Dr. Friedrich Castelle

 

Sein Leben, sein Wirken, sein Ansehen und seine Demontage

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Bild 1 - Bericht im Steinfurter Kreisblatt am 26.06.2010; Text Hans Lüttmann

 

Der vorstehende Zeitungsartikel hat natürlich auch im Stenvorde-Team zu heißen Diskussionen geführt und eigentlich mehr Fragen als Antworten aufgeworfen. Eine grundlegende Stellungnahme zu dieser Aktion wird von uns jedoch erst zum Abschluss unserer Recherchen und dann am Ende dieses Berichts eingefügt.

 

Eines aber schon mal vorweg: es ist uns unverständlich, dass eine Chronik zur 600-Jahr-Feier der Stadt Burgsteinfurt ausgelöscht werden soll, nur weil dieses Werk die Unterschrift Friedrich Castelles trägt, der Text aber wohl überwiegend auf Berichten von Prof. Dr. Karl Georg Döhmann basiert, dem in der ganzen wissenschaftlichen Welt bekannten und geschätzten "Stadtschreiber" von Burgsteinfurt, und dem somit auch ein Denkmal gesetzt wurde.

 

Eine Bücherverbrennung mit uns allen hinlänglich bekannten Folgen hatten wir schon 1933. Haben wir denn immer noch nichts daraus gelernt?

 

Warum kommt man erst jetzt (2010!), also 65 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes und kaum noch lebenden Zeitzeugen, die uns verlässlich Auskunft hätten geben können, öffentlich auf dieses Thema zurück?

 

Hat man sich überhaupt schon mal Gedanken darüber gemacht, was eine Umbenennung von Straßen (im Gespräch sind z.B. Castelle-Str., Karl-Wagenfeld-Str., Stehrstr. und was weiß ich welche sonst noch betroffen sein können) für Folgen und Kosten nach sich zieht?

 

Müsste nicht auch Burgsteinfurt als "angebliche Hochburg" des Nationalsozialismus umbenannt werden?

Ich habe den Begriff "angeblich" gewählt, weil die Dokumente des III. (1000jährigen) Reichs noch unbearbeitet im Keller des Stadtarchivs lagern und daher keine gesicherten Erkenntnisse über die aus heutiger Sicht immer noch schamhaft zu verschweigende und bisher nicht verarbeitete Zeit des Nationalsozialismus für die breite Öffentlichkeit vorliegen. Meine Annahme beruht also nur auf mündliche Aussagen von wesentlich später geborenen Nachfahren, die natürlich auch nicht dabei waren. - Anm. d. Autors

 

Fragen über Fragen, aber wir gehen zu einem späteren Zeitpunkt noch mal darauf ein! Noch fehlen uns einfach zu viele Informationen.

 


 

Zunächst werden wir uns aber dem Menschen Friedrich Castelle zuwenden und sein Leben und Wirken durchleuchten. Wir werden versuchen herauszufinden, warum er im Münsterland (Westfalen) so verehrt wurde, dass Straßen in vielen Orten nach ihm benannt wurden, ihm also besondere Ehrungen zuteil wurden und warum im Jahr 2010 auf einmal dieses ehrende Andenken gefährdet ist. Friedrich Castelle ist fast 75 Jahre alt geworden. Er wurde nach Beendigung des 2. Weltkriegs garantiert nicht für seine etwa 15-jährige Tätigkeit als nationalsozialistischer Kulturfunktionär und Propagandist ausgezeichnet. Was also hat ihn in den übrigen 60 Lebensjahren so beliebt gemacht, dass man sein Andenken in Ehren und ihm die Treue halten wollte?

 

Auskunft über sein Leben gibt uns z.B. ein Beitrag der freien Enzyklopädie MünsterWiki. Wir weisen ausdrücklich noch einmal darauf hin, dass der folgende farbig unterlegte Text nicht vom Stenvorde-Team geschrieben wurde! Wir haben lediglich die [Bearbeitungsvermerke] entfernt. Der Original-Beitrag öffnet sich durch Anklicken dieses Links auf einer neuen Seite!

