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Man
drängte sich um den Untersuchungsrichter Bermutier, als er sich
über den geheimnisvollen Fall äußerte, der sich unlängst in
Saint-Cloud zugetragen hatte. Mehrere Damen hatten sich erhoben
und waren näher getreten. Eine von Ihnen rief mitten in ein
kurzes Schweigen hinein: „Das ist ja entsetzlich. Das grenzt ans
Übersinnliche. Man wird niemals wissen, wie das geschehen ist.“
Der Untersuchungsrichter wandte sich ihr zu: „Jawohl Madame,
wahrscheinlich wird man niemals wissen, was wirklich passiert
ist. Was nun den Begriff des Übersinnlichen angeht - so ist er
hier nicht angebracht. Aber ich selber musste einmal einen
Kriminalfall untersuchen, bei dem tatsächlich das Übernatürliche
eine Rolle zu spielen schien. Wir mussten ihn übrigens fallen
lassen, da uns jede Möglichkeit fehlte, ihn aufzuklären.
Damals war ich Untersuchungsrichter in Ajaccio, einer kleinen
weißen Stadt, die sich an einen wundervollen, ringsum von hohen
Bergen umsäumten, Meeresbusen schmiegt. Da unten, da hatte ich
vor allem mit Fällen von Blutrache mich zu befassen. Seit zwei
Jahren hörte ich von nichts Anderem reden, als von jenem
schrecklichen korsischen Aberglauben, der fordert, dass jedes
Unrecht gerächt werde an dem, der es begangen, an seinen Kindern
und an allen, die ihm nahe stehen. Der Kopf war mir voll von
diesen Geschichten.
Da hörte ich eines Tages, dass ein Engländer auf zwei Jahre eine
kleine Villa am Ende der Bucht gemietet habe. Er hatte einen
französischen Diener mitgebracht. Bald beschäftigte sich alle
Welt mit diesem seltsamen Menschen, der allein in seinem Hause
lebte und nur ausging, um zu jagen oder zu fischen. Er sprach
mit niemandem, kam nie in die Stadt und übte sich
allmorgendliche eine Stunde oder zwei im Pistolen- und
Gewehrschießen. Legenden bildeten sich um ihn. Man behauptete,
er sei eine hochgestellte Persönlichkeit, die aus politischen
Gründen ihr Vaterland habe verlassen müssen; dann wieder
versicherte man, er verberge sich, weil er ein furchtbares
Verbrechen begangen habe. Man berichtete sogar besonders
schauderhafte Einzelheiten. Ich wollte, in meiner Eigenschaft
als Untersuchungsrichter, einige Erkundigungen über diesen Mann
einziehen. Er ließ sich Sir John Rowell nennen, aber es war mir
unmöglich, etwas über ihn zu erfahren. Ich begnügte mich daher
damit, ihn genau zu überwachen. Als indessen die Gerüchte um ihn
nicht verstummten entschloss ich mich, einen Versuch zu
unternehmen und ein persönliches Zusammentreffen mit diesem
Fremden herbeizuführen. Zu diesem Zweck begann ich, regelmäßig
in der Nähe seines Grundstückes auf Jagd zu gehen. Ich musste
lange auf eine günstige Gelegenheit warten und endlich bot sie
sich mir in Gestalt eines Rebhuhns, auf das ich anlegte und das
ich dem Engländer vor der Nase wegschoss. Mein Hund apportierte,
aber ich nahm ihm das Rebhuhn sofort weg und ging, mich für
meine Ungeschicklichkeit zu entschuldigen und Sir John Rowell zu
bitten, er möge den erlegten Vogel als Geschenk annehmen.
Rowell war ein hochgewachsener, rothaariger Mann mit feuerrotem
Bart und mit breiten Schultern, eine Art friedfertiger und
höflicher Herkules. Er dankte mir lebhaft für mein Feingefühl in
einem französisch, dessen Akzent deutlich auf dem jenseitigen
Ufer des Ärmelkanals beheimatet war.
