Guy de Maupassant
* 05.08.1850 Schloss Miromesnil (Normandie)

† 06.07.1893 Passy bei Paris




Die Hand

 

Man drängte sich um den Untersuchungsrichter Bermutier, als er sich über den geheimnisvollen Fall äußerte, der sich unlängst in Saint-Cloud zugetragen hatte. Mehrere Damen hatten sich erhoben und waren näher getreten. Eine von Ihnen rief mitten in ein kurzes Schweigen hinein: „Das ist ja entsetzlich. Das grenzt ans Übersinnliche. Man wird niemals wissen, wie das geschehen ist.“ Der Untersuchungsrichter wandte sich ihr zu: „Jawohl Madame, wahrscheinlich wird man niemals wissen, was wirklich passiert ist. Was nun den Begriff des Übersinnlichen angeht - so ist er hier nicht angebracht. Aber ich selber musste einmal einen Kriminalfall untersuchen, bei dem tatsächlich das Übernatürliche eine Rolle zu spielen schien. Wir mussten ihn übrigens fallen lassen, da uns jede Möglichkeit fehlte, ihn aufzuklären.
 


Damals war ich Untersuchungsrichter in Ajaccio, einer kleinen weißen Stadt, die sich an einen wundervollen, ringsum von hohen Bergen umsäumten, Meeresbusen schmiegt. Da unten, da hatte ich vor allem mit Fällen von Blutrache mich zu befassen. Seit zwei Jahren hörte ich von nichts Anderem reden, als von jenem schrecklichen korsischen Aberglauben, der fordert, dass jedes Unrecht gerächt werde an dem, der es begangen, an seinen Kindern und an allen, die ihm nahe stehen. Der Kopf war mir voll von diesen Geschichten.
 


Da hörte ich eines Tages, dass ein Engländer auf zwei Jahre eine kleine Villa am Ende der Bucht gemietet habe. Er hatte einen französischen Diener mitgebracht. Bald beschäftigte sich alle Welt mit diesem seltsamen Menschen, der allein in seinem Hause lebte und nur ausging, um zu jagen oder zu fischen. Er sprach mit niemandem, kam nie in die Stadt und übte sich allmorgendliche eine Stunde oder zwei im Pistolen- und Gewehrschießen. Legenden bildeten sich um ihn. Man behauptete, er sei eine hochgestellte Persönlichkeit, die aus politischen Gründen ihr Vaterland habe verlassen müssen; dann wieder versicherte man, er verberge sich, weil er ein furchtbares Verbrechen begangen habe. Man berichtete sogar besonders schauderhafte Einzelheiten. Ich wollte, in meiner Eigenschaft als Untersuchungsrichter, einige Erkundigungen über diesen Mann einziehen. Er ließ sich Sir John Rowell nennen, aber es war mir unmöglich, etwas über ihn zu erfahren. Ich begnügte mich daher damit, ihn genau zu überwachen. Als indessen die Gerüchte um ihn nicht verstummten entschloss ich mich, einen Versuch zu unternehmen und ein persönliches Zusammentreffen mit diesem Fremden herbeizuführen. Zu diesem Zweck begann ich, regelmäßig in der Nähe seines Grundstückes auf Jagd zu gehen. Ich musste lange auf eine günstige Gelegenheit warten und endlich bot sie sich mir in Gestalt eines Rebhuhns, auf das ich anlegte und das ich dem Engländer vor der Nase wegschoss. Mein Hund apportierte, aber ich nahm ihm das Rebhuhn sofort weg und ging, mich für meine Ungeschicklichkeit zu entschuldigen und Sir John Rowell zu bitten, er möge den erlegten Vogel als Geschenk annehmen.
 


Rowell war ein hochgewachsener, rothaariger Mann mit feuerrotem Bart und mit breiten Schultern, eine Art friedfertiger und höflicher Herkules. Er dankte mir lebhaft für mein Feingefühl in einem französisch, dessen Akzent deutlich auf dem jenseitigen Ufer des Ärmelkanals beheimatet war.
 