 

Friedrich Castelle, geboren am 30. April 1879 in Appelhülsen, gestorben am 15. Januar 1954 in Rheine, war ein westfälischer Schriftsteller und Journalist, der zwischen 1933 und 1945 als nationalsozialistischer Kulturfunktionär und Propagandist wirkte.

Leben

Friedrich Castelle wurde in Appelhülsen (heute zu Nottuln gehörig) als Kaufmannssohn geboren, besuchte das Gymnasium und studierte danach Philosophie in Münster. 1906 promovierte er mit einer Arbeit über Ungedruckte Dichtungen Eichendorffs. Ein Beitrag zur Würdigung des romantischen Dramatikers zum Dr. phil. Seit 1900 war er Mitarbeiter von Tagezeitungen u.a. in Aschaffenburg und Aachen, von 1904 bis 1911 als Feuilletonredakteur des Münsterschen Anzeigers. Im Ersten Weltkrieg diente er als höherer Militärbeamter.

Literarische und publizistische Betätigung bis 1933

Castelle trat 1905 der Literarischen Gesellschaft in Münster bei und erlangte als Rezitator Popularität. Seine Vortragsreisen führten ihn durch ganz Deutschland. Münster blieb aber der Mittelpunkt seiner Betätigung. Von 1912 bis 1915 redigierte er die Zeitschrift Deutschland. 1916 wurde er, der bereits als Mitglied weitgehende Aktivitäten entwickelt hatte, dem Geschäftsführer des damals völkisch orientierten Westfälischen Heimatbundes beigegeben. Er betrieb 1919 die Gründung der Niederdeutschen Bühne in Münster. Als die Universität 1919 ein Lektorat für Pressewesen und öffentliche Ausdruckskunst einrichtete, wurde es ihm übertragen (bis 1921). Danach arbeitete er in Düsseldorf als Dozent bei den dortigen akademischen Kursen und leitete dort die Rundfunksendestelle.

In den zwanziger Jahre war er (mit Karl Wagenfeld Herausgeber der Heimatblätter der Roten Erde. Zeitschrift des Westfälischen Heimatbundes, ab 1922 leitender Redakteur der in Breslau erscheinenden Monatsblätter Die Bergstadt und ab 1930 der Zeitschrift Der Türmer : Monatsschrift für Gemüt und Geist in Berlin, in der Die Bergstadt aufgegangen war.

Friedrich Castelle publizierte auch unter den literarischen Pseudonymen Hans Dietmar, Hans Uhlenbrock und Fritz von Schonebeck.
 

Bild 2 - Dr. Friedrich Castelle

NS-Propagandist

Ab 1933 trat er, wie viele andere "Völkische", als Propagandist des Nationalsozialismus auf. So versuchte er 1935, aus der Annette von Droste-Gesellschaft eine nationalsozialistische Vereinigung zu machen. Als Obmann der NS-Kulturgemeinde für den Kreis Burgsteinfurt, als Beiratsmitglied des Gaues Westfalen-Nord und als führender Mitarbeiter der Reichsschrifttumskammer wirkte er auf allen Ebenen an der Propagierung einer völkischen, an der "Blut- und Boden"-Ideologie orientierten Kulturarbeit mit. Castelle, der bereits in den frühen zwanziger Jahren Erfahrungen mit dem damals noch jungen Medium Rundfunk gesammelt hatte, wurde 1937 Haupt-Abteilungs-Sachbearbeiter z.b.V. beim Reichssender Köln, später stellvertretender Intendant. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er eine Presse- und Nachrichtenabteilung und den Reichssender im besetzten Luxemburg.

Hermann-Löns-Kult

Friedrich Castelle setzte sich früh für das Werk von Hermann Löns ein, mit dem er persönlich bekannt war. Nachdem Löns als Kriegsfreiwilliger am 26. September 1914 in Frankreich gefallen war, gehörte Castelle zu denjenigen, die in Deutschland einen nationalistischen "Hermann-Löns-Kult" etablierten und gehörte der Löns-Gedächtnisstiftung an. Als 1933 in der Champagne das angebliche Skelett von Löns gefunden worden war, ordnete Hitler die unverzügliche Exhumierung und Überführung der sterblichen Überreste des "Heidedichters" in die Lüneburger Heide an. Auch Friedrich Castelle war an der Überführung der Gebeine beteiligt. Rivalitäten zwischen Reichswehr, SA und lokalen Funktionären führten dazu, dass die Überreste von Hermann Löns erst im August 1935 bei Walsrode beigesetzt wurden, obschon sich höchste NS-Größen (u.a. Hitler und Göring) in die Angelegenheit einschaltet hatten. Zweifel, ob unter dem Findling im "Tietlinger Wacholderhain" der "echte" Hermann Löns begraben ist, bestehen noch heute.