Als ein Monat vergangen war, hatten wir fünf- oder sechsmal
miteinander geplaudert. Eines Abends schließlich, als ich an
seinem Hause vorüberging, bemerkte ich ihn, wie er rittlings auf
einem Stuhl in seinem Garten saß und seine Pfeife rauchte. Er
begrüßte mich mit der umständlichen Höflichkeit, die den
Engländern eigen ist, sprach mit Begeisterung von Frankreich und
Korsika und erklärte, wie sehr er gerade dieses Land und diese
Gestade liebe. Dann stellte ich ihm, mit größter Vorsicht und
unter dem Vorwand lebhaften Interesses, einige Fragen über sein
Leben und seine Pläne. Er antwortete ohne Verlegenheit und
erzählte, dass er viel gereist sei, in Afrika, in Indien, in
Amerika und lachend fügte er hinzu: „Ich habe gehabt viel
Abenteuer, oh yes.“ Dann ging ich wieder dazu über, von der Jagd
zu sprechen und er berichtete mir die merkwürdigsten
Einzelheiten darüber, wie man Flusspferde, Tiger, Elefanten, ja
selbst Gorillas zur Strecke bringe. Ich sagte: „Alle diese Tiere
sind recht gefährlich.“ Er lächelte: „Oh no, das Schlimmste, das
ist der Mensch!“
Und dann lachte er plötzlich auf. Es war das herzliche Lachen
eines behäbigen, zufriedenen Engländers. „Auch viele Menschen
ich habe gejagt.“ Darauf sprach er von Waffen und bat mich, mit
ihm ins Haus zu gehen und mir Gewehre verschiedener Fabrikate
anzusehen. Sein Salon war ganz mit schwarzer, golddurchwebter
Seide ausgestattet. Große, gelbe Blumen, die wie Feuer glommen,
bedeckten den düstern Stoff. „Das sein Stoff aus Japan“,
erklärte er.
Aber in der Mitte des breitesten Wandstücks fesselte etwas sehr
Merkwürdiges meine Aufmerksamkeit. Von einem Rechteck aus rotem
Samt hob sich ein schwarzer Gegenstand ab. Ich trat näher – es
war eine Hand, eine Menschenhand. Nicht die reinliche weiße Hand
eines Skelettes, sondern eine schwarze vertrocknete Hand mit
gelben Fingernägeln, bloßgelegten Muskeln und Spuren alten,
längst geronnenen Blutes, das aussah wie eine Kruste von Schmutz
auf dem glatt abgehauenen Knochen. Mit einem Beilhieb schien
diese Hand in der Mitte des Unterarms abgetrennt worden zu sein.
Um das Handgelenk wand sich eine schwere, eiserne Kette; fest
genietet, geschmiedet an diese ekelhafte Hand und verankerte sie
in der Wand mit einem Ring, der stark genug war um einen
Elefanten zu halten. Ich frage: „Was ist denn das?“ Der
Engländer antwortete seelenruhig: „Das da? Das sein mein größter
Feind. Ah, das sehr gut für mich, das da.“ Er rührte mit dem
Finger an diesen menschlichen Überrest, der zu einem Riesen
gehört haben musste. Die Finger waren übermäßig lang und hingen
an mächtigen Sehnen, die hier und da noch von Hautfetzen
zusammengehalten wurden. Diese ausgedörrte Hand war scheußlich
anzusehen und sie rief unwillkürlich Gedanken an die Blutrache
irgendeines Wilden wach. Ich sagte: „Dieser Mann muss sehr stark
gewesen sein.“ Sanft und freundlich sagte der Engländer darauf:
„Oh yes, aber ich stärker als er. Ich habe angebracht diese
Kette hier um ihn festzuhalten.“
Ich glaubte, er scherze. Ich blickte ihm prüfend ins Gesicht;
hatte ich es mit einem Irren zu tun oder war er nur ein
zweifelhafter Spaßvogel? Aber das Gesicht blieb
undurchdringlich, ruhig und wohlwollend. Ich sprach von etwas
Anderem, bewunderte die Flinten und stellte indessen fest, dass
drei geladene Revolver auf den Möbelstücken herumlagen. So, als
lebe dieser Mann in ständiger Angst vor einem Überfall. Ich
besuchte ihn noch mehrere male, dann ging ich nicht mehr hin,
man hatte ich an seine Anwesenheit gewöhnt, er war den Leuten
gleichgültig geworden. Ein ganzes Jahr verstrich.