Als ein Monat vergangen war, hatten wir fünf- oder sechsmal miteinander geplaudert. Eines Abends schließlich, als ich an seinem Hause vorüberging, bemerkte ich ihn, wie er rittlings auf einem Stuhl in seinem Garten saß und seine Pfeife rauchte. Er begrüßte mich mit der umständlichen Höflichkeit, die den Engländern eigen ist, sprach mit Begeisterung von Frankreich und Korsika und erklärte, wie sehr er gerade dieses Land und diese Gestade liebe. Dann stellte ich ihm, mit größter Vorsicht und unter dem Vorwand lebhaften Interesses, einige Fragen über sein Leben und seine Pläne. Er antwortete ohne Verlegenheit und erzählte, dass er viel gereist sei, in Afrika, in Indien, in Amerika und lachend fügte er hinzu: „Ich habe gehabt viel Abenteuer, oh yes.“ Dann ging ich wieder dazu über, von der Jagd zu sprechen und er berichtete mir die merkwürdigsten Einzelheiten darüber, wie man Flusspferde, Tiger, Elefanten, ja selbst Gorillas zur Strecke bringe. Ich sagte: „Alle diese Tiere sind recht gefährlich.“ Er lächelte: „Oh no, das Schlimmste, das ist der Mensch!“


Und dann lachte er plötzlich auf. Es war das herzliche Lachen eines behäbigen, zufriedenen Engländers. „Auch viele Menschen ich habe gejagt.“ Darauf sprach er von Waffen und bat mich, mit ihm ins Haus zu gehen und mir Gewehre verschiedener Fabrikate anzusehen. Sein Salon war ganz mit schwarzer, golddurchwebter Seide ausgestattet. Große, gelbe Blumen, die wie Feuer glommen, bedeckten den düstern Stoff. „Das sein Stoff aus Japan“, erklärte er.


Aber in der Mitte des breitesten Wandstücks fesselte etwas sehr Merkwürdiges meine Aufmerksamkeit. Von einem Rechteck aus rotem Samt hob sich ein schwarzer Gegenstand ab. Ich trat näher – es war eine Hand, eine Menschenhand. Nicht die reinliche weiße Hand eines Skelettes, sondern eine schwarze vertrocknete Hand mit gelben Fingernägeln, bloßgelegten Muskeln und Spuren alten, längst geronnenen Blutes, das aussah wie eine Kruste von Schmutz auf dem glatt abgehauenen Knochen. Mit einem Beilhieb schien diese Hand in der Mitte des Unterarms abgetrennt worden zu sein. Um das Handgelenk wand sich eine schwere, eiserne Kette; fest genietet, geschmiedet an diese ekelhafte Hand und verankerte sie in der Wand mit einem Ring, der stark genug war um einen Elefanten zu halten. Ich frage: „Was ist denn das?“ Der Engländer antwortete seelenruhig: „Das da? Das sein mein größter Feind. Ah, das sehr gut für mich, das da.“ Er rührte mit dem Finger an diesen menschlichen Überrest, der zu einem Riesen gehört haben musste. Die Finger waren übermäßig lang und hingen an mächtigen Sehnen, die hier und da noch von Hautfetzen zusammengehalten wurden. Diese ausgedörrte Hand war scheußlich anzusehen und sie rief unwillkürlich Gedanken an die Blutrache irgendeines Wilden wach. Ich sagte: „Dieser Mann muss sehr stark gewesen sein.“ Sanft und freundlich sagte der Engländer darauf: „Oh yes, aber ich stärker als er. Ich habe angebracht diese Kette hier um ihn festzuhalten.“


Ich glaubte, er scherze. Ich blickte ihm prüfend ins Gesicht; hatte ich es mit einem Irren zu tun oder war er nur ein zweifelhafter Spaßvogel? Aber das Gesicht blieb undurchdringlich, ruhig und wohlwollend. Ich sprach von etwas Anderem, bewunderte die Flinten und stellte indessen fest, dass drei geladene Revolver auf den Möbelstücken herumlagen. So, als lebe dieser Mann in ständiger Angst vor einem Überfall. Ich besuchte ihn noch mehrere male, dann ging ich nicht mehr hin, man hatte ich an seine Anwesenheit gewöhnt, er war den Leuten gleichgültig geworden. Ein ganzes Jahr verstrich.