Lebensende

Bei Kriegsende wurde Castelle gefangengenommen und zunächst im britischen Internierungslager Recklinghausen-Süd in Haft gehalten. Nach seiner Entlassung arbeitete er wieder für den Rundfunk als Verfasser plattdeutscher Hörspiele und trat mit Vorträgen und Rezitationen vor einem allerdings kleiner gewordenen Zuhörerkreis auf. Seine letzten Jahre verbrachte er in Ochtrup auf der Wasserburg Welbergen. Dort ist er am 15. Januar 1954 gestorben. Er wurde auf dem St. Mauritz-Friedhof in Münster beigesetzt.

Ehrungen und Preise

* 1903: Literaturpreis der Literarischen Gesellschaft in Köln;
* 1925: Literaturpreis des Deutschlandbundes für den westfälischen Bauernroman Heilige Erde;
* bis 1990 stand im Alten Rathaus von Burgsteinfurt eine Castelle-Büste, die bei Umbauarbeiten entfernt wurde;
* in Münster führt der Castelleweg seinen Namen.


Werke

* Vom Leben und Lieben. Gedichte; Köln: Schmitz 1904; 47 S.
* Späte Lerchen in der Luft. Gedichte; Köln: Salm 1917; 14 S.
* Das Haus in der Dreizehnmännergasse. Roman; Hannover: Gersbach 1919; 175 S.
* Wanderer im Weltall. Dichtungen; Warendorf: Schnell 1921; 200 S.
* Charon. Eine Dichtung; Hannover: Hahn 1921; 46 S.
* Heilige Erde. Roman; Breslau: Bergstadtverlag 1922; 535 S.
* Die schöne Bibernell. Erzählung"; Breslau: Bergstadtverlag 1923; 101 S.
* Der Vogel Holdermund. Zehn Erzählungen"; Hildesheim: Borgmeyer 1925; 132 S.
* Jeremias Gotteswürmchen, die Geschichte eines fröhlichen Toten. Erzählung; Essen: Spael 1941; 104 S.
* Min Mönsterland. Gedichte; Münster: Aschendorff 1949; 48 S.
* Heidideldum, das fröhliche Dorf. Erzählung; Horstmar, Münster: Montanus [1950]; 112 S.

 

 

Mehr Informationen über das Schaffen von Friedrich Castelle finden Sie im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren (1750 - 1950).

Da es sich auch hierbei um eine externe Seite handelt, öffnet sich dieser Link ebenfalls in einem neuen Fenster!

 

Bild 3 - Artikel aus "Steinfurter Heimatbote - Beiträge zur Weckung von Heimatsinn und Heimatfreude", einer

Beilage zum Steinfurter Kreisblatt, Erscheinungstermin 06. Februar 1954, Verlag Friedrich Winter, Burgsteinfurt

 

Die Fortsetzung des Artikels auf Bild 3 finden Sie in unserer Seite 2

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Text: Willi Tebben

Text: Auszug aus der freien Enzyklopädie MünsterWiki. Der Original-Beitrag öffnet sich durch Anklicken dieses Links auf einer neuen Seite!

Pressebericht:

Bild 1: Bericht im Steinfurter Kreisblatt am 26.06.2010; Text Hans Lüttmann

Bild 3: Artikel aus "Steinfurter Heimatbote - Beiträge zur Weckung von Heimatsinn und Heimatfreude", einer Beilage zum Steinfurter Kreisblatt, Erscheinungstermin 06. Februar 1954, Verlag Friedrich Winter, Burgsteinfurt

Foto: Willi Tebben (Bild 2)

 

externe Links:

Friedrich Castelle - MünsterWiki

Friedrich Castelle - Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren (1750 - 1950)


 

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