Da weckte mich eines Morgens gegen Ende November mein Diener und
meldete mir, dass Sir John Rowell in der Nacht ermordet worden
sei. Eine halbe Stunde später betrat ich mit dem Oberkommissar
und dem Polizeikapitän das Haus des Engländers. Verstört und
weinend fand ich den Diener vor der Tür. Zunächst hatte ich den
Verdacht, dass dieser Mann der Täter sei aber es stellte sich
heraus, dass er unschuldig war. Kaum hatte ich den Salon
betreten, da sah ich schon, auf den ersten Blick, die Leiche,
ausgestreckt auf dem Rücken, in der Mitte des Zimmers liegen.
Die Weste war zerrissen, ein Ärmel hin herunter, alles deutete
auf einen verzweifelten Kampf hin. Der Engländer war erwürgt
worden. Sein gedunsenes, schwarzes Gesicht sah grässlich aus. In
seinen Zügen, da malte sich ein unmenschliches Entsetzen. Der
Hals, durchbohrt von fünf Löchern, die von eisernen Spitzen
herzurühren schienen, war blutbedeckt. Ein Arzt trat zu uns. Er
untersuchte lange Zeit die Wunden im Fleisch und fasste das
Ergebnis seiner Untersuchung in die seltsamen Worte zusammen:
„Es sieht aus, als sei er von einem Skelett erdrosselt worden.“
Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter. Ich blickte rasch zur
Wand, auf die Stelle, wo ich damals die schaurige, enthäutete
Hand gesehen hatte. Sie war nicht mehr da. Die zerrissene Kette
hing leer hinunter. Jetzt schritt man zur Untersuchung des
Tatortes, entdeckte jedoch nicht das Geringste: keine Tür, kein
Fenster war aufgebrochen, kein Gegenstand berührt worden. Und
hier, in wenigen Worten, die Aussage des Bedienten: seit einem
Monat sei sein Herr anscheinend in großer Erregung gewesen. Oft
habe er in wahnsinnigem Zorn eine Reitpeitsche ergriffen und
voller Wut auf jene vertrocknete Hand eingeschlagen. Stets habe
er griffbereit Waffen um sich gehabt. Oft habe er mitten in der
Nacht laut gesprochen als streite er sich mit jemandem. In
dieser Nacht habe er jedoch keinen Lärm gehört und erst als er
gekommen sei um die Fenster zu öffnen, habe er, der Diener, den
Mord an Sir John entdeckt.
Ich teilte dem Justizbeamten alles mit, was ich von dem Toten
wusste und auf der ganzen Insel wurde eine eingehende
Untersuchung angestellt. Sie brachte nichts ans Tageslicht.
Da hatte ich eines Nachts, drei Monate nach dem Verbrechen,
einen entsetzlichen Traum. Mir war, als sähe ich die Hand, diese
abscheuliche Hand, wie einen Skorpion oder wie eine mächtige
Spinne meine Vorhänge und die Wände meines Zimmers entlang
laufen. Dreimal fuhr ich hoch, dreimal sank ich wieder in den
Schlaf und dreimal sah ich das scheußliche Ding in meinem Zimmer
umherrennen. Es lief auf seinen Fingern wie auf Beinen.
Am nächsten Tage brachte man mir die Hand. Man hatte sie auf dem
Friedhof gefunden, auf dem Grabe Sir John Rowells, der dort
beerdigt lag.
Das, meine Damen, ist die Geschichte, die ich ihnen erzählen
wollte, mehr weiß ich nicht darüber. Den Schuldigen – hat man
niemals gefunden.“
Die Damen waren völlig verstört. Mit bleichen Gesichtern, von
Schauder durchbebt, hatten sie zugehört. Eine von ihnen rief
aus: „Aber das ist doch gar keine richtige Auflösung, eine
Erklärung ist es auch nicht. Wir werden nicht schlafen können,
wenn sie uns nicht sagen, was ihrer Ansicht nach wirklich
geschehen ist.“ Der Untersuchungsrichter lächelte. „Meine Damen,
da werde ich ihnen aber ihre schrecklichen Träume tüchtig
durcheinander bringen. Ich denke ganz einfach, dass der
rechtmäßig Besitzer der Hand nicht tot war, dass er sich mit der
gesunden die abgehauene Hand wiedergeholt hat. Wie er das
angestellt hat, weiß ich allerdings nicht.“ Eine der Damen
murmelte: „Nein, so kann es nicht gewesen sein. Oder?“ Und der
Untersuchungsrichter schloss, immer noch lächelnd: „Ich habe
ihnen alles gesagt, was ich von der Geschichte weiß. Aber ich
wusste ja, dass meine Erklärung ihnen nicht gefallen würde.“
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