Da weckte mich eines Morgens gegen Ende November mein Diener und meldete mir, dass Sir John Rowell in der Nacht ermordet worden sei. Eine halbe Stunde später betrat ich mit dem Oberkommissar und dem Polizeikapitän das Haus des Engländers. Verstört und weinend fand ich den Diener vor der Tür. Zunächst hatte ich den Verdacht, dass dieser Mann der Täter sei aber es stellte sich heraus, dass er unschuldig war. Kaum hatte ich den Salon betreten, da sah ich schon, auf den ersten Blick, die Leiche, ausgestreckt auf dem Rücken, in der Mitte des Zimmers liegen. Die Weste war zerrissen, ein Ärmel hin herunter, alles deutete auf einen verzweifelten Kampf hin. Der Engländer war erwürgt worden. Sein gedunsenes, schwarzes Gesicht sah grässlich aus. In seinen Zügen, da malte sich ein unmenschliches Entsetzen. Der Hals, durchbohrt von fünf Löchern, die von eisernen Spitzen herzurühren schienen, war blutbedeckt. Ein Arzt trat zu uns. Er untersuchte lange Zeit die Wunden im Fleisch und fasste das Ergebnis seiner Untersuchung in die seltsamen Worte zusammen: „Es sieht aus, als sei er von einem Skelett erdrosselt worden.“ Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter. Ich blickte rasch zur Wand, auf die Stelle, wo ich damals die schaurige, enthäutete Hand gesehen hatte. Sie war nicht mehr da. Die zerrissene Kette hing leer hinunter. Jetzt schritt man zur Untersuchung des Tatortes, entdeckte jedoch nicht das Geringste: keine Tür, kein Fenster war aufgebrochen, kein Gegenstand berührt worden. Und hier, in wenigen Worten, die Aussage des Bedienten: seit einem Monat sei sein Herr anscheinend in großer Erregung gewesen. Oft habe er in wahnsinnigem Zorn eine Reitpeitsche ergriffen und voller Wut auf jene vertrocknete Hand eingeschlagen. Stets habe er griffbereit Waffen um sich gehabt. Oft habe er mitten in der Nacht laut gesprochen als streite er sich mit jemandem. In dieser Nacht habe er jedoch keinen Lärm gehört und erst als er gekommen sei um die Fenster zu öffnen, habe er, der Diener, den Mord an Sir John entdeckt.


Ich teilte dem Justizbeamten alles mit, was ich von dem Toten wusste und auf der ganzen Insel wurde eine eingehende Untersuchung angestellt. Sie brachte nichts ans Tageslicht.


Da hatte ich eines Nachts, drei Monate nach dem Verbrechen, einen entsetzlichen Traum. Mir war, als sähe ich die Hand, diese abscheuliche Hand, wie einen Skorpion oder wie eine mächtige Spinne meine Vorhänge und die Wände meines Zimmers entlang laufen. Dreimal fuhr ich hoch, dreimal sank ich wieder in den Schlaf und dreimal sah ich das scheußliche Ding in meinem Zimmer umherrennen. Es lief auf seinen Fingern wie auf Beinen.


Am nächsten Tage brachte man mir die Hand. Man hatte sie auf dem Friedhof gefunden, auf dem Grabe Sir John Rowells, der dort beerdigt lag.


Das, meine Damen, ist die Geschichte, die ich ihnen erzählen wollte, mehr weiß ich nicht darüber. Den Schuldigen – hat man niemals gefunden.“


Die Damen waren völlig verstört. Mit bleichen Gesichtern, von Schauder durchbebt, hatten sie zugehört. Eine von ihnen rief aus: „Aber das ist doch gar keine richtige Auflösung, eine Erklärung ist es auch nicht. Wir werden nicht schlafen können, wenn sie uns nicht sagen, was ihrer Ansicht nach wirklich geschehen ist.“ Der Untersuchungsrichter lächelte. „Meine Damen, da werde ich ihnen aber ihre schrecklichen Träume tüchtig durcheinander bringen. Ich denke ganz einfach, dass der rechtmäßig Besitzer der Hand nicht tot war, dass er sich mit der gesunden die abgehauene Hand wiedergeholt hat. Wie er das angestellt hat, weiß ich allerdings nicht.“ Eine der Damen murmelte: „Nein, so kann es nicht gewesen sein. Oder?“ Und der Untersuchungsrichter schloss, immer noch lächelnd: „Ich habe ihnen alles gesagt, was ich von der Geschichte weiß. Aber ich wusste ja, dass meine Erklärung ihnen nicht gefallen würde.“

 

 

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