimische Obstsorten angepflanzt wurden: Apfelsorten wie Goldparmäne, Kaiser Wilhelm, Ingrid Marie, Weißer Klar, Birnensorten wie Grafensteiner, Speckbirne, Klapps Liebling, dann Knorpelkirschen, Quitten und Hauszwetschgen. Bodenständige Gehölze zieren die Wallhecken und Begrünungen an der Zufahrt: Wildapfel, Holunder, Schlehe, Faulbaum, Weiden, Pappel, Wildbirne, Eiche, Buche, Birke, Hülskrabbe.

Ein alter Ziehbrunnen fehlt noch. Sein Standort auf dem Hof vor der nördlichen Traufenseite des Doppelheuerhauses ist aber längst festgelegt, einige Sandsteinteile sind vorhanden. Am Brunnen wachsen dann später einmal die Walnussbäume, die im Sommer nicht nur Schatten spenden, sondern auch Mücken abhalten.

 

Bild 20 - Der Bauerngarten

Landwirtschaft und Handwerk bildeten im vorigen Jahrhundert, ja teilweise noch bis vor wenigen Jahrzehnten, gemeinsam die Existenzgrundlage für die Menschen im Münsterland und angrenzenden Emsland. Sie lebten auf ihren Kotten, züchteten und mästeten Haustiere wie ein oder zwei Kühe, Schweine, Ziegen, Schafe und hielten mannigfach Feder- und Kleinvieh. Zu den (kleinbäuerlichen Anwesen gehörten Äcker und Hausgarten und die notwendigen Nebengebäude: Scheunen, Schuppen, Ställe, Bienenhaus, Backhaus, Selbstversorgung in Korbflechterei, Textilverarbeitung (Spinnen, Weben, Bleichen, Nähen), Holzschuhmachen, Backen und Zimmern machte wirtschaftlich und handwerklich unabhängig. Der Anbau von Handelsgewächsen (Weiden, Flachs, Hanf) war ebenso notwendig wie Spann- und Hilfsdienste auf den größeren Höfen, in deren Nähe die Heuerhäuser immer angesiedelt waren.

 

Altes Brauchtum und Handwerk

 

Exemplarisch und ausschnitthaft wird auf der Fachwerkhofanlage Pöpping ein Stück dieser alten Geschichte unserer Vorfahren lebendig. Die alten bäuerlichen Handwerkstechniken, Lebens- und Arbeitsweisen werden gepflegt und erhalten, sie leben wieder auf, können nachvollzogen und erlernt werden. Unter strenger Wahrung der brauchtumspflegerischen und volkskundlichen Aspekte, in den entsprechend ausgestatteten Räumen und Werkstätten und mit historischen Originalwerkzeugen wird Überliefertes erlernt und praktiziert:

 

Korb- und Stuhlflechterei mit sämtlichen ländlichen Korbflechtarbeiten Rund- und Bügelkörbe, Schälwännchen, Kaffschaufeln. Erlernt wird auch Anpflanzung und Pflege der Weidenkulturen in der freien Natur. Bienenwaben- und Binsengeflechte werden für Stühle gefertigt.

 

Besenbinderei zur Herstellung von Reisigbesen ("Riesebessen") und Pottbesen, den kleinen handlichen Reinigern für Kochtöpfe, aus Reisig und Heide.

 

Holzschuhmacherei in komplett ausgerüsteter Werkstatt mit altem Werkzeug einschließlich der Kopiermaschine.

 

Textilhandwerk mit Anbau von Handelsgewächsen (Flachs), Bearbeitung mit altem Gerät nach überlieferter Handwerkstechnik, wozu neben dem Flachsteich alle Geräte vorhanden sind.

 

Backen alter Brotsorten nach Originalrezepten (Schwarzbrot, Stuten) und Herstellen von Dörrobst. Bis zu 50 Brote mit einem Gewicht von je drei Pfund lassen sich gleichzeitig abbacken. Der Teig wird zuvor mit alten Bachwerkzeugen hergestellt und portioniert. Zum Brot gehört auch als leckerer Aufstrich süßer Honig, der in eigener Imkerei im Bienenhaus gewonnen wird.

 

Bildhauerei mit kunsthandwerklichen Arbeiten aller Art und Schwerpunkt Holzbildhauerei aus dem sakralen und profanen Bereich.

 

Weitere historische Handwerkstechniken wie Herstellen von Strohdocken zur Dachabdichtung, Drechslerarbeiten, Steinmetzarbeiten, Restauration von alten Gebäuden, Möbeln, Geräten und Kutschen. Inzwischen besitzt die Familie Pöpping verschiedene Kutschen und Wagen wie "Münsterländer Viktoria", "Artländer Viktoria", "Gig", Jagdwagen, Marktwagen, Viehwagen und Ackerfahrzeuge mit passenden Anspannungen. Für viele Ereignisse und Gelegenheiten fahren Pöppings Kutschen: zu Hochzeiten, Taufen, Jubiläen, Filmaufnahmen.

 

Ort der Brauchtumspflege

 

Alle genannten Handwerke und Arbeiten werden mit interessierten Bürger/ innen in enger Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Rheine vorgeführt, gelehrt und weitervermittelt. Außerdem versteht sich die Fachwerkhofanlage als Ort, wo in besonderem Maß zu den alten Arbeits- und Handwerkstechniken auch noch das überlieferte Brauchtum und die plattdeutsche Sprache gepflegt werden. So finden alljährlich in der Deele des Haupthauses Ausstellungen von Krippen und anderen Exponaten statt.

 

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Text: Franz Greiwe

Text: Willi Tebben

Fotos: Willi Tebben (Bilder 16 - 18, 20); Heinz Pöpping (Bild 19, modifiziert von Willi Tebben)

 

Dieser Bericht inklusive Bild 19 (modifiziert!) wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors und Chefredakteurs Franz Greiwe aus der Heimat-Zeitschrift "Rheine - gestern, heute, morgen" - Heft 1/92 - 29. Ausgabe entnommen.

 

Die Zeitschriftenreihe für den Raum Rheine mit dem Titel "Rheine - gestern, heute, morgen" erscheint regelmäßig und ist im Abonnement und als Einzelexemplar im Stadtarchiv Rheine erhältlich. Diese Buchreihe wurde bereits als Bestes Heimatbuch prämiert und bietet dem Leser eine Fülle von hochinteressanten und einmaligen Geschichten und Beschreibungen aus dem Bereich Rheine, von namhaften und regionalen Autoren und Zeitzeugen geschrieben. Wenn Sie sich für diese Region interessieren, empfehlen wir Ihnen, sich unbedingt diese Buchreihe mit der einzigartigen und lückenlosen Darstellung dieser Stadt und Umgebung mal anzusehen. - Anm. d. Red. Stenvorde.de

 



 